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Joachim

... will zu metaphysischen Gedanken verlocken, zu einem Hauch von Ewigkeit.

Die Landschaft ihres Körpers ist in seiner Handfläche nach einem Monat immer noch gegenwärtig: jede Erhebung, jedes Tal, sogar der nach Rosen duftende Tau ihrer erregten Haut. Abends wiegt er sich, wie ein Schiff in der Brandung, in der Erinnerung ihrer leidenschaftlichen und weiblichen Bewegungen und sehnt sich nach einem Wiedersehen. Bald ist es so weit. Wie gelähmt sucht er nach etwas Passendem. Alles ist ihm zu elegant, zu bunt, so leger. Jedes Wort zu naiv, zu verklemmt, kompromissvoll. Was ist passiert? Wo war der alte Joachim, der seine Gefühle immer im Griff hatte? Er sucht und sucht nach Gründen den Termin für diesen Abend zu verschieben, abzusagen.

Er läuft zum Fenster. Die Lichter der Maximilianstraße, das Gewirbel am Eingang des Theaters, alles in der Dunkelheit der Nacht, gibt ihm die Erkenntnis wieder zu Hause zu sein. Ein Zuhause, das er seinem Großvater zu verdanken hat. Er war der große und verrückte Künstler an der Stadtoper mit dem besonderen Blick, der Generationen der Theaterbühne veränderte. Joachim liebt diese Gegend, ihren Flair und den Kontrast zu seiner Realität, als bescheidener Professor an der Universität.

Er seufzt tief und denkt nochmal an sie. Seine Gedanken bleiben hängen an dem Augenblick, als sie sich trafen. Damals geschah alles rasend schnell. Es war ein heißer Montagnachmittag. Er saß in der Bibliothek am Gasteig. „Die Ewigkeit“ war das Seminarthema, das er vorbereiten sollte. Ein Thema, das ihn schon als Kind begeisterte und frustrierte zugleich. Sein Großvater redete über die Möglichkeit, Momente zu verewigen. Nicht aber im Gedächtnis, sondern in der Seele der Menschen.

„Wie Wagners Musik“, hörte Joachim noch seine raue Stimme. Er wollte seine Studenten damit aus ihrem Kokon herausholen, so wie es ihm als Jugendlicher gegangen war. Vielleicht sogar zu metaphysischen Gedanken verlocken. Stundenlang lief Joachim durch die Bücherreihen. Er suchte Aussagen, die ihn überraschten, seine eigenen Gedanken übertrafen. Ein Teil von ihm war müde und sehnte sich nach seiner geplanten Reise in die Dschungel Amazonas. Der andere Teil von ihm ließ die letzten vergänglichen Strahlen des Münchener Sonnenuntergangs sein Gesicht aufwärmen.

Als er das Buch von Thomas von Aquin: „Das Seiende und die Vernunft“ aus dem Regal nahm, passierte es: Sie stand vor ihm. Besser gesagt, sie stand störend, mitten im Lichtstrahl, zwischen dem Fenster und ihm. Joachim erhob den Kopf, um etwas zu sagen, aber ihre Ausstrahlung fesselte seine Sinne. „Vernunft?“, las sie flüsternd den Titel des Buches in seiner Hand und lächelte ihm zu. Ihre Stimme verzauberte alles, sogar der Moment schien inne zu halten. Im schwachen Licht sah er kein Gesicht. Er erkannte die Schönheit eines Korallenriffs in ihren Augen: tief, grün, unendlich. Joachim verlor den Halt. Zeit und Raum verschmolzen im Nichts. Er schwebte. Er gab sich Mühe, „vernünftig“ zu bleiben. Ja, genau „ver-nünf-tig“, wie es sich für einen Philosophieprofessor gehört, dessen Studentin vor ihm steht. Doch das Blut seines Körpers floss in alle Richtungen in hoher Geschwindigkeit, leider nicht ins Gehirn. Keine Chance an dem Tag. Keine Chance an allen folgenden Tagen.

Ihr Duft, ihre Berührungen, ihre Stimme, alles hinterließ tiefgreifende Spuren in ihm, wie die Rillen auf einer CD. Sie waren jederzeit aufrufbar. Jederzeit gegenwärtig.

Er riecht erneut an seiner Hand. Ein bestätigendes Lächeln formt sich unaufgefordert auf seinem Gesicht. Oh ja… Er trägt sie überall mit sich, auf seiner Haut. Er schaut nach seiner Uhr, es ist zu spät. Noch in Trance zieht er sich seinen blauen Lieblingspulli an und läuft die Straße in Richtung Odeonsplatz. Seine Vorlesung würde jede Minute anfangen. Die Nähe zur Universität war häufig die Rettung bei seinen Träumereien und dem chaotischen Lebensstil.

Er schaut in den Raum. Heute ist es besonders voll. Joachim, ein bisschen nervös, sucht in den hunderten Blicken den ihren.

Er fängt stotternd an, sein Thema vorzutragen, und streift suchend mit seinen Augen die Menge. Das Thema bekommt schnell Tiefe, wie das Meer. Es fließt so wie die Fragen, die ihn an seine Jugend erinnern. Er vergisst das Korallenriff. Er vergisst, wie immer, die Zeit.

„Meine Damen und Herren“, spricht er in die Menge und schaut auf seine Uhr.

„Lassen Sie uns für heute die Ewigkeit vergänglich machen. Bis morgen alle zusammen.“

Der Applaus war wie immer aufbauend. Wenn die Studenten wüssten, wie viele Fragen auf seinen Zetteln seit Jahren noch unbeantwortet waren. Antworten, die er noch nicht in den geschriebenen Worten, in keiner Bibliothek gefunden hat. Er schaltet das Licht des Raumes aus. Er kann seinen Erfolg im Spiegelbild an der Glastür ablesen. Nur der blaue Pulli, den er für sie ausgesucht hatte, verliert langsam an Glanz.

Sie war nicht da gewesen. Niemand in der ersten Reihe strahlte ihm entgegen mit ihren tiefen, grünen Augen voller Neugier. Sie waren nach der Vorlesung verabredet. Er wollte ihr endlich seine Liebe gestehen. Aus dem Amazonas hatte er ihr ein besonders Geschenk geschickt. Eine Indianerin flocht einen heiligen Beutel aus Lianen und Gräsern. „Die Seelen der Verliebten können hier drinnen in Ruhe zueinander finden.“ Sprach die alte Frau aus tupi guarani, als sie ihm die Tasche aushändigte. „Sogar bis in die Ewigkeit.“

Er nahm die Tasche in die Hand, schaute sie an und schmunzelte. „Ewigkeit, Ewigkeit. Sogar im Dschungel denkt man darüber nach!

Er packte den Beutel sorgfältig ein und schickte ihn ihr voller Liebe und Sehnsucht. Bald würden sie sich wiedersehen. „Heute“, denkt er, leicht wehmütig.

Langsame Schritte nähern sich. Sie hallen in dem einsamen Korridor im Rhythmus seines schweren Herzens.

„Professor Joachim Westermann?“

Sein Herz beschleunigt sich. Diesmal anders, als er es vor einem Monat erlebt hatte. Zwei Männer, mit ernster Miene kommen ihm entgegen.

„Ja? Kann ich Ihnen helfen? Die Vorlesung ist schon beendet, meine Herren.“

Einer der Männer nimmt den bekannten Beutel aus Amazonas aus seiner Jacke.

„Inspektor Dykerhoff. Kollege Mieck. Sie waren doch in den Tropen, nicht wahr, Herr Professor? Ist Ihnen das bekannt?“

Der Polizist hält den Beutel hoch. „Ja. Es ist ein Geschenk aus Amazonas für eine… meine Freundin. Frau Schuster, eine Studentin von mir.“

„Frau Schuster wurde heute morgen in ihrer Wohnung gefunden. Sie lag regungslos im Bett mit diesem Beutel und Zettel in der Hand.“

Der Polizist überreicht Westermann einen zusammengefalteten Zettel. Joachim liest ihn flüsternd und erkennt sofort die Leidenschaft seiner Worte: “unsere Seelen werden sich hier treffen und Ruhe finden, bis in die Ewigkeit“. Er schaut den Inspektor an und wird blass. Er schließt die Augen und verbirgt sein Gesicht in den Händen. Ihr Duft. Sie ist noch da. „Herr Professor Westermann, bitte begleiten sie uns. Der Verdacht auf Mord liegt auf ihren Schultern. Frau Schuster kam durch den Biss einer tropischen Spinne ums Leben. Sie hat sich von uns bis in die Ewigkeit verabschiedet.“


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Catalina Mazorati, 2012

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