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Greta

... hatte immer gewusst, dass man mit Geld nicht alles kaufen konnte. Man konnte sich Wünsche erfüllen, aber nicht den einen, großen Wunsch, den Lebenstraum. Dafür brauchte es Glück.

Die Tür des Miethauses an der Blumenstraße schlug hinter Greta zu. In letzter Zeit dachte sie sich immer öfter, wie abschließend das alles war. Dies war eines der letzten Male, bei denen sie auf die belebten Straßen des Glockenbachviertels hinausspülte. Nicht mehr lange und sie schloss diese Tür für immer hinter sich und machte sich auf den Weg zum Flughafen.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Unter dem marineblauen Trenchcoat fröstelte sie leicht, allerdings mehr, weil ihre Nerven am Zittern waren, denn vor Kälte. Die Menschen, denen sie entgegenlief, musterten sie kritisch. Das taten sie immer, sobald sie Gretas Tätowierung an den Fingerknöcheln sahen: „Love“ auf der rechten Hand, pro Buchstabe ein Finger. Normalerweise machten Greta die Blicke nichts aus, heute wünschte sie sich Handschuhe. Sie senkte beschämt den Blick, verwirrt wegen alles und jedem, und lief beinahe in eine alte Dame, die ihr nicht aus dem Weg gehen hatte können.
„Passen Sie doch auf!“, zeterte sie und Greta machte einen Satz zur Seite.
Sonst war sie nicht so. Sonst lief sie nicht in alte Damen oder Hunde. Hunde mochte sie sowieso, vor allem, wenn sie aussahen wie die englische Bulldogge, die ihr an der Ecke zur Corneliusstraße entgegenkam und ihren Fuß beschnupperte. Ihr Besitzer zerrte sie weg von Greta. Es war ein Mann vom Typen Erdkundelehrer. Sein Blick war starr auf Gretas Hals gerichtet. Das war nämlich die zweite Reaktion, die Greta hervorrief – ignorierte man ihr Tattoo an den Fingerknöcheln, bemerkte man aber auf jeden Fall den Stern, den sie auf den Hals tätowiert hatte. Und Erdkundelehrer hatten auf so eine Körperverzierung noch nie gut reagiert.
Greta atmete tief durch. Sie musste sich wieder fangen.
Sie schlenderte an den Häusern der Corneliusstraße vorbei, die sie in den letzten Jahren so liebgewonnen hatte. Ihre Eltern hatten ihr die Wohnung in diesem majestätischen Viertel bezahlt, denn mit ihrem Job bei H&M konnte sie es sich wohl kaum leisten. Und ja, für sie war es majestätisch, auch wenn die Laternenpfähle zugepflastert waren mit Bandstickern oder Botschaften wie „Tanzen ist auch Sport!“. Sie mochte den Stuck an den Häusern, die noch nicht grundlegend renoviert worden waren. Nicht so wie das hyperneue Apartmenthaus, in dem Greta wohnte – oder eher, bisher gewohnt hatte.
Ihre Eltern hätten ihr auch ein Auto gekauft, würde sie nicht alles zu Fuß gehen. Aber Greta hatte immer gewusst, dass man mit Geld nicht alles kaufen konnte. Man konnte sich Wünsche erfüllen, aber nicht den einen, großen Wunsch, den Lebenstraum. Dafür brauchte es Glück.
Sie nahm sich kurz Zeit, die Luft einzuatmen, die Gerüche zu absorbieren. Es roch nach Reinigung, nach französischen Croissants, nach Regen.
Greta ging die Kurve zum Gärtnerplatz entlang und fühlte sich ein paar Jahre zurückversetzt. Zu Beginn ihres letzten Schuljahres hatte sie hier in den Cafés viel mit Christl und Laura gesessen. Sie hatten bei unzähligen Kannen Tee über ihre Träume gesprochen.
„Amerika!“, war die einhellige Meinung gewesen. Christl und Laura hatten dann Glück gehabt, die Green Card gewonnen. Greta hatte bei der Lotterie nicht mitgemacht. Zu feige. Sie hatte Angst, zu verlieren, das hatte sie immer.
„Ich freu mich so für euch!“, hatte Greta immer wieder am Telefon geschrien, doch nicht ohne bitter zu sein, neidisch. Klar, und weil sie Christl und Laura schon vermisste, als Christl ihr dieses freudige Ereignis mitgeteilt hatte.
All diese Postkarten, die Christl geschickt hatte, waren an ihrer Wand gelandet. Und nun war die Wand über ihrem Bett leer geräumt. Genau wie ihre Wohnung.
Ja, eigentlich gab es jetzt wieder Anlass zu großer Freude. Raus aus München. Diesem Dorf. Das Glockenbachviertel ein reines Klassentreffen. Endlich würde sie hier rauskommen. Was für ein Grund zu feiern! Greta trödelte den Gärtnerplatz entlang. Sie grinste nicht wie sonst, ihre Augen funkelten nicht. Selbst ihr oranges Haar wollte nicht so leuchten wie sonst. Ihre Chucks ließ sie durch Pfützen gleiten, um dann stehen zu bleiben und die Schuhe trocken zu schütteln. Die letzten Tage hatte es viel geregnet. Das machte den Abschied nicht unbedingt schwerer. Am Gärtnerplatztheater schlurfte sie ohne gerade Haltung vorbei, beobachtete die gut gekleideten Menschen, die beim Penny genau wie alle anderen Salate und Salami einkauften. Am liebsten dachte sie sich für Fremde Geschichten aus. Wie sie heißen, was sie beruflich machten, wovon sie träumten. Heute wollte ihr nichts einfallen. Immer wieder blieb sie vor den Schaufenstern an der Reichenbachstraße stehen, um ihre graue Wollmütze zurecht zu schieben, Puder nachzulegen.
Aber irgendwann würde sie ankommen. So weit war der Weg von ihrer Wohnung zum Café Trachtenvogl nicht. Leider. Vor Greta stand die schwerste Prüfung aller Zeiten. Diese Situation war nicht so gruselig wie sämtliche Prüfungen, die sie jemals schreiben musste – sie war schlimmer. Schlimmer als Abitur und Führerschein zusammen.
Wobei der Anlass doch eigentlich einmalig gut war. Wenn sie sonst herumhüpfte wie ein Flummi, seit einigen Tagen hatte sie wirklich die Berechtigung dazu. Sie war nicht länger das Mädchen, das ihrer Familie Sorgen bereitete. Okay, nicht mehr die Art von Sorgen.
Ihr Blick fiel auf die Auslage bei Angels Inn, auf die Handtaschen und Schuhe und Kleider. Nie wieder Klamotten verkaufen. Ihren Job bei H&M hatte sie schwungvoll gekündigt.
Jetzt ging es nach Amerika.
Der Anruf von Christl war unerwartet gekommen. Ihr Laden liefe gut, sie bräuchte Hilfe.
„Welcher Laden?“, hatte Greta mit klopfendem Herzen gefragt. Ihr Blick war zu den Postkarten geglitten. Nie hatte Christl geschrieben, was sie in Amerika taten, nur was sie aßen, wie großartig ihr Lebensstil doch war.
„Lauras und mein Tattooshop!“, hatte Christl gelacht.
„Tattooshop?“, Greta runzelte die Stirn. Beinahe setzte ihr Herz zum Klopfen aus. Na, Tätowieren konnte Greta nun wirklich nicht.
„Ja, Laura und ich haben Piercen und Stechen gelernt hier in New York. Und langsam brauchen wir einen Shopmanager, die rennen uns hier die Bude ein! Die Amerikaner fahren voll auf das deutsche Personal ab!“, erklärte Christl daraufhin.
„Was muss man denn da machen?“, Greta hatte die Luft angehalten und ganz fest zu Gott gebetet. Das war es. Ihr goldenes Ticket, auf das sie ihr Leben lang schon gewartet hatte. Im Kopf hatte sie schnell ihr Erspartes überschlagen, ihre Hände hatten gezittert, ihre Brust gebebt. Greta war ein USA-Fan, seit sie denken konnte. Und ihr Leben in Deutschland war so trist und hoffnungslos – sie hätte wohl sogar wieder Klamotten verkauft, hätte Christl sie darum gebeten.
Was hielt sie denn hier in Deutschland? Außer…
Na eben. Sonst nichts.
„Termine vereinbaren. Auf das Geld schauen. Und vor allem: Kunden akquirieren. Das kannst du doch, du Wirbelwind!“, hatte Christl gelacht und die Leitung hatte geknistert, „Passt doch eh sehr gut. Tobias ist doch noch in Afrika, oder?“
Genau. Da war doch was. Ihr langjähriger Freund Tobias, der vor einer Woche aus Afrika zurückgekommen war. Fast eineinhalb Jahre lang hatte er Missionsarbeit geleistet und sie hatten sich über all diese Meilen hinweg geliebt. Jetzt war er zurück und sie genossen es. Gemeinsam… und jetzt sollte also Greta gehen?
Für Tobias war Afrika der Traum gewesen. Doch konnte Greta wirklich einfach so jetzt an der Reihe sein, nach all dem Trennungsschmerz?
Und nun war der Flug gebucht, der Job gekündigt, die Tränen der Eltern getrocknet und das Gepäck gepackt. Sie würde eine Zeit lang in der Mädels-WG über dem Tattooshop leben. Ein Laden voller Hirschgeweihe und Dirndl. In dem es vielleicht ein wenig nach Krankenhaus riechen würde, denn für Laura roch es in Tattooshops immer nach Krankenhaus. Aber das machte ihr nichts aus. Und sie freute sich so unheimlich auf den Moment, wenn das Flugzeug auf New Yorker Boden aufsetzte. Es war ein bisschen wie im Fernsehen. Wahnsinnig unwirklich. Wirklich war Tobias. Und dass sie mit ihm sprechen musste.
Sie hatte ihn nicht als Ersten angerufen. Im Grunde hatte sie es ihm die ganze Zeit verschwiegen. Er hatte ihr damals als Erste von Afrika erzählt! Womöglich hatte sie sich die ganze Zeit davor geziert, weil er sie nicht gehen lassen würde. Lieber erstmal den Flug buchen, dann weitersehen. Und nun war es fünf vor zwölf. Wenn sie es ihm jetzt nicht sagte, würde er in den nächsten Tagen vor ihrer verlassenen Wohnung stehen, klingeln und ziemlich doof aus der Wäsche gucken. Warum hatte sie es ihm bloß nicht früher gesagt? Zweifelte sie – an ihm und ihrer Liebe? Vielleicht hatte sie ihn ja nur schützen wollen? Vielleicht gab es Hoffnung für eine Fernbeziehung, vielleicht kam er nach? Oder würde er sie, sobald sie ihm bei einer Tasse Kaffee ihre Auswanderung gestanden hatte, einfach verlassen?
Mittlerweile hatte sie die Straße überquert und war angekommen. Er war bestimmt schon da, er war immer pünktlich. Sie atmete tief ein. Die Entscheidung war noch nicht gefällt. Dann öffnete sie die Tür.


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Simone Bauer, 2011

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