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Ben

... verfügt über eine besondere Gabe?!

Um meinen Hals hängt ein Schild, auf dem in dicken, schwarzen Buchstaben „Karla“ steht. Wenn man näherkommt, kann man entziffern, was ich viel kleiner und in Klammern darunter geschrieben habe: „Unter Umständen auch Eustachia möglich.“ Unwahrscheinlich, aber man kann ja nie wissen. Es ist spät, der große Brunnen, an dem tagsüber die Leute in der Sonne sitzen und auf ein paar erfrischende Wassertropfen hoffen, die ein lauer Wind ihnen zuwirft, ist ausgeschaltet.

Haben Sie mich schon länger beobachtet? Dann wissen Sie, dass ich bereits geschlagene zwei Stunden am Karlstor herumstehe, in denen rein gar nichts passiert ist, außer, dass ich hin und wieder gegähnt habe. Sie heißen nicht zufällig Karla, oder?

Dann werden Sie sich fragen, worauf ich warte. Nein, zuallererst werden Sie sich fragen, warum ich dieses lächerliche Schild umhängen habe.

Es ist so eine kleine Eigenart von mir – obwohl – lassen Sie mich länger ausholen. Wir haben ja offensichtlich Zeit. Eine halbe Stunde gebe ich mir noch, dann stemple ich die Nacht als gescheitert ab. Ich hatte auch schon sehr viel einfallsreichere Ideen als diese hier – aber ich seh‘ schon, ich greife voraus.

Alles begann auf einem Klassenausflug nach München. Ich bin nämlich erst vor sechs Jahren fest nach München gezogen. Die Lehrerin hieß Frau Kirch. In den Vierzigern, würde ich sagen, recht gut erhalten, aber groß aufgefallen war sie mir nie. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich sie in der Frauenkirche ansah. Ich hörte sie noch erklären: „Hier ist der Sage nach der Teufel aufgestampft.“ Dann stellte sie zur Demonstration ihren Fuß in den Fußabdruck auf der Bodenplatte. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie viel erotisches Potential in ihren schlanken Beinen steckte, die von einem knielangen Jeansrock und blickdichten Strümpfen verhüllt wurden. Und in ihren straff zurückgekämmten, dunklen Haaren.

Eine kleine Ewigkeit stand ich da, völlig in ihren Anblick versunken. Eine Klassenkameradin flüsterte von hinten: „Ich hab‘ gelesen, der Wind, der um die Frauenkirche stürmt – das ist auch der Teufel!“

Als ich das hörte, wünschte ich mir kurz, dass der Teufel Frau Kirch doch bitte etwas den Rock hochwehen möge, was er aber nicht tat. Vielleicht waren Jeansröcke einfach zu schwer zum Hochwehen.

Aber was war mit mir geschehen? Verstohlen blickte ich mich um. Keiner von den anderen schien etwas zu bemerken. Ich begann, in mir eine tiefere, fast magische Gabe zu sehen, hervorgerufen in dem Moment, als Frau Kirch in den Fußabdruck trat. Die Gabe, weibliche Schönheit zu erkennen, wenn der Name mit dem des Ortes übereinstimmt.

Was jedoch das Schlimme an meiner Gabe war – sie nahm ab. Je weiter wir uns abends im Zug von München entfernten, desto schwächer wurde das Strahlen von Frau Kirch und als wir zu Hause ankamen, wirkte sie wie immer. In den Vierzigern, gut erhalten, aber nicht besonders aufregend.

Da wusste ich plötzlich, dass ich nach München zurückkehren musste. Nur dort würde ich die Schönheit der Frauen voll auskosten können.

Nach dem Abitur setzte ich meinen Plan in die Tat um und zog in eine hübsche, kleine Wohnung in der Giselastraße.

Seitdem wähle ich meine Dates auf eine besondere Art und Weise aus. Ich suche mir einen bestimmten Platz, also zum Beispiel den Marienplatz, und bleibe dort so lange, bis ich eine Maria gefunden habe, die mit mir den Abend verbringt.

Eine Gisela habe ich übrigens noch nie getroffen. Das ist seltsam, weil ich tagein tagaus diese Straße entlang gehe. Da könnte man doch meinen, dass irgendwann – na, egal.

Anfangs war ich etwas unbeholfen, mittlerweile habe ich mich zu einem wahren Meister dieser Disziplin entwickelt – wenn man mal von der heutigen Pappschild-Aktion absieht. Wissen Sie was – langsam sehe ich ein, dass es wirklich keinen Sinn mehr macht. Ich werd‘ dann mal – wie, sie begleiten mich? Sie wollen mehr hören? Das ist aber ausgesprochen freundlich von Ihnen.

Wir sind bei meinen unbeholfenen Anfängen stehengeblieben, nicht wahr? Der erste Ort, den ich wählte, war das Siegestor. Ziemlich schwieriges Unterfangen.

Ich brauchte schon mal ewig, bis mir ein passender Name einfiel.

Anschließend lief ich auf jede vorbeigehende Frau zu, und fragte Sie, ob sie zufällig Sieglinde heiße. Dumm nur, dass das nicht gerade ein weit verbreiteter Name ist, vor allem in meiner Altersklasse. Irgendwann entschied ich mich dafür, auch den Namen Viktoria sehr passend zu finden. Was mich aber nicht von dem Problem befreite, dass die meisten Mädchen sich scheinbar von mir belästigt fühlten.

Schließlich aber wurde meine Hartnäckigkeit belohnt und ich begegnete tatsächlich einer Viktoria. Natürlich sah sie umwerfend aus, aber das brauche ich wohl nicht mehr zu erwähnen. Doch was nun? Darüber hatte ich mir leider keine Gedanken gemacht, weshalb unser Gespräch ziemlich kurz ausfiel.

Ich fragte: „Heißt du zufällig Viktoria?“

Sie sagte: „Ja. Und?“

Ich: „Möchtest du was mit mir trinken gehen?“

Und sie: „Nein danke“, und ging weiter.

Mir wurde bewusst, dass ich taktisch klüger vorgehen musste. Den nächsten Versuch startete ich an der Isar. Hier wendete ich die Verwechslungstaktik an.

– Ach, lassen Sie uns doch bitte die Amalienstraße entlang gehen, vielleicht habe ich spontan etwas Glück und – wir waren bei der Verwechslungstaktik. Entschuldigung, ganz kurz noch – Amalie? Nein? Na dann, Verwechslungstaktik!“

Ich setzte mich unschuldig mit einem Buch zurecht. Wenn ich ein Mädchen sah, sprang ich auf, freudig überrascht, und rief ihm nach: „Isa! Hey, Isa!“ Die meisten drehten sich um und meinten: „Ich heiße nicht Isa“, woraufhin ich einen verdutzten Gesichtsausdruck aufsetzte und verlegen entgegnete: „Nicht? Oh Verzeihung, jetzt seh‘ ich es auch. Du siehst einer Freundin von mir zum Verwechseln ähnlich!“ Geschickt, oder? Als nun tatsächlich eine Isa meinen Weg kreuzte und fragte. „Ja? Kennen wir uns?“, ließ ich meinen ganzen Charme spielen: „Bisher nicht, aber das würde ich gerne ändern!“ Sie erwiderte misstrauisch: „Woher weißt du, wie ich heiße?“ Und ich, ganz der Aufreißer: „Ach, das war nur so eine Vermutung. Ich dachte mir, so eine wunderschöne Frau kann nur diesen hübschen Namen haben!“

Manchmal entpuppte ich mich als wahrer Virtuose. Zum Beispiel bei vorhin erwähnter Maria. Ich stellte mich mit einer Gitarre an die Mariensäule, zupfte vor mich hin und sang ein paar selbsterdichtete Verse: „Ach Maria, wunderbare, herrliche Maria, ich steh vor dir und wünsche mir, dass wir tanzen gehn. Wär‘ das nicht schön?“ Ich tat dabei immer wieder so, als würde mein Lied nur einer Einzelnen gelten und tatsächlich blieb irgendwann eine stehen, verwundert lächelnd. Sofort unterbrach ich mein Lied – mittlerweile war ich ohnehin schon etwas heiser – und fragte freudestrahlend: „Maria?“ Sie nickte stumm, völlig verzaubert von diesem außergewöhnlichen Augenblick. Ziemlich wahrheitsgetreu erklärte ich ihr, dass ich nur auf sie gewartet hätte und sie unbedingt den Abend mit mir verbringen müsse. Das ist wahre Magie gewesen!

Heute hatte ich leider keine Zeit, mir etwas Ausgefallenes zu überlegen, deshalb dachte ich mir, ich probiere die Sache mit dem Schild einfach. Könnte ja auch ganz romantisch rüberkommen, wie am Flughafen, wenn einer den anderen erwartet oder so. Naja, ist es leider nicht.

Ach, und da sind wir schon, Giselastraße, sehen Sie? Verzeihung, Sie haben mich den ganzen Weg begleitet und ich kenne immer noch nicht Ihren Namen! Darf ich Sie vielleicht auf einen Drink bei mir einladen? Oder trete ich Ihnen zu nahe?

Jetzt fällt mir auch erst auf, wie außerordentlich hübsch Sie sind! Ich würde mich sehr schlecht fühlen, wenn ich Sie einfach wegschicken würde, auch wenn Sie nicht – Moment! Sie heißen nicht zufällig ...?“


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Katrin Baumer, 2011

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