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21.12.2015, 18:57 Uhr
Peter Czoik
Text & Debatte
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Büchersendung: Die Weihnachtserzählungen von Isabella Braun in einer neuen Edition

Am 12. Dezember 2015 jährte sich der 200. Geburtstag von Isabella Braun (1815-1886). Ein guter Anlass, an die Begründerin des christlichen Jugendbuches zu erinnern: Was kann einer zu Unrecht fast vergessenen Schriftstellerin Besseres widerfahren als wiederentdeckt und (wieder-)gelesen zu werden? Vor allem ihre Weihnachtserzählungen verdienen besondere Beachtung. Sie schlagen eine Brücke in die Vergangenheit und können als literarischer Adventskalender verwendet werden – jede Geschichte ein erleuchtetes Fenster.

Bereits um das Jahr 1860 werden Isabella Brauns Weihnachtsgeschichten zum ersten Mal veröffentlicht. Bei Scheitlin in Stuttgart erscheint ein Werk unter dem Titel Der Christbaum. Ein Weihnachtsbuch für gute Kinder, mit sechs kolorierten Bildern von Theodor Rothbart. Er ist der ältere Bruder von Ferdinand Rothbart, der die von Braun herausgegebene Zeitschrift „Jugendblätter für christliche Unterhaltung und Belehrung“ koloriert. Der Christbaum enthält bereits 20 der insgesamt 23 Weihnachtsgeschichten, die später, um 1880 herum, publiziert werden.

Die Weihnachtsgeschichten sind auch in den „Gesammelte Erzählungen“ (Bd. 9) von Isabella Braun enthalten, unter dem Titel Vier Wochen lang. Aus der fröhlichen, seligen Weihnachtszeit. In der fünften Auflage von 1914, erschienen bei Auer in Donauwörth, schreibt der damalige Herausgeber H. Wagner: „Manche Verbesserung, besonders im Ausdruck und in der Rechtschreibung, mußte vorgenommen, einiges ausgeschieden, vieles klarer und knapper gefaßt werden.“

Genau das wollen die Neuherausgeber Claudia, Dieter und Julia Distl mit dem vorliegenden Band verhindern. Es geht ihnen nicht darum, die Autorin zu „verbessern“, sondern so authentisch wie möglich zu Wort kommen lassen. Eigentümlichkeiten, wie beispielsweise der übermäßige Gebrauch des Semikolons, sind deshalb beibehalten worden. Ebenso sind Begriffe wie „die Ahne“ oder das weihnachtliche „Zwetschgenmärtel“ nicht neudeutsch übertragen oder gar erklärt.

Die 23 Weihnachtsgeschichten bauen aufeinander auf und sollten am besten hintereinander gelesen werden – jeden Tag, vom 1. Dezember an bis zu Heilig Abend. Die abschließende Erzählung „Vakanzfreuden“ ist als 24. Geschichte von den Neuherausgebern angefügt – sie kann als „Vorfreude auf den sicher bald wiederkommenden Sommer“ gelesen werden. In der Perspektive der in Neuburg an der Donau unterrichtenden Lehrerin beschreibt Isabella Braun hier die Donaulandschaft, ihren Unterrichtsraum unter dem Kongregationssaal sowie ihre Vorfreude auf die Vakanz, die anstehenden Ferien. Schulische und häusliche Alltagsschilderungen, die Darstellung von Lebensgewohnheiten einfacher Leute und der Bürgerschicht sind immer wieder tonangebend und beispielhaft in Brauns Erzählungen.

Es verwundert daher kaum, dass unter den Weihnachtsgeschichten ausgerechnet solche hervorstechen, in denen die Schriftstellerin menschliche Unterschiede, ja Vorurteile aufgreift. Vor allem die Diskrepanz zwischen Arm und Reich, Dorf und Stadt, Kunst und Natur, „Eigensinn und Demut, Ehrgeiz, Ehrlichkeit, Gewissen und Ordnung“ sind wiederkehrende Themen. Zu ergänzen wäre diese Reihe noch um die Wandlungsfähigkeit des Menschen, menschliche Wiedergutmachung und Versöhnung. „Aus letzteren bezieht Isabella Braun ihre ‚christliche Soziallehre‘, denn Schreiben ist ihr – trotz allem ökonomischen Druck, den sie damit hat – immer zugleich ethische Aufgabe“, wie der Verfasser des Nachworts Dr. Peter Czoik schreibt.

Die Quintessenz, so Czoik weiter, ist einfach: Jeder kann letztlich des anderen Weihnachtsengel werden, „wenn alle den wahren Wert hinter den Dingen erkennen“. Ganz in diesem Sinne wird bei Isabella Braun aus einem alten, ausrangierten Weihnachtsbaum, weil ihn die jungen Leute mit Freude nochmals schmücken, letztendlich ein neuer Lebensbaum.

 

Isabella Braun: Vier Wochen lang. Aus der fröhlichen, seligen Weihnachtszeit. 23 Weihnachtsgeschichten. Hg. von Claudia, Dieter und Julia Distl (Edition Descartes 14). Wolnzach: Verlagshaus Kastner 2015.

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