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Richard

Es war beileibe nicht so, dass Richard Italienerinnen hasste, ganz im Gegenteil. Aber skeptisch war er doch.

Nicoletta hatte für Richard schon fast jedes Geheimnis verloren, als sie neben ihm im Kino am Sendlinger Tor saß und er ihr seine Hand aufs Knie legte und langsam unter ihr Kleid schob.

„Nein“, sagte sie, und er fand sie auch hier gewöhnlich und allzu vorhersehbar, als sie nichts weiter sagte, sondern ihre Hand auf seine packte und ihre Finger zusammenzog, als sollten sie eine Gabel halten. Immer dieselbe Bewegung der Finger. Er hatte das bereits bei ihr gesehen, als er sie ein paar Stunden davor kennen lernte, oder eigentlich war es eher so gewesen, dass sie sich ihm aufdrängte. Auf der Auer Dult, dem Markt wenige Busminuten vom Rathaus entfernt, hatte sie auf den freien Platz neben ihm gezeigt und ihren Teller mit Schupfnudeln und Sauerkraut auf dem Tisch abgestellt, als er nicht protestierte.

Sie hatte ihn angeschaut und „Was essen Sie da?“ gefragt. Er meinte einen italienischen Akzent heraus zu hören.

„Ich glaube nicht, dass wir zusammenpassen“, hatte er geantwortet, „Dies ist Crêpe mit Cointreau. Ich liebe es französisch.“

Und das hatte er beileibe nicht nur so dahin gesagt. Er mochte Frankreich sehr und er hatte Französinnen gekannt, oh la la!

Und jetzt saß er neben dieser Nicoletta im Kino und es ging – im Film – einmal wieder um das Ende der Welt. Dass dieses bald eintreten würde, nahm er inzwischen fast hin, wie man jedes Sterben hinnimmt, so wie das eigene, als unvermeidlich, na ja, nicht ganz ungerührt, irgendwie betroffen ist auch der Stumpfste von uns, selbst der Hirnlose im SUV, dem riesigen Geländefahrzeug, das die Erdölvorräte dieser Welt schneller verschluckt als jeder Alkoholiker sein Bier oder seinen Schnaps – aber dass sie Schupfnudeln mit Sauerkraut aß, das drückte doch irgendwie unbehaglich gegen seine Magengrube, und dies noch mehr, als sie ihm bestätigte, dass sie Italienerin war. Wäre sie eine Nigerianerin gewesen, die Schupfnudeln mit Sauerkraut aß, hätte ihn das vermutlich weniger gestört. Aber Italienerin, das bedeutete für ihn – nach einigen Erfahrungen, die ihn jetzt ganz sicher zu einem einseitigen, grobschlächtigen und ungerechten Urteil verleiteten – nichts anderes als ein Mann-Frau-Verhältnis der wechselseitigen Sklaverei, ein weiblicher Würgegriff mit rachsüchtigem und erstickendem Sich-Festklammern am Männchen, dem das Weibchen – bevölkerungsstatistisch gesehen vermutlich zu Recht – Untreue unterstellte, außerdem ein haltloses, nervtötendes, schrilles Lamentieren und eine ewige Unpünktlichkeit in jeder Hinsicht und das Verpassen von fast allem, was ihm wichtig war.

Und da für Italiener und -innen ein Abweichen von Pasta und Co. nicht üblich war, musste einem diese Frau, die sich daran machte, Schupfnudeln mit Sauerkraut zu essen, mehr als alarmierend erscheinen. Es war beileibe nicht so, dass er Italienerinnen hasste, ganz im Gegenteil, er hatte in Italien wunderbare Menschen getroffen, auch wunderbare Frauen, und doch war seine Meinung speziell über letztere desto positiver gewesen, je weniger erotisch-sexuelle Interessen eine Rolle spielten. Wenn einer seiner Freunde oder Bekannten sich auf eine Italienerin einließ und es entstand eine glückliche und befriedigende Beziehung, fand er das natürlich gut, doch wenn einer mit einer solchen Frau in Schwierigkeiten geriet, bedauerte er ihn eigentlich nicht – schließlich ist jeder für sich selber verantwortlich – und er konnte sich im Zweifelsfall ein heimliches Grinsen nicht verkneifen, jedenfalls dann, wenn ihm dieser Mensch nicht sonderlich sympathisch erschien.

Das einzige Geheimnis, das ihm bis jetzt von Nicoletta geblieben war, war ihre stillschweigende und zwar ein wenig ratlose, aber beharrliche Hingabe an das Nichts, das sie ihr Leben nannte.

„E che farai domani?“, fragte er – Und was machst du morgen? – als sie aus dem Kino kamen. Er redete einfach nur, um kein Schweigen entstehen zu lassen.

„Niente“, sagte sie, nichts, erstaunlich wenig verlegen um Wörter, selbst um solche nicht, die verräterisch und peinlich waren. „Wir könnten uns im Weißen Bräuhaus im Tal treffen, sonst kenne ich bisher keine Lokale in München. Um sieben?“

Er zögerte. „Sieben geht nicht. Um acht“, meinte er dann. Ihm war halb schlecht, doch dann erinnerte er sich daran, wie rund und schön ihre Arme und Schenkel sich angefühlt hatten. Dies durfte noch nicht das Ende sein. „Ich werde kommen“, sagte er, und er hatte mehr als eine Bedeutung dieses Satzes im Kopf, als er nach Hause fuhr.

Am Biertisch im Bräuhaus erzählte sie ihm dann, dass sie die Beste ihrer Klasse gewesen sei, aber nicht studieren konnte, weil ihre Eltern kein Geld hatten. Diese Geschichte hatte er schon zu oft gehört, als dass sie ihn noch hätte beeindrucken können. Wenn sie sich schon nicht um ein Stipendium bewerben konnte oder wollte, warum suchte die Frau sich dann keine Arbeit und sparte Geld? Er selber hatte immer gearbeitet, auch noch während des Studiums, als Lieferwagenfahrer, oder er hatte Privatwohnungen renoviert, dafür sogar Samstagabende und Sonntage geopfert. Seine Examen hatte er trotzdem nach dem absoluten Minimum an Semestern geschafft und gelebt hatte er auch. Wer wirklich studieren wollte, konnte das hinkriegen.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, sagte sie: „Ich arbeite schon jahrelang, aber ich konnte fast nichts sparen. Ich wohne nicht in einer Stadt wie München, wo es viele Möglichkeiten gibt, sondern auf dem Land in Mittelitalien. Für eine Ungelernte ist es dort schwer, eine Stelle zu bekommen, und wer eine findet, verdient sehr viel weniger als in Deutschland. Und dies Wenige ist bisher fast komplett für meine Wohnung draufgegangen. Ich suche jetzt gerade etwas Kleineres, Billigeres.“

„Leben deine Eltern noch?“, fragte er.

„Ja. Aber ich will mit meinen dreißig Jahren nicht mehr bei ihnen wohnen. Ich bin schon mit 18 ausgezogen.“

Er wusste, dass das ungewöhnlich, fast ungeheuerlich war für italienische Verhältnisse. Die meisten jungen Leute des Belpaese hatten es nicht eilig, aus dem warmen elterlichen Nest zu flüchten, fanden es völlig normal, bis dreißig oder länger dort wohnen zu bleiben. Nicoletta wollte ihm also sagen, dass sie nicht nur eine kluge, sondern auch eine unabhängige, starke junge Frau war. Aber auch dieses Lied beeindruckte ihn nur wenig. Er war, in Deutschland, selbstverständlich bereits mit 18 zu Hause ausgezogen, inzwischen gerade mal 30 Jahre alt, stand auf eigenen Füßen und dazu gehörte es auch, dass er die Miete für ein – wenn auch kleines – Appartement in der Orleansstraße selbst bezahlte. Er war immer bereit zu arbeiten und Opfer zu bringen für die Aussicht, damit eine gefühlte Unabhängigkeit zu erreichen, und so wie er dachten auch seine Freunde und Freundinnen.

Nicoletta also trat ihm mit großartiger Geste, geradezu als eine Auserwählte des Schicksals entgegen, als eine, die gegen tausend Widerstände in Italien sich erkämpft hatte, was für junge Leute in Deutschland eher selbstverständlich schien. Und irgendwie war er sich fast sicher, dass sich bei ihrem Heldenlied über kurz oder lang unweigerlich Misstöne einschleichen würden. Häufig hatte er gerade bei ach so unkonventionellen Italienerinnen erlebt, dass diese wie ausgewechselt waren, wenn es irgendwann ans Eingemachte ging, denn dann fielen nämlich plötzlich gerade sie, von denen man (oder soll er sagen: Mann) dies zuallerletzt erwartet hätte, in äußerst fest gefahrene Verhaltensmuster zurück. Italiener, Männer, womöglich in gewissen Fällen ein bisschen weniger, Italienerinnen aber auf jeden Fall waren Neandertaler, was ihre Gewohnheiten betraf.

„Ich habe angefangen zu studieren“, sagte sie jetzt. „Meine Ersparnisse haben für die Studiengebühren nicht gereicht, also habe ich einen Kredit aufgenommen.“

„Ich kann dir Geld geben“, sagte Richard. „Zinsfreies Darlehen.“

„Nein, das möchte ich nicht“, versetzte sie. „Ich komme alleine zurecht. Ich arbeite bei einer Firma in meinem Wohnort dreißig Stunden die Woche an der Bügelmaschine. Ich kann nicht jeden Tag die eineinhalb Stunden mit dem Auto bis zur Uni fahren, doch kenne ich inzwischen einige Studentinnen, die Vorlesungen für mich mitschreiben, falls ich diese wegen der Arbeit verpasse.“

„Und was machst du jetzt hier in Deutschland?“

„Ich studiere Sprachen, unter anderem Deutsch, und ich will hier meine Kenntnisse ausprobieren.“

„Und warum sprichst du dann die ganze Zeit mit mir Italienisch?“

„Ich schäme mich für mein tedesco maccheronico, mein Spaghettideutsch. Du kannst ja ein bisschen mit mir üben.“

„Vediamo“, sagte er: Mal sehen. Falls sie vorhatte zu klammern: Sie war ja nur noch eine Woche da und würde dann wieder nach Italien fahren. Andererseits: Wenn er bei ihr jetzt noch etwas ausrichten wollte, hatte er nur eine Woche. Er musste sich sputen, sollte sich aber besser keine Hast anmerken lassen.

Am Sonntag hatte er sie kennen gelernt und, wenn das stimmte, was sie ihm erzählte, war sie noch immer sozusagen Jungfrau, das heißt, in München bisher ungevögelt geblieben, und das nach fast zwei Wochen in dieser Stadt, die zupackend ist und ausschweifend und nach allem greift, das schön und verlangend daherkommt. Er liebte München und hatte Sympathie für diejenigen, die sich in den weitgespannten und gelegentlich fast unsichtbaren Netzen hier verfingen. Er verfing sich selber gern und verstand alle, denen es ähnlich ging.

Als er Nicoletta später in Italien wiedersah, wirkte sie deutlich älter und verbrauchter – wie eine Frau nach zwei Kindern, zu viel Sonne und reichlich Lethargie. Dabei hatte sie gar keine Kinder, mied im ewigen Schatten ihrer Wohnung hinter den immer geschlossenen Lamellen-Fensterläden das helle Licht des Tages, und da schien es keinen Grund zu geben, dass sie so auffällig alterte – außer vielleicht, dass sie ganz einfach an der Luft trocknete wie Parma-Schinken. Hatte er noch Lust, sie zu vögeln, so wie sie jetzt aussah? Er drückte sich um eine wirkliche Antwort und versuchte einfach nur bella figura zu machen, das heißt, möglichst nur angenehm aufzufallen in dem an ihm vorbei strudelnden italienischen Leben.

Doch wollen wir nicht vorgreifen. Noch sind wir in München und er schleicht um sie herum. Sie schien es übrigens kaum erwarten zu können, ihn zu treffen – einmal rief sie ihn sogar bei seiner Arbeitsstelle am Rosenheimer Platz an, was ihm alberne Bemerkungen der versammelten Kollegen einbrachte – und am Abend ließ sie sich gern von ihm nach Hause bringen in die Milchstraße, wo sie ein Fremdenzimmer gemietet hatte, doch dann schickte sie ihn an der Haustür weg.

Irgendwann lud er sie zum Essen ein, zu ihm nach Hause in die Orleansstraße. Ein sehr einfaches italienisches Essen, aber aus allerbesten, ganz frischen Zutaten. Sie aß, lobte ihn, trank Wein dazu, am Ende auch einen Limoncello, den Zitronenlikör, und ließ sich dann die Bluse und den BH ausziehen. Ihm wurde heiß und eng, als er mit der Zunge über ihre Brüste fuhr, die rund und süß und für jemand so Filigranen wie sie geradezu unverschämt groß und schwer waren. Als seine Finger weiter wollten, hielt sie ihn jedoch schon wieder auf.

„Nein, das will ich nicht“, sagte sie.

„Erst nach der Heirat?“, fragte er zurück.

„Blödmann!“, versetzte sie. „Auch wir Italienerinnen leben in Europa. Aber ihr Männer sollt uns respektieren. Und du wirst warten müssen, bis ich will.“

„Kein Wunder, sind eure Männer so scharf auf die Touristinnen.“

„Kann schon sein, dass die anders sind als ich. Aber das interessiert mich nicht. Ich bin keine Nutte.“

Das war hart. Ungerecht. Schrie zum Himmel.

„Dabei hast du so feine Wäsche“, sagte er. „Eine so zarte Schrift. Kennst alle Geschmacksnuancen von der Erde bis zum Himmel. Warum also trittst du um dich wie ein Maultier?“

„Ich stehe nicht auf Komplimente“, sagte sie, und sie wusste, dass sie log – da war er sicher. „Und warum soll ich nicht sagen, was ich denke? Dein Problem, wenn du das nicht verträgst.“

Am folgenden Tag war sie wieder bei ihm. Er durfte ihr nicht nur die Bluse, sondern auch die Hose ausziehen, ihre Beine küssen von den Zehen bis zu den Oberschenkeln. Aber bevor es weiter gehen konnte, waren da wieder ihre Finger, die ihn stoppten.

„Ja, ich weiß“, sagte er. „Respekt. Und Respekt bedeutet Warten.“

Er zog sie wieder an: Ihren BH, die Bluse, die Hose.

„Was machst du?“, fragte sie.

„Wir warten“, entgegnete er.

„So habe ich das nicht gemeint“, wandte sie ein.

„Aber ich“, versetzte er. „Zieh deinen Mantel an und geh nach Hause.“

„Bist du jetzt beleidigt?“

Kann schon sein, aber ist das nicht egal? Schließlich bist du keine Nutte, oder?“

„Du willst mich nicht verstehen.“

„Nein. Und nun zieh deinen Mantel an und geh!“

Da stellte sie sich vor ihn hin, knöpfte sich ihre Bluse und die Hose auf und schleuderte beide auf den Stuhl. Den BH warf sie hinterher. Dann legte sie sich auf das Bett, hob ein wenig den Hintern und zog sich den Slip aus.

Am folgenden Morgen stand er früh auf und holte Brötchen. Die Straßen leuchteten strahlend hell, obwohl sie voller Schneematsch, Hundekot und Pfützen waren. Es war kalt und feucht und scheußlich, aber er fühlte sich unglaublich gut.

Nach zwei weiteren Morgen mit frischen, verführerischen, himmlisch schmeckenden Vollkornbrötchen fuhr sie nach Italien zurück.

„Ich werde an dich denken“, sagte sie, „und an den Duft und das Leben dieser Stadt.“

Er widersprach ihr nicht, begleitete sie zum Hauptbahnhof und winkte ihr nach, bis der Zug in der Ferne verschwand. Sie war eine wundervolle Frau, doch irgendwie schien es da ein Gesetz zu geben: Je weiter sie sich von ihm entfernte, desto mehr strömte verloren Geglaubtes wieder in ihn selber zurück.

Er ließ in der folgenden Zeit ihre Karten unbeantwortet, ihre Briefe öffnete er nicht. Keineswegs aus Bosheit oder Desinteresse. Es war einfach sein Wunsch, etwas zu bewahren, das durch zu viel Kontakt mit Luft und Licht und Lesen und auf den Wegen der Post womöglich für immer zerstört werden konnte und für das es – wie er dann merkte – doch keinen Ort gab, wo es wirklich sicher aufgehoben war, und er musste beklommen zusehen, wie das alles unterging in einer bis zum Herzen steigenden ungeheuerlichen Flut, die neu und unerwartet aus ihm selber hochwirbelte.

Er griff nach dem Tischkalender, den er als eine Art Tagebuch benutzte, schrieb eigentlich nichts, bloß ein paar – fast unleserliche – Krakel. Es kam nicht darauf an. Das Untergegangene würde er, wenn er sich richtig verstand, in eine dankbare Erinnerungsecke des Kalenders und – ja! – auch seines Körpers verschieben, aber keinesfalls wirklich retten können, dafür schritt das Leben zu machtvoll voran. Aber irgendetwas würde bleiben von Nicoletta und wäre es auch nur dieser Duft nach frischem Oregano, den sie verbreitet hatte, wohin immer sie auch ging.


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Peter Asmodai, 2011

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