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Anke

... trug seit Tagen schwer an ihrem Gleichgewicht.

Seit Tagen trug sie schwer an ihrem Gleichgewicht. Wie eine Artistin beim Hochseilakt. Sie verlor die Balance, als sich Thomas mit gereizter Stimme erkundigte:

„Hast du wieder vergessen, meinen Anzug aus der Reinigung abzuholen?“ Anke fiel jedoch nicht auf den Boden einer Manege, sondern stand vor dem Haus in der Franz-Joseph-Straße. Der kalte Novemberwind ließ sie den Gürtel des Mantels fester ziehen und die Hände in den Taschen vergraben. Ihre Anspannung entlud sich in schnellen, festen Schritten, während sie in ihrem Mund nach den Worten tastete, die sie zu Thomas gesagt hatte. Sie fühlte nur Leere. “Bin bald wieder zu Hause. Verzeih. Anke” presste sie mit kalten Fingern in ihr Handy.

Menschen eilten in der abendlich belebten Leopoldstraße an ihr vorbei in das Wochenende. Was wird Thomas jetzt den Kindern erklären, dachte Anke und strich sich eine Strähne ihrer braun gewellten Haare aus dem Gesicht. Das gelbe Licht des Siegestores und das kalte Weiß des Platzes vor der Universität färbten ihre Schuhspitzen, die mit jedem Schritt die kleinen Episoden aufgestauter Unzufriedenheit vor sich her stießen. Sie sog tief die neblig graue Luft ein.

„Kommt, die Stadtführung fängt an!“, rief eine Frau über den Marienplatz. Wie Efeu umrankte eine Gruppe die Stadtführerin, ihr neugierig lauschend. Anke stellte sich abseits und fing die Sagen und Mythen der Stadt ein, in der sie seit Jahren mit Thomas lebte. Die Geschichten aus der Vergangenheit fesselten den Druck auf ihrer Brust und zogen sie zum Alten Peter. Ein älterer Herr, gekleidet in einen braunen Wollmantel, lief langsam neben ihr. Er überragte sie trotz des Gehstocks, auf den er sich stützte.

Vor der Heilig-Geist-Kirche drehte er sich mit einem Lächeln zu ihr: „Mein Name ist Franz Kulnik. Ich wohne im Haus neben Ihnen.“

Jetzt erst erkannte Anke ihn. Thomas und sie hatten vor einigen Tagen erfahren, dass seine Frau gestorben war.

„Viel zu spät erfülle ich meiner Elli ihren Wunsch.“

„Aber auf diese Weise lernen wir uns kennen“, entgegnete Anke mit warmer Stimme. Seine Augen ruhten müde und traurig auf ihr.

„Ihre Frau war immer sehr freundlich zu Tim und Frederike. Sie mochten sie sehr.“

Anke passte ihr Tempo dem seinen an, und sie schlenderten mit großem Abstand hinter der Gruppe in den Alten Hof und zum Max-Joseph-Platz. Die Erklärungen der Stadtführerin verankerten sich nicht, sondern zogen wie Schiffe an ihr vorbei.

„Würden Sie mit mir ein Glas Wein trinken?“

Anke nahm seinen Vorschlag gern an.

Das „Barista“ in den Fünf Höfen betrat sie zum ersten Mal. Herr Kulnik wählte einen Tisch abseits der holzgetäfelten Bar. Schwungvoll nahm der Kellner ihre Bestellung auf.

„Wo ist Ihr Mann? Meine Frau und ich haben Sie beide manchmal mit den Kindern auf der Straße gesehen.“

Ihrem Zögern hielt er sein Weinglas entgegen und nickte ihr zu. Sie tranken und Anke dachte an Thomas. Als sie sich begegneten, fühlten sie sich wie zwei zusammengehörige Puzzleteile. Zwölf gemeinsame Jahre waren seitdem vergangen.

„Wie haben Sie Ihre Frau kennengelernt?“

„Das ist über 65 Jahre her.“

„Im Krieg?“

„Ja. In einem Zug, im Norden Berlins.“

Seine Stimme klang dunkel und rau, wie die Bilder, die sich zusammensetzten.

„Im Sommer 1944, auf dem Heimweg von der Schule, wurde plötzlich unser Zug von Tieffliegern beschossen. Wir hatten nie ein Wort miteinander gewechselt, trotzdem riss ich Elli an der Hand unter den Waggon. Ich ließ sie auch nicht los, als wir, vor Angst zitternd, auf den Schienen nach Hause rannten. Danach mussten wir uns heimlich treffen. Ein kleiner Weiher war unsere Insel in dieser schrecklichen Zeit.“

„Und wie kamen Sie dann nach München?“

„Meine Mutter flüchtete nach Kriegsende mit mir nach Bayern. Das war furchtbar. Aber ich holte Elli einige Jahre später nach.“

„Ihre Frau wartete so lange auf Sie?“ Er nickte.

Anke fragte nicht nach dem Warum. Jedes Mal, wenn sie dem alten Paar begegnet waren, legten sich Thomas‘ und ihre Hände ineinander. Franz Kulnik beugte sich zu Anke.

„Sie machten gerade keinen glücklichen Eindruck auf mich.“

„Sah man mir das an?“

Sie betrachtete verlegen ihre Hände und erzählte ihm von den letzten Wochen. „Es war nicht richtig, einfach von zu Hause wegzulaufen. Aber auf meinem Weg durch den Nebel ist mir vieles klarer geworden.“

Er hörte ihr zu.

„Es sind oft die kleinen Gesten, die das Besondere an einer Liebe unterstreichen. Darin haben Elli und ich uns in Ihnen beiden wiedererkannt.“

Sie schwiegen. Erst jetzt nahm Anke die Musik im Hintergrund, die leisen, angeregten Gespräche ihrer Tischnachbarn und das angenehm gedämpfte Licht in sich auf. Sie wäre jetzt gern mit Thomas hier gewesen.

Franz Kulnik räusperte sich: „Mein Alter fordert seinen Tribut. Ich bin müde. Darf ich Sie nach Hause begleiten?“ Sie wollte noch bleiben. Sein Händedruck war warm und fest. Er versprach ein Wiedersehen.

Das Telefon in ihrer Manteltasche klingelte.

„Wo bist du?“ Thomas klang besorgt.

„In der Bar, in die wir schon so oft gehen wollten. Ich komme bald nach Hause.“

„Alles klar“, antwortete Thomas und legte auf.

Anke sah aus dem Fenster und beobachtete, wie der Wind unter einer Straßenlaterne die trockenen Blätter zum Tanzen aufforderte. Leicht, fast beschwingt, hoben sie vom Boden ab.

Sie griff nach ihrem Mantel hinter sich, als eine vertraute Stimme neben ihr fragte:

“Ist hier noch ein Platz frei?“

„Thomas!“


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Verfasser: © Britta Lauber, 2012

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