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List Pablo Fink

... auf der Suche nach seiner Alicia – mittendrin im kristallklaren Geflecht der Ewigkeit.

Die Motte taumelte wieder und wieder gegen die verdreckte Fensterscheibe, immer an einer anderen Stelle, ein kompliziertes Muster zeichnend, das List Pablo Fink nun schon seit Tagen, vielleicht Wochen, verfolgte. Draußen regnete es, und Alicia war tot.
Der Blick aus dem Aufsichtshäuschen der Friedhofswache gab eine Anordnung von Tod und Schleifen frei, die Fink nicht wahrnahm. Was man täglich sieht, seit 35 Jahren jeden Tag, bemerkt man nicht. Anders die Motte: sie war neu. Relativ neu; Fink verschwammen die Tage, genau konnte er es nicht sagen. Nach intensiver Inhalation ihrer Wege, die durch die Antäuschungen von Freiheit zwischen den Schlieren auf der Außenseite bestimmt waren und der Geräusche, einem kaum hörbaren Zischen und Flattern und Surren, das lauter wurde, wenn man die Augen schloss, begann Fink, hinter ihren Bewegungen ein System zu vermuten. Jedes scheinbar unabsichtliche Streifen der Flügel am Glas eine Botschaft, jedes Geräusch eine Verführung. Eine Botschaft, die er entschieden zu blöd war zu verstehen, doch er gab nicht auf. Er versuchte es auf verschiedene Weisen: penibles Nachzeichnen des Musters mit dem Verstand, der jedoch grell war wie der unerträglich hohe Ton einer überspannten Geigensaite und hoffnungslos überfordert. Dann wieder meditatives Loslassen aller Geistströme, in denen die Motte zu Alicia wurde und umgekehrt; ein Gesicht aus Schlieren und spiegelnden Regenflächen.
Fink stand auf und zog sich einen neuen Kaffee, an dem er sich die Zunge verbrannte. Er warf den vollen Becher in den Mülleimer. Dann nahm er seinen Mantel vom Haken, setzte die Haube auf und holte den Schlüssel aus der Schublade. Eigentlich sollte er bis mindestens 17.30 Uhr hier sitzen, doch er musste jetzt gehen; er hatte verstanden.
Sorgfältig sperrte er die Tür hinter sich ab und warf den Schlüssel in hohem Bogen in die Gräberreihen hinein, in Richtung dahin, wo der Mooshammer lag. Er würde nicht zurückkommen, und er wollte sich jeden Rückweg von vornherein verbauen. Fink kannte die Menschen und somit sich selbst; in Momenten der Mutlosigkeit neigten sie dazu, dorthin zurückzugehen, wo sich jede bereits getroffene Entscheidung in einen fernen, unerreichbaren, völlig wahnwitzig erscheinenden Traum verwandelte; dorthin, wo die Schlieren des Altbekannten einen umwickelten, in ihren Abgrund zogen und nie wieder gehen ließen. Momente der Mutlosigkeit waren zu erwarten, daher galt es vorzusorgen.
Der Kies knirschte unter seinen Schritten, dann schloss er auch noch das Friedhofstor hinter sich und trat auf die Tegernseer Landstraße hinaus. Kurz machte er die Augen zu, um sich zu orientieren: er brauchte die Tram Linie 27, den Berg hinunter. An der Ecke hatte eine neue Bäckerei eröffnet. Fink wollte sich einen anständigen Kaffee kaufen. Er tastete in seiner Manteltasche: er hatte seinen Geldbeutel im Häuschen liegenlassen. Seine Zunge brannte noch immer. Die Bahn kam heran, Fink stieg ein. Er setzte sich ans Fenster und zählte hastig die taumelnden Bewegungen mit, ohne sich von der Frauenstimme, die die Stationen ansagte, durcheinanderbringen zu lassen. An der Reichenbachbrücke zögerte er kurz, er dachte an einen Spaziergang mit Alicia zu den weißen Steinen hinten an der Wittelsbacher, doch das war es nicht.
Er schloss die Augen und zählte weiter, fliegend, bebend, und hätte nicht sagen können, ob es sein Herzschlag war, der so flatterte, oder die Motte in seinem Kopf. Bei siebenhundertvierunddreißig öffnete er die Augen und ging zur Tür: Karlsplatz Stachus. Was Alicia hier wollte? Sie hatte Menschenmengen immer verabscheut. Sie hatte ihn ausgesucht, damals, weil er Friedhofswärter war und nichts mit Menschen zu tun hatte, da war er sich fast sicher.
Er schüttelte kurz und heftig den Kopf und hüpfte einmal minimal auf der Stelle, wie um die Frequenz der Motte wieder einzufangen. Der Verkehr brauste, den Brunnen bauten sie um. Den Brunnen hatte sie gemocht, unter den mannshohen Wasserfontänen war sie einmal kreischend hindurchgerannt, während er, Fink, ihre Schuhe halten musste, doch das war es nicht. Kopfschüttelnd ging er weiter, über die Straße, am Justizpalast vorbei, bis er vor dem Eingang zum Alten Botanischen Garten stand. Das musste es sein. Wieder eine kurze Ausjustierung, die diesmal Bestätigung einbrachte. Er betrat die Gartenanlage. Auf den dunklen Bänken rechts hatte er einmal auf Alicia gewartet, sie war mit Miranha bei irgendeinem Arzt gewesen, ein Kinderarzt oder ein Zahnarzt, sie waren zurückgekommen und Miranha hatte geweint. Sie waren zum Burger King am Hauptbahnhof gegangen. Danach hatte Miranha gekotzt, mitten in der Bahnhofshalle, direkt vor einem Gleis, an dem ein Zug zur Abfahrt nach Hamburg bereit stand. Irgendjemand war unerwartet nett gewesen und hatte ihnen ein Frischetuch mit Zitronengeruch geschenkt. Am Abend hatte Alicia geweint. Zu viele Menschen an jenem Tag, ganz entschieden zu viele Menschen.
Fink fiel ein, dass er Miranha nicht gesagt hatte, dass ihre Mutter tot war. Er hatte überhaupt niemandem gesagt, dass Alicia tot war. An Miranha hatte er bis zu diesem Moment nicht einmal gedacht. Er konnte sich nicht erinnern, ob sie aus dem Ausland zurück war oder nicht, nicht an ihr Gesicht, kaum an ihren Namen. Nur, weil Alicia sich ihn ausgedacht hatte, wusste er ihn noch, in einer Nacht auf dem Friedhof, vor 33 Jahren.
Er schüttelte den Kopf. Um solche Kleinigkeiten konnte er sich später kümmern. Jetzt galt es, das Muster der Motte nicht zu verlieren. Sie würde ihn zu Alicia führen, und auch, wenn es chancenlos wirken konnte, hier im dämmerigen Regenschein unter dem Neptunbrunnen vielleicht sogar weniger chancenlos als es wirklich war: List Pablo Fink war niemand, der aufgetane Möglichkeiten verwirkte und vorzeitig aufgab. List Pablo Fink war jemand, der Momente der Chancen- und Mutlosigkeit großzügig miteinberechnete und sie als das nahm, was sie waren: kurze Trübungen im kristallklaren Geflecht der Ewigkeit. Das hatte er, vielleicht, von den Toten gelernt. Etwas schwirrte neben ihm, und er drehte sich um.


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Nora Scholz, 2011

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