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Jonas

... weiß: Anzüge tragen ist wie eine Krankheit, nur die Stärksten überlebten das für eine Weile, ohne krebsartig in geradezu perverse Formen zu mutieren.

Sommerabend sank in die Stadt. Am Promenadeplatz presste sich die tief stehende Sonne über den Bayerischen Hof in die kunstvollen Rundbögen der Passage hinein. Jonas kam vom Odeonsplatz, hatte dort geschlafen, wie er dort immer schlief, im Hofgarten, neben der Hecke am Dianatempel, als Attraktion für die Touristen, einmal Yuppie auf Gras, Investmentbanker im Park verlaufen, der kleine Moneymaker soll sich am Hintereingang der Hamburg Mannheimer melden, Herr und Frau Kaiser suchen schon händeringend. Jonas war hektisch atmend aufgewacht, hatte die viel zu tief stehende Sonne bemerkt und sich schnell besonders hartnäckig klebende Grashalme vom italienischen Maßanzug geklopft.
Jetzt lief er, rannte den letzten Strahlen des Tages hinterher wie ein Süchtiger den verblassenden Farben seines Absturzes. Die Luft roch nach Schönheit, dachte er. Das ist seltsam, dass hier in dieser Stadt sogar noch die Luft nach allem Schönen dieser Welt riecht, aber nur abends, dann, wenn der Lärm und die Hitze des Tages im leichten Wind und auskühlendem Beton verklingen.
Eine junge Frau in einem flatternden Abendkleid kam ihm entgegen, am Arm etwas, was durch geklebte Fönfrisur und Dauergrinsen seinen Armani-Anzug auszufüllen suchte. Amateure, dachte Jonas. Einen Anzug, den sie sich vom Hirmer von der Stange klaubten, und schon glaubten sie, die Liga in Richtung „Oberaffengeil“ gewechselt zu haben. Dabei sah die Sachlage ganz anders aus: Anzüge tragen war wie eine Krankheit, nur die Stärksten überlebten das für eine Weile, ohne krebsartig in geradezu perverse Formen zu mutieren. Jonas gehörte zu den Stärksten. Dachte er. Er lehnte an der überdimensionalen, goldenen Löwenstatue, sich mit dem Kragen seines 500-Euro Seidenhemdes in der Nase bohrend, während er seinen Fokus auf den erwähnenswerten Teil der sich nähernden Zweierformation legte.
Sie schwebte, dachte Jonas, und das war schon das Wunder, bei dem Gewicht an ihrem Arm, trippelte kaum hörbar mit Stöckelschuhen auf dem Asphalt. Vom Marienhof bog sie mit ihrem breitbeinig stampfenden Anhang in die Passage ein, wahrscheinlich Richtung Oper, und Jonas blieb stehen und schaute ihr beim Näherkommen zu, schaute ihr direkt in die Augen. Das ist das beste überhaupt, setzte Jonas ein leichtes Schmunzeln auf den angegrauten Restmüll, den andere Menschen ihr Gesicht nannten, den Leuten in die Augen zu schauen, das macht sie fix und fertig, in dieser Stadt, da schaut man den Leuten überall hin, nur eben nicht an diese eine Nacktstelle ihres Körpers. Sie beachtete ihn nicht. Jonas war das egal. Er holte sein Taschentuch hervor, um damit zu winken, indem er die Innentasche seiner Anzugjacke geräuschvoll nach unten riss, ein Effekt, den er allerdings auch nur einmal pro Exemplar vorführen konnte. Die Frau trippelte vorüber, reaktionslos. Das war der Trick an diesem Ort, Nichtbeachtung, gegen Leute wie ihn, die sich nicht an die Regeln hielten. Auf ihrer hohen, weißen Stirn kräuselte sich eine einzige, kleine Falte, ganz kurz, wie eine Welle, die kaum aufgewühlt schon wieder in sich zusammenfällt. Dann schwebte sie an ihm vorbei, ein süßer Geruch, leise und haltlos wie eine Erinnerung an bessere Zeiten.
Sie tranken Jever, weil man in diesen Lokalen zwischen Löwengrube und Kaufingerstraße kein Bier trank, wo die Fassaden hell sind mit viel Glas, und die Bedienungen – Studentinnen mit langen, blonden Pferdeschwänzen – einen mitleidig belächelten, wenn man nach Augustiner fragte, oder wenigstens Paulaner. Führen wir nicht – nur Jever. Friesisch herb. Warum man gerade hier in München ein friesisches Bier trank, war für Jonas nicht wirklich ein Geheimnis. Es war sogar an sich Bestandteil seiner Performance, seiner ganz persönlichen Leidensmatinee. Es war schick. Ein schönes, schickes Gesöff an einem Ort, den man anders als schön wohl auch nicht aushalten konnte.
Jonas trank schnell, und irgendwann schmeckte es ihm. Sein Bruder redete. Er hatte sich für den diplomatischen Dienst beworben, wie so viele mitteilsame Mitmenschen seines akademischen Grades (Volljurist) mit dem Hang nach Abenteuern, bei denen man Anzug tragen darf. Er könne dann in Albanien Bewässerungsprojekte leiten, Handel treiben, albanische Sekretärinnen vögeln. Das letzte ergänzte sich Jonas in Gedanken. Er hatte seit über zwei Jahren keine Freundin mehr. Seine ihm selbst auferlegte Lebensaufgabe brachte meist Irritationen mit sich, die geschlechtsübergreifende Interaktion relativ erschwerte. Dummerweise ließ es Jonas nicht mehr los, selbst wenn er an Albanien dachte.
Sein Bruder redete. Jonas trank. Sein Lächeln blendete ihn. Das Essen sei vorzüglich gewesen. Der blonde Pferdeschwanz lächelte. Wahrscheinlich studierte sie so etwas wie Komparatistik, dachte Jonas, sich Zahnstocher in diverse Zahnlücken platzierend, und noch wahrscheinlicher schrieb sie an einem Roman, der von sozialer Entfremdung, Elternhass und alles erlösender Liebe handelte.
Die Kellnerin verschwand, immer noch lächelnd, und sein Bruder hörte einfach nicht mehr auf zu reden. Draußen gingen die Lichter an, die Nacht fiel hell über die Stadt. Jonas trank schweigend. Sein Bruder redete, laut und ohne Unterbrechung. Mit dem Aufhören käme die Stille, das wussten sie beide, und die Stille erträgt man nun mal nicht, ohne die Fragen dahinter. Jonas zupfte an seinem Gras beflecktem Anzug herum, den sein Vater ihm finanziert hatte, dessen Treuhandfond, um es genauer zu sagen, das einzige Erinnerungsstück, das er ihm und seinem Bruder hinterlassen hatte, bevor er wie selbstverständlich verschwand, wie ein Schatten, der immer über allem gelegen war, aber niemals wirklich existiert hatte.
Stille. Jonas Bruder holte auf einmal tief Luft, als wolle er das ganze Lokal in seine breite Brust einsaugen. Er würde nach Berlin gehen, gab er tosend zwischen blitzenden Zahnreihen bekannt und nach der Ausbildung dann nach irgendwohin und er würde ein jährlich steigendes Gehalt bekommen und bei exotischem Durchfall ausgeflogen werden in ein amerikanisches Militärkrankenhaus. Jonas hörte ihm zu und nickte. Sein Anzug kniff ihn an einer Stelle, wo gerade Maßanzüge nicht kneifen sollten. Er kratzte sich nicht. Er wollte sich nie mehr kratzen, obwohl es ein guter Teil seiner Performance gewesen wäre, der sich im Schritt kratzende Penner-Yuppie, Pustel-Penis in Calvin-Klein Unterwäsche. Jonas war das auf einmal egal. Er würde seinen Bruder nur jedes Weihnachten sehen und schon beim dritten Weihnachten würde er ihn nicht mehr kennen. Schon jetzt wirkte sein freundliches Zwinkern einstudiert, als wolle er einen albanischen Bauern beruhigen, der sich von der deutschen Botschaft um Agrarsubventionen betrogen fühlt.
Jonas stand auf. Er fühlte sich auf einmal unendlich müde, wie jemand, der sich sogar im Schlaf noch die Dunkelheit wünscht. Der Schnellzug seines verdammten Lebens hatte den Rückwärtseingang eingelegt und beschlossen, ihn noch einmal zu überfahren. Er stand auf, ging und kniff beim Gehen der Kellnerin noch in ihren kleinen verkniffenen Akademiker-Arsch, weil es das Letzte war, und weil er hoffte, dass sie ihn anzeigte, wenigstens das, das wäre mal ein Anfang, ein Stück Wahrheit in all der summend fröhlichen, schönen Scheiße um ihn herum. Sie wird es nicht tun, dachte Jonas, den Reißverschluss seines juckenden Schrittes wie ein außer Kontrolle geratenes elektrisches Garagentor auf und zu reißend: Wir sind hier Stammgäste. Das war auch etwas, das er nicht mehr brauchte. Der Typ am Eingang trug den gleichen verfickten Armani wie Dumpfbacke am Promenadeplatz und wackelte stolz mit pedikürten Zehen in ledernen Flip-Flops. Beim Rausgehen klopft er Jonas väterlich auf die Schulter.
Draußen schnüffelte Jonas wie ein leicht zum Overdress neigender Bullterrier an dem grünen Filzhut einer eher irritiert davon hastenden Seniorin herum. Seine Performance ging ihm flöten, er fühlte es. Während er den Oberanger hinunterlief, riss er seine Anzugjacke in zwei Teile und drückte die eine Hälfte einem verdatterten Pinkkostüm in die Hand, die Kleinbrüste-schaukelnd sich heute offensichtlich noch P1-mäßig in obere Gehaltsregionen vögeln wollte.
St. Martin, dachte Jonas keuchend, das hätte seinem Vater gefallen, Wohltätigkeit hatte der Multimillionär geliebt, außer es handelte sich um seine Geschäftspartner und deren Einkaufsvorlieben für seine nicht wirklich Wohltätigkeit spendenden Gerätschaften. Die Waffen derjenigen, die im protzigen Arbeitszimmer seines Vaters sich Tee trinkend getroffen hatten, waren ihre noch protzigeren Anzüge gewesen, die absolut blickdichten Seidenstoff-Hecken, aus denen man unerkannt und äußerst rentabel feuern konnte. Jonas schoss jetzt durch die Nacht, ziellos, eine überzählige Kugel, so fühlte er sich auf einmal, von allen verlassen und willkürlich abgefeuert ins Leere.
Am Unteren Anger saß Klausi Mausi an einer der weiß getünchten Häuserzeilen gelehnt, einer der kreativsten Trippelbrüder dieser Stadt, weil er jeden Tag sein Stück Karton mit immer anderen Slogans verzierte. „Ich bin Donald Duck“, hielt er diesmal in die Höhe, „für bisschen Zaster könnt ihr mir beim Ertrinken zusehen.“
„Hilfst du mir?“ Jonas blieb kaum stehen für diese Frage, aber Klausi Mausi brauchte keine Zeit um zu überlegen. „Logo, logo, alles logo.“
Sie gaben ein seltsames Paar ab, wie sie die Fraunhoferstraße Richtung Reichenbachbrücke hinab liefen. Klausi Mausi massierte Jonas die Schultern wie einem Preisboxer kurz vor dem Kampf und Jonas hatte mit Klausi Mausis Filzstift das Wort „Mörder“ quer über seine italienische Seidenhemdbrust geschrieben.
„Protestierst du gegen die Massenhinrichtung von Seidenraupen?“ Ein Mädchen mit schönen, absatzlosen Schuhen und noch schönerem, ansatzlosem Lächeln schaute ihm amüsiert zwinkernd unverblümt in die Augen.
Jonas schaute lachend zurück. Die Augen des Mädchens blitzten dunkel wie der summende Nachthimmel über ihnen. „Kommst du mit uns?“
„Wohin?“
Bei der Reichenbachbrücke waren sie zu dritt zur Isar hinunter geklettert, Klausi Mausi tanzte Spitze auf dem knirschenden Kies, dabei verkündend, in seinem früheren Leben so jemand wie Billy Elliot gewesen zu sein, nur halt nicht in England und dass er den Schwanensee auch ohne enge Strumpfhosen tanzen könne. Das Mädchen lachte um ihn herum, hatte sich lachend das meiste ihrer absatzlosen Sachen entledigt und winkte Richtung dunkel rauschendem Fluss. „Komm, du Schlächter aller Raupen. Badezeit.“
Jonas ließ sich das nicht zweimal sagen. Er übergab sein 12 000 Euro teures und leicht ramponiertes Lebenswerk an Klausi Mausi, der es mit einem respektvollen Nicken in Empfang nahm und sogleich überstreifte. „Nackt steht dir besser“, lachte das Mädchen. Jonas nickte. Er fühlte sich befreit, quasi entmilitarisiert, als wäre die Vergangenheit selbst der Kampf gewesen, den er nun nach diesem Tag endgültig und für immer abschließen konnte. Über sich hörte er noch auf der Brücke Klausi Mausis galant lallende Stimme, „altes Fräulein, darf ich’s wagen...“, gefolgt von einem hohen, angewiderten Laut des Entsetzens, dann sprang Jonas dem Mädchen hinterher, das nass bis auf die Haut wie zum Abschied winkte, ohne es wirklich ernst zu meinen.


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Christoph Kastenbauer, 2011

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