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15.11.2017, 19:01 Uhr
Peter Czoik
Redaktionsblog
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Buchpräsentation: Geistliche Spiele der Barockzeit aus Oberbayern

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Gedenkblatt für den Übergang Altomünsters an die Birgitten 1497. Der Holzschnitt zeigt die hl. Birgitta vor der stilisiert dargestellten Klosterkirche von Altomünster ("Mariaminister"). Unterhalb der Kirche kniet der hl. Alto (als Bischof), flankiert von Herzog Georg dem Reichen und seiner Gemahlin Hedwig (1457-1502), welche die Kirche an Birgitta übergeben. 1599 wurde der Einblattdruck in eine Inkunabel eingeklebt und bei dieser Gelegenheit der Buchtitel in roter Tinte ("exempel Büch der altväter") nachgetragen. (BSB Rar. 330)

Klöster und Stifte im alten Bayern nahmen bis zur Säkularisation von 1803 geistliche, geistig-kulturelle, wirtschaftliche und soziale Aufgaben wahr, u.a. Wissenschaftspflege, Pflege der Kirchenmusik, Publizistik und Bildung. In diesem Umfeld sind auch die geistlichen Spiele zu verorten: Sie haben sich im Mittelalter zuerst im Rahmen der Liturgie herausgebildet, als Weihnachts-, Oster- und Passionsspiele. Einen neuen Ansatz stellten nach der Reformation die Jesuitendramen dar. Sie haben das Schul- und Volksschauspiel anderer Orden angeregt und beeinflusst. Am 8. November 2017 präsentierten Herausgeber Prof. Dr. Wilhelm Liebhart (Hochschule Augsburg) und Verleger Fritz Pustet zusammen mit Schauspielern im Museum Altomünster eine neue Buchausgabe aller lokaler und weiterer Barockspiele aus Indersdorf, Fürstenfeld und Weyarn. Es sind z.T. unbekannte Spiele unterschiedlichster Art, die in den Jahren 1981 bis 1983 von den Herausgebern in der Bayerischen Staatsbibliothek und im Archiv des Birgittenklosters Altomünster entdeckt und ediert wurden. Die Laudatio zur Buchpräsentation hielt Prof. Dr. Klaus Wolf (Universität Augsburg).

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Altomünster wurde in den 1980er- und 1990er-Jahren durch die Aufführung mehrerer geistlicher Spiele überregional bekannt. Es handelt sich dabei um das sog. Birgittenspiel „Schauplatz der Tugend“ von 1677, das mit der katholischen Reliquienverehrung einhergehende Translationsspiel von 1694 sowie das Passionsspiel 1753, das die Leidensgeschichte Christi als Karfreitags-, Ölberg- bzw. Osterspiel zur Aufführung bringt. Die Spiele sind, wie die Herausgeber Klaus Haller (1939-2011) und Wilhelm Liebhart (*1951) betonen, „Zeugnisse der gehobenen Volkssprache, nämlich des Schriftbairischen des 17./18. Jahrhunderts“, und in ihrer Art volkstümlich so wie die barocken Kirchen auf dem Land. Der Kloster- und Marktort Altomünster, der zwischen Aichach und Dachau, an der Grenze der Bistümer Freising und Augsburg liegt, reicht bis ins 8. Jahrhundert zurück und soll von dem iroschottischen Wanderprediger Alto gegründet worden sein. 1056 wurde das von den Welfen begründete Benediktinerkloster durch ein Frauenkloster ersetzt, in das später (1497) Schwestern und Brüder des Birgittenordens aus Maihingen am Ries einzogen. Der Orden wiederum geht auf die schwedische Mystikerin und Heilige Birgitta von Schweden (1303-1373) zurück, die als Beraterin von Adligen und zweier Päpste sich für eine aktive Friedenspolitik einsetzte und seit 1999 als Mitpatronin Europas gilt. Bis Anfang 2017 lebte ein Birgittinnenkonvent des alten Ordens im Kloster Altomünster; am 17. Januar wurde die Auflösung des Klosters vollzogen und die Erzdiözese München und Freising als Rechtsnachfolger eingesetzt.

Im Archiv des Frauenkonvents erhielten sich über die Zeit hinweg diverse Spiele, die unter dem Einfluss des damaligen Jesuitentheaters standen, aber auch teilweise ohne diesen Einfluss auskamen, was vor allem für die volkstümlichen Passionsspiele gilt. Da letztere in Deutsch und nicht in Latein geschrieben wurden, sind sie ein wichtiges Zeugnis für die Hochsprache Altbayerns. Die Texte der Schauspiele sind durchweg gereimt, meist mit vier Hebungen (Betonungen); Reim und Versmaß waren wichtige Hilfsmittel zum Auswendiglernen und Verstehen der Texte.

Darstellungen der hl. Birgitta von Schweden. Links auf einer Altartafel in der Kirche von Salem, Södermanland. Rechts nach einem Ölgemälde im Birgittenkloster Altomünster (BSB Porträtsammlung).

Drei der unterschiedlichen geistlich-barocken Spiele aus dem Birgittenkloster Altomünster, dem Zisterzienserkloster Fürstenfeld, dem Augustiner-Chorherrenstift Indersdorf und dem Augustiner-Chorherrenstift Weyarn wurden bei der Buchpräsentation am 8. November 2017 vorgestellt. Mit kurzen Erläuterungen von Wilhelm Liebhart und szenischen Darbietungen ortsansässiger Laienschauspieler wurde in den ‚Geist‘ der Stücke eingeführt – des Birgittenspiels 1677, des Katakombenheiligenspiels von 1694 sowie des Passionsspiels 1753. In der aktuellen Buchausgabe Geistliche Spiele der Barockzeit aus Oberbayern der Reihe Editio Bavarica (Verlag Pustet, Regensburg) liegen diese zum ersten Mal ediert vor. Die Reihe bietet sowohl der akademischen Fachöffentlichkeit als auch einem interessierten Laienpublikum philologisch exakt aufbereitete, verständliche Texte baierischer Provenienz. 

Ein häufiger Typus des geistlichen Spiels ist die Heiligenvita, also die Lebensgeschichte einer heiligen Person oder biblischen Gestalt. Meist wird gezeigt, wie die Person im Kampf gegen das Böse geführt, durch Wunder bestätigt und den Zuschauern als Vorbild vorgestellt wird. Im Birgittenspiel von 1677 beispielsweise gibt Christus den Schutzengeln den Befehl, auf Birgitta Acht zu geben, damit sie eine auserwählte Braut  werden kann. Neben dem belehrenden und unterhaltenden Charakter zeigt jedes Heiligenspiel als „Comoedi“ letztlich den Sieg des Guten über das Böse. Es gibt aber auch Trauerspiele wie das 1761 aufgeführte Thecla-Spiel in Altomünster. 

Das Birgittenspiel ist mit 5.400 Versen das umfangreichste von den geistlichen Spielen Altomünsters. Es stellt die Ordensgründerin Birgitta von Schweden und ihre Tochter Katharina als erste Ordensäbtissin in den Mittelpunkt, wobei die Tugenden Birgittas und Katharinas auf einem „Schauplatz“, wie es im Titel heißt, zur Darstellung gebracht werden. Die Lust des Anschauens war nämlich „ein wesentlicher Zug des barocken Lebensgefühls“. Im Prolog rühmt sich das Königreich Schweden, „auch in den Tugenten und Heilligkheit fürtreffliche Leüth herfür gebracht“ zu haben, besonders aber die heilige Frau Birgitta und ihre Tochter:

Suecia

Ich bin das Schwedisch Königreich,

            darff mich wol sechen lassen,

steh unverzagt, und keinem weich,

            der mich thuett feindtlich hassen.

Bin volkreich, aus mir kommen her,

            vill ritterliche Helden,

die greiffen g’schwindt zur Gegenwehr,

            wan sich die Feindt anmelden.

Hab auch Metall in Yberfluss,

            fürnemblich aber Eisen,

darmit kann seiner Feindt Verdrus

            ein Potentat abweisen.

Doch aber ich mein Herrlichkheit

            in dem allein nit seze.

Es gibt bey mir noch andre Leüth,

            die ich vill höcher scheze.

(Geistliche Spiele der Barockzeit aus Oberbayern, S. 45)

Älteste Ansicht des Klosters Altomünster, 1653, vom Weingartner Benediktiner Gabriel Bucelin (1599-1681).

Als zweites Spiel präsentierte Wilhelm Liebhart das Translations- bzw. Katakombenheiligenspiel von 1694. Es ist eine Fortsetzung des Spiels von 1688, aus der Feder des Birgittenpriors Simon Hörmann,[1] das die Übertragungsfeierlichkeiten – sog. Translationen von Heiligenleibern ins Kloster – zum Anlass hat, die ursprünglich mit der Entdeckung einer römischen Katakombe 1578 einhergegangen waren. Im Zentrum des Spiels von 1688 steht die ‚Übertragung‘ der beiden heiligen Märtyrer-Ritter Alexander und Maximilian aus Rom durch den Ortspatron Alto. Im Fortsetzungsspiel steht wieder der hl. Alto im Mittelpunkt, diesmal in Begleitung seiner ritterlichen „Salvegarde“ Alexander und Maximilian, und empfängt die drei neuen Märtyrer aus Rom, die Ehefrau Mercuria sowie die Zwillingskinder Fortunatus und Victoria. Der hl. Alto lobpreist Gott, dass er ihn und sein Kloster mit so vielen römischen und edlen Märtyrern bedacht hat:

S[anct] Alto

Gelobet sey Gott im höchsten Thron,

das er mir disse Ehr gethon!

Mein Closter auch so hoch geehrt

Mit sovil edlen Römern wert.

[...]

Mercuria bringt Zeitung guet,

S[anct] Fortunat Glickh bringen thuet,

den Sieg bringt uns Victoria:

Wer wolt dan nit aufnemen da

in meinem Kloster solche Leüth,

die Glickh mitbringen, Sieg und Freud.

(Geistliche Spiele der Barockzeit aus Oberbayern, S. 252)

Der hl. Alto entdeckt die Altoquelle. Deckenfresko-Ausschnitt von Joseph Mages um 1770 in der Kirche St. Alto und St. Birgitta in Altomünster.

Das dritte und letzte geistliche Spiel des Abends war das Passionsspiel 1753 des Marktschreibers von Altomünster, Mathias Balthasar Raith (†1783), der es für eine Aufführung für die Bürgerschaft niedergeschrieben, aber nicht verfasst hat. Etwas mehr als die Hälfte stammt aus dem Passionsspiel des Augsburger Meistersingers Sebastian Wild sowie den Dramata Sacra des Haller Jesuiten Andreas Brunner (1589-1650); eine Passage geht auf Hans Sachs direkt zurück. Ein sprachlich ausgefeilter und inhaltlich sehr anrührender Text des Passionsspiels ist unter anderem die Rede Jesu am Kreuz – infolge des sich wiederholenden Reimschemas AABCCBDDEE können in ihr zwei Strophen ausgemacht werden:

Christus

Welt, Welt, es kombt aufs Höchst mit mir,

dein Gott hengt an dem Creuz von dir

mit Schmerz und Angst umbgeben.

Verlohr[e]n hab ich Ehr und Guet,

vergossen auch schier alles Bluet,

jetzt kost es gar daz Leben.

Mich und mein Lieb hast nit erkennt,

dannoch mach ich ein Testament

vor dich in meinem Sterben,

mach manchen zu ein Erben.

Ich that für dich vill harte Tritt,

vill Streich, vill Schmerz, gross Qual ich lith.

Hat aber nichts verfangen.

Ich kundt mich rechen, thues doch nit,

ich biett dir noch an meinen Frid,

dein Lieb hat mich gefangen.

Wilstu, ich schenkh dir all dein Schuld,

es steht dir offen Gnad und Huld.

Ich will darnach bedenckhen,

mein Haab und Guett als schenckhen.

(Geistliche Spiele der Barockzeit aus Oberbayern, S. 427)

Links: (V.l.n.r.) Prof. Dr. Klaus Wolf, Robert Gasteiger, Josef Mederer, Fritz Pustet, Marianne Klaffki, Prof. Dr. Wilhelm Liebhart und Ingrid Haller. Rechts: Sonja Holzmüller als Königreich Schweden. Fotos: Gisela Huber

Alles in allem machte die Buchpräsentation nicht nur aufmerksam auf eine volkstümlich-dramatische Spiel-Gattung, die über die Jahrhunderte hinweg das literarische Gedächtnis der vor allem ortsansässigen Bevölkerung geprägt hat, sondern auch Lust am Lesen von – aus heutiger Sicht – teilweise unbekannten oder vergessenen baierischen Texten.

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[1] In der Bibliothek des Reichsrats Frhr. v. Cramer-Klett auf Hohenaschau befand sich eine Chronik des Klosters Altomünster von P. Simon Hörmann, der 1669-1701 Prior des Klosters gewesen war. Die als „Tagebuch“ des Priors zu verstehende Chronik wird heute im Klosterarchiv Altomünster als späte Abschrift verwahrt (Geistliche Spiele der Barockzeit aus Oberbayern, S. 30).


Externe Links:

Editio Bavarica im Verlag Friedrich Pustet

Prof. Wilhelm Liebhart an der Hochschule Augsburg

Prof. Klaus Wolf an der Universität Augsburg

Artikel Birgitten im Historischen Lexikon Bayerns

Literatur zu Altomünster

Museum Altomünster

Kloster Altomünster in der Wikipedia


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