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15.05.2013, 15:33 Uhr
Joachim Schultz
Panizza-Blog
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Oskar Panizza schuf mit der satirisch-grotesken Himmelstragödie "Das Liebeskonzil" (1894) den Anlass für einen der skandalösesten Blasphemieprozesse der deutschen Literaturgeschichte. Seit Oktober 2012 liest Joachim Schultz wöchentlich Werke von Oskar Panizza und begleitet ihn auf seinen Lebensstationen.

Panizza-Blog [30]: Panizzas letzte Jahre

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Das Mainschloss (Aero-Expreß, Leipzig N 21. Luftbild Nr. 5034: Original-Fliegeraufnahme). Auf der Bayreuther Herzoghöhe befindet sich heute eine REHA- Klinik. Das Mainschloss wurde nach dem 2. Weltkrieg abgerissen.

Zu Panizzas Krankheit gibt es verschiedene Gutachten, in dem der Münchner Kreisirrenanstalt heißt es: „P. leidet an systematischen Verfolgungs- und Förderungsideen, die hauptsächlich auf kombinatorischen Wege entstanden sind und denen er völlig kritiklos und unbelehrbar gegenübersteht; infolge dieser geistigen Erkrankung – Paranoia – ist sein ganzes Denken, Fühlen und Handeln krankhaft beeinflusst.“ (Zit. nach Der Fall Oskar Panizza... Hg. von Knut Boeser. Berlin: Edition Hentrich 1989, S. 181.) Dr. Ungemach, ein Sachverständiger des Gerichts, schreibt später, dass Panizza „seit vielen Jahren an chronischer Verrücktheit“ leide (ebda, S. 182). Er selber sieht das nicht ganz so, aber er hat keine Kraft mehr, sich zu wehren. Am 28. März 1905 wird er gegen seinen Willen entmündigt. Der protestantische Dekan Friedrich Lippert wird, wie bereits erwähnt, sein Vormund. Ihm und Panizzas Mutter gelingt es, den Patienten noch in diesem Jahr in der Privatklinik des Dr. Albert Würzburger in Bayreuth auf der Herzoghöhe, im sog. Mainschloss, unterzubringen. Dort bleibt er bis zu seinem Tod am 28. September 1921.

Rainer Wirth, ein Nachfahre Panizzas, hat mir Einblick in die umfangreichen Memoiren von Panizzas Mutter gewährt. Sie zitiert darin aus einem Brief des behandelnden Arztes Dr. Knehr: „Dr. Panizza leide an chronischer Geisteskrankheit – mit den Ärzten verkehre er nicht, weil ihm dieses doch nicht helfe – er spreche aber mit den Kranken, spiele Schach mit ihnen, gehe auch spazieren – spreche laut in seinem Zimmer aber stets französisch. Er sehe sehr gut aus – der Schlaf sowie der Appetit sei ganz zufrieden stellend.“ (März 1905) Friedrich Lippert berichtet in einem Brief vom 9.11.1908 an Panizzas Mutter über einen Ausflug zur Bayreuther Eremitage: „Wir fuhren durch alle Straßen der Stadt der Eremitage zu; und bei jedem Haus prüfte er, ob es zu Bayreuth gehöre oder nicht. Auf der Eremitage tranken wir uns zu wärmen einen Café im Freien, denn der Patient genierte sich, den Restaurationsraum zu betreten, und verfütterte die ganze Zuckertüte voll freudiger Erregung an das Droschkenpferd, indem er sich entschuldigte, er sei doch irrsinnig und könne nicht anders.“

Hier fragt man sich unwillkürlich: Kannte Panizza Nietzsches Erlebnisse mit einem Droschkengaul in Turin? Weiter in Lipperts Brief:

Dann hielt er unter dem großen Lindenbaum eine französische Rede über die beste Kaffeemischung und Zubereitung. Wir betrachteten uns das kleine Versailles und Oskar freute sich über die Bauten mit ihren bunten Steinen und Bergkrystallen, über das Bildwerk und die Bassins und über das in den Laubgängen niederieselnde Laub. Bald war unter Spaziergehen in den schönen Anlagen unsere Zeit vorüber und wir fuhren wieder zurück, nicht ohne dass ich das Versprechen gab, bald wieder zu kommen und uns, wenn das Frühjahr kommt, an weiteren Spazierfahrten zu ergötzen. Wir hatten uns alle warm angezogen und so hatte uns die Kälte nichts geschadet, insbesondere erträgt Herr Oskar dieselbe, denn er sieht sehr gesund und vollkräftig aus.

Ja, war er denn wirklich so krank, dass man ihn für immer wegsperren musste? Mich erinnert das an den Fall Robert Walser, dem es ähnlich erging, und der irgendwann wohl damit einverstanden war, in einer Anstalt zu leben, wo er seine Ruhe hatte. Friedrich Lippert schreibt weiter in diesem Brief: „Hallucinationen hat er ja, aber sie zaubern ihm lauter liebliche Bilder vor, er leidet nicht an Schrecken und Verfolgungswahn und fühlt sich ganz glücklich. Selbst wenn er aufgeregt spricht, liegt im Unterschied von andren Kranken in seinen Äußerungen noch sehr viel Grazie. Er ist viel im Garten und an der Luft und hält seine Zimmer immer ziemlich kühl. Sein französisches Zeitungsjournal liest er auch regelmäßig.“ (Zit. nach den Memoiren von Panizzas Mutter, II, S. 198f.) Außerdem war er, zumindest in den ersten Bayreuther Jahren, noch kreativ. Davon mehr im nächsten Post...

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