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21.03.2013, 16:18 Uhr
Joachim Schultz
Panizza-Blog
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Oskar Panizza schuf mit der satirisch-grotesken Himmelstragödie "Das Liebeskonzil" (1894) den Anlass für einen der skandalösesten Blasphemieprozesse der deutschen Literaturgeschichte. Seit Oktober 2012 liest Joachim Schultz wöchentlich Werke von Oskar Panizza und begleitet ihn auf seinen Lebensstationen.

Panizza-Blog [24]: Nero und andere Wahnsinnige

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Nero-Porträt (auf dem Umschlag der Buchausgabe der genannten Tragödie, 1898).

Wie gesagt: In den ersten Monaten nach dem Gefängnis ist Panizzas Schaffenskraft noch ungebrochen. Er schreibt sogar ein neues Theaterstück. Nero. Eine Tragödie in fünf Aufzügen, das er im Oktober 1898 dem Königlichen Landestheater in Prag zur Aufführung anbietet. Der römische Kaiser wird hier als größenwahnsinniger, aber auch kunstsinniger Despot, im Widerspruch zur Philosophie seines Lehrers Seneca, dargestellt. Hat Panizza hier ein neues Vorbild gefunden? Wie auch immer: Das Stück wird nicht angenommen. Hans Prescher schreibt darüber: Die Tragödie „enthält einige eindringliche und psychologisch genaue Szenen vom Untergang des Kaisers, stellt insgesamt aber doch einen nur wenig bühnenwirksamen historischen Bilderbogen dar.“ (In seinem Nachwort zu Das Liebeskonzil und andere Schriften. Hg. von H. Prescher. Neuwied: Luchterhand 1968) Der Wahnsinn lässt nun Panizza nicht mehr los. Im selben Jahr scheint Psychopatia criminalis, ein Pamphlet gegen die deutsche Gerichtsbarkeit, die allzu gerne auffällige Künstler für verrückt erklärt, mit dem Untertitel „Anleitung um die vom Gericht für notwenig erkannten Geisteskrankheiten psichjatrich zu eruïren und wissenschaftlich festzustellen. Für Ärzte, Juristen, Vormünder, Verwaltungsbeamte, Minister etc.“. (Von nun an müssen wir uns an die immer eigenwilliger werdende Orthographie von Panizza gewöhnen.) Bernd Mattheus misst diesem Werk große Bedeutung zu. Er bezeichnet Panizza in seinem Vorwort zu einer Neuauflage (zusammen mit anderen Schriften: München: Verlag Matthes & Seitz 1978, S. 22) als Vorläufer von Michel Foucault und seinem Buch Histoire de la folie (1961) und schreibt dazu: „knüpf dich auf foucault, dass du so spät gekommen bist“.

Und ein weiteres Werk aus diesem Jahr muss hier erwähnt werden. In der Nummer 5 der Zürcher Diskuszionen erscheint Panizzas Abhandlung „Christus in psicho-patologischer Beleuchtung“. Hier heißt es am Ende: „Und so starb Jesus. Starb den Tot durch Henkershand. Ein Paranoïker. Aber ein Geistesheld, der mit der ganzen zähen, nie wankenden Kraft des paranoïschen Wahns seine Ideen bis zum lezten Blutstropfen verteidigt; indem er als Märtirer fält, die Maßen mit dem Inhalte seines Wahns anstekt, und so der ‚Geisteskrankheit‘ eine fast 2000jährige Dauer von ‚Wahrheit‘ verschaft.“ (a.a.O., S. 222) Auch Christus, ein Wahnsinniger? Kurt Tucholsky hat in seinem Artikel „Sprechstunde am Kreuz“ (Weltbühne, 11. Dez. 1928) diese Abhandlung gewürdigt. Er sieht sehr wohl Panizzas „vollendeten Unglauben“, schreibt aber auch: „Das psychiatrische Element der Arbeit Panizzas ist höchst beachtlich, weil es nicht dominiert. Er sieht [in Christus] nicht nur den Patienten – er sieht den Aufwiegler.“

Ganz erstaunlich, diese Schaffenskraft. Gleichzeitig hat Panizza den Ärger mit den Schweizer Behörden, wird ausgewiesen und muss im November 1898 einen neuen Umzug bewerkstelligen. Dieses Mal geht es nach Paris, vermutlich schon lange ein Traumziel von ihm. Er hat zwar nicht sehr viele Möbel, doch eine Bibliothek von über 10.000 Bänden! Er findet eine Wohnung in der Rue des Abesses Nr. 13 auf dem Montmartre. Mitten in der Lebensfreude? Ja, schon damals gilt Paris als Ort unbegrenzter Vergnügungen. Aber diese Stadt ist auch eine Riesenmetropole, in der man als Fremder ziemlich einsam sein kann. Rainer Maria Rilke beginnt seine nur wenige Jahre später entstandene, in Paris spielende Erzählung Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge mit den Worten: „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.“ Nein, gestorben ist Panizza nicht in Paris, aber es ging immer weiter mit ihm bergab...

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