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Gerhard

... kotzt, während Jorga sich auszieht.

Er kam aus Bayern und in seinem damaligen Wohnort in der Lüneburger Heide in Norddeutschland hatte man ihn abgelehnt, ihn jahrelang angefeindet. Nicht jeden Tag passierte etwas, aber er konnte nie sicher sein, dass er unbeschadet nach Hause käme, wenn er von der Arbeit oder einem Einkauf zurückkehrte oder irgendwo in der Stadt zu tun hatte, und oft musste er froh sein, wenn man nur einen Topf mit Urin über ihm ausschüttete und ihn sonst in Ruhe ließ.

Er hatte schließlich seine Arbeit aufgegeben, die grauenhafte Gegend im Norden verlassen, war auf dem Münchner Hauptbahnhof angekommen und saß nun im Augustiner in der Münchner Fußgängerzone, Jahre danach, aber innerlich noch kaum vernarbt, und ihn stierte Jorga an, völlig betrunken und mit glasigen Augen, die aussahen, als habe jemand die Spiegeleier auf seinem Teller mit Asche bestäubt.

Jorga war breit und hässlich, aber nicht einfach nur breit, sondern auf allen Seiten so massig, dass sie nur mit Mühe auf einen Wirtshausstuhl passte. Als er ihr seine Geschichte erzählte, merkte er, dass sie sich dagegen wehrte wie jemand, der einem anderen sein orgiastisches Leid neidet.

Ihr eigenes Leid war von stumpferer Art. Sie oszillierte zwischen dem Verlangen, ihre eigene Schmach zu entblößen und dem alles verschlingenden Wunsch, durch Demütigung eines anderen ein Stück von sich selber zurück zu erlangen.

Als sie ihm antwortete, sprach sie schleppend und gedehnt, mit einem vage mediterranen Akzent und im Namen eines elitären Feingefühls, das aber nur mit Mühe ihren vulgären Vernichtungswillen verdeckte. Mit stoischem Gleichmut wies sie das Gehörte zurück, verurteilte es als flach und eindimensional, und jeder ihrer Sätze war schon tot, noch bevor er ihren Mund verließ, mehr noch, jedes Wort war wie ein Kissen, mit dem man jemand anderen erstickt.

„Musst du jetzt kotzen?“, fragte sie ihn, als er aufstand.

„Nein“, sagte er und ging zur Toilette, weil seine Blase bis zum Platzen gefüllt war mit durchpassiertem Weißbier. Nachdem er sich vom Druck befreit hatte, betrachtete er sich angewidert im Spiegel. Er sah aus wie jemand, der mitten in der Nacht aufgewacht und hastig aus dem Haus gerannt war, weil es brannte. Sein Gesicht wirkte irgendwie versehrt, obwohl noch alles da war und er keine offene oder verschorfte Wunde entdeckte, doch die Augen waren rot wie von beißendem Qualm.

Dann schaute er aus dem Fenster. Der Frühling war schon hereingebrochen mit Krokussen und Schneeglöckchen, doch lag eine schmerzhafte Düsternis über dem noch winterlich fahlen Rasenstück, den beiden kahlen Bäumen und einer Reihe von Wertstoffbehältern, eine Düsternis, die ihm ein Gefühl von Ehrfurcht einflößte, denn die Welt wirkte hier seltsam versiegelt.

„Beschwer dich ruhig, wenn ich dir auf den Sack gehe“, meinte sie, als er zurückkam, doch fühlte er sich in diesem Augenblick so obszön mit ihr ausgesöhnt, dass er nichts sagte. Sie jedoch deutete das auf ihre Weise und ächzte und jammerte nun dermaßen, dass sie ihm wirklich auf die Nerven ging.

Diese Frau war einfach stumpfsinnig und einfältig. Er konnte es nicht fassen, rückte einige Zentimeter von ihr ab, besonders als sie ein weiteres Stück ihrer gewaltigen Physis auf den Tisch wälzte. Dies alles konnte er nicht einfach so hingehen lassen.

„Die Frau“, sagte er, „ist ihrer ganzen Natur nach zweifellos nicht nur von Verletzlichkeit geprägt, sondern von Verletzung, von einem Riss, der mitten durch sie hindurch geht und durch den der Mann eindringt und mit ihm die Möglichkeit zum Unglücklichsein. Nur Idioten glauben, dass eine Frau diese Möglichkeit als Chance begreift. Die es besser wissen, finden hier den Ursprung der weiblichen Aggression.“

„Du bist ein böser Mensch“, klagte sie. „Ich will nicht sagen, dass du mich begreifst, aber du nutzt meine Schwachstellen aus.“

„Immerhin“, versetzte er, „denn du selber tust es nicht. Dabei stößt an dir so vieles ab, dass sich dir fast unendliche Möglichkeiten eröffnen.“

„Soll ich mich ausziehen?“, kreischte sie.

Ihm war zum Umfallen. Ein gewaltiger Brechreiz stieg in ihm hoch und er stand auf, um schon ein paar Schritte von unserem Tisch entfernt das verbliebene Weißbier auszukotzen.

„Dir zuliebe tue ich es!“, schrie sie und zog sich das Kleid über den Kopf, unbekümmert um die neugierigen oder verstörten Blicke von den Nachbartischen.

Er hoffte, die Kellnerinnen würden sofort den Geschäftsführer und am besten gleich die Polizei alarmieren, um diese Frau wegzubringen, aber zunächst geschah gar nichts, und sie hatte alle Zeit der Welt, um ihr Unterhemd auszuziehen und ihren gewaltigen Slip, der gereicht hätte, ein Segelboot aus dem Hafen zu blasen. Am Ende behielt sie nur ihre Schuhe und Strümpfe an.

Eine Kellnerin, die zu protestieren wagte, wurde von Jorga so zusammengeschissen, dass sie sich wie ein geprügelter Hund zurückzog, und er selber studierte jetzt teilnahmslos die aufgemalten Bilder an der gegenüberliegenden Wand, weil er nichts mehr im Magen hatte, das er noch hätte herauskotzen können.

 „Ich schreie es in die Welt“, tönte nun Jorga, „ob es euch passt oder nicht: Ich lebe! Ich bin so eine fette und hässliche Sau, aber ich lebe!“


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Verfasser: © Peter Asmodai, 2011

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