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Emma

... war hier. Sie nimmt dich gerne mit und zeigt ihn dir – den Eingang in eine andere Welt.

Äußerlichkeiten spielen für Emma keine Rolle! Sie lebt in Köpfen, Gefühlen und Wurmlöchern. Sie löst Menschen aus ihrem Hintergrund, ignoriert Status und anderen Klimbim, fokusiert auf Substanz. Wenn Emma Menschen betrachtet, sie dabei mehr spürt als sieht, dann vor ihrem Inneren, vorzugsweise vor dem bewusst, noch lieber vor dem unbewusst Verborgenen.

Entschieden klappt sie den Laptop zu. Die Story ist nicht erzählbar. Der Inhalt, das Ereignis des letzen Jahres bleibt selbst für sie, die Protagonistin, kaum greifbar. Welche Struktur könnte Vielschichtigkeit, Hemm- und Hindernisse, aber eben auch unvorstellbare Durchlässigkeiten im Zwischenmenschlichen ihrer Geschichte nachvollziehbar abbilden? Bei aller Lust an und Erfahrung mit den ausgefallenen Kreationen ihrer Fantasie.

“Ich möchte bitte bezahlen”, ruft sie der Bedienung zu, blinzelt dabei trotz Sonnenbrille gegen das morgendlich flach einfallende Licht. Der Müllwagen fährt wenige Meter bis auf Höhe des Straßencafés vor, zwei Männer in Orange strömen aus nach rechts und links, hantieren, klappern. Das monströse Fahrzeug frisst lautstark in sich hinein. Die Bedienung hört Emma nicht, verschwindet im Inneren ihres Lokals.

München. Alt-Schwabing. Ecke Feilitzsch-Occamstraße, Café-Bar “Gala”. Ein paar hundert Meter von hier hat alles seinen Anfang genommen. Heute wirkt diese kleine Welt voller unsichtbarer, geschlossener Gesellschaften harmlos, dabei weiß Emma es besser: es war der blanke Irrsinn, als der junge Wilde aus Schwabing sie damals auf die andere Seite zog.

“Haben Sie noch einen Wunsch?”, unterbricht die Bedienung Emmas Gedanken. “Ich nehme gerne einen zweiten Milchkaffee”, entscheidet Emma, wundert sich über ihre Kursänderung, lässt den Blick schweifen und verhakt am Objekt: Strohhut, Halstuch, Jacket, T-Shirt. Der Mann mit markantem Gesicht und grauen Fusselhaaren überquert die Straße, schwenkt seine Jutetasche parallel zum knittrigen Hosenbein, wirkt dabei etwas inszeniert. Und so unbelebt die Feilitzschstraße um diese Uhrzeit vergleichsweise ist, kollidiert der Pseudo-Künstler zwischen zwei parkenden Fahrzeugen mit einer strammen Brasilianerin, deren Brüste, Arme und Schenkel ohnehin wenigen Jeansstoff an seinen Nähten aufs Äußerste strapazieren. Schwabinger Kunstszene und südamerikanisches Körpergefühl lösen die Enge zwischen zwei Stoßstangen geschmeidig, lächeln sich dabei an.

Emma meinte München in seiner Unterschiedlichkeit, in der Bandbreite zwischen Schlachthof und Nationaltheater, zwischen Giesing und Grünwald zu kennen. Aber Altschwabing, von Völkergemisch, Studenten und Unikaten okkupiert, den Touristen bekannt, von Besserwissern gemieden, dieses Gewirr aus holprigen Gassen und Einbahnstraßen, Gemenge aus Kram- und Nobelläden, Kneipen, Restaurants, Fastfood und Döner, diesen eigenwilligen Pulsar am südwestlichen, unteren Drittel des Englischen Gartens, den kannte sie nicht. So nicht.

Leser?
Hallo?

Bist Du da?
Es ist nicht allein entscheidend, WO man ist. Komm! Nimm dir ein bisschen Zeit und setz dich zu Emma.

Emma schreckt auf und schaut irritiert auf einen der beiden leeren Stühle an ihrem Bistrotisch. Ihr war, als hätte sie gehört, wie jemand den silbrigen Leichtmetall-Stuhl ihr gegenüber zurückzieht, sich darauf niederlässt, Schlüsselbund und Handy auf die Alutischplatte scheppert. Sie schaut sich um, ist nach wie vor der einzige Gast. Emma stellt sich vor, jemand hätte Platz genommen.

“Ich weiß nicht ob oder wann ich je wieder in diese Gegend gekommen wäre, wenn es nicht damals unmittelbar zuvor schon die Eckpfeiler meines Lebens in die Luft gesprengt hätte. Zosch! Nichts mehr ist, wie es war und ich taumel orientierungs-, aber nicht hoffnungslos im Orbit. Was mir hilft, Aufgabe und Verlust zu verkraften, ist Neugierde. Wo Bodenlosigkeit zu freiem Fall zu werden droht, versuche ich mich im Bungee-Jumping. Ich reiche mir bisweilen Risikolust nach, wo ich fürchten müsste. Verstehen Sie? Ich war gebeutelt und leer, aber nicht gebrochen und platt.”

Schräg gegenüber vor der „Zentrale Schwabing“ hält ein Laster in zweiter Reihe, Budvar im Fass wird angeliefert. Türen knallen, der Fahrer lässt die Ladebordwand runterfahren, gähnt, wühlt sich in den ohnehin zerzausten Haaren, sieht insgesamt aus, als würde er regelmäßig keine unerheblichen Mengen seiner Lieferung selbst vernichten.

“Trinken Sie aus, dann zeige ich Ihnen das Einstiegsloch in relative Wahrscheinlichkeiten”, wendet sich Emma an ihren fiktiven Begleiter und du folgst ihrer Aufforderung.
“Dreizehnfünfzig, bitte”, nuschelt die verunsicherte Bedienung. Denn Emma macht einen seltsamen Eindruck, wie sie allein und vertieft dasitzt, ins Leere starrt, bevor sie sich endlich der jungen Frau und ihrer offenen Kellnerbörse zuwendet.
“Fuffzehn. Passt so.”

Lass dich von Emma an die Hand nehmen. Der Feilitzschstraße Richtung Münchner Freiheit folgend überquert ihr gemeinsam die Occamstraße. Alle drei Bänke am Wedekindplatz sind mehr oder weniger besetzt, an der Mauereinfassung der Grünfläche parken Fahrräder, Hunde pinkeln an Bäume. Wie meistens, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Junge Leute hocken auf dem Mäuerchen, essen aus der Hand, reden und lachen. Aus dem Getränkeshop an der Ecke stakst einer erschreckend steif heraus, steuert mit dem gläsern scheppernden Inhalt seiner Plastiktüte das Grün an. Emma wirkt angespannt, geht schnell mit großen Schritten. Sie geht immer so, filmt dabei in Hintergrundrechnung Details. Du hechtest nebenher, kommst in Stress. Emma ist fordernd. Und eure Umgebung – spürst du es? – extrem komplex. Hier kumulieren Lebensentwürfe, die so inkompatibel sind, dass es Funken schlägt.

Am Eck beim Frisör Löwenstein wendet sich Emma nach rechts in die Marktstraße. Gegenüber im McDonalds floriert das Frühstücksgeschäft oder das, was mancher darunter versteht. Vorbei am Fai Chi, einem chinesischen Restaurant, in dem schon die Töpfe klappern, und weiter die Marktstraße hinunter. Gegenüber liegt die Kneipe „Abseits“ und genau so sieht sie auch aus. “Für den Laden bräuchte ich die richtige Begleitung”, denkt Emma und findet in ihrem Bekanntenkreis niemand Passenden.

An der nächsten Ecke bleibt Emma stehen, blickt zurück die Marktstraße hinunter: “Aber hier muss es doch gewesen sein. Ich war nur ein Mal dort”, rechtfertigt sie sich. “Ich bin per Zufall in dem Geschäft gelandet, habe mich damals durch Schwabing treiben lassen, nicht darauf geachtet, wo ich bin.” Sie blickt nach links in die Haimhauserstraße. Nein, ein Gewürzladen ist ihr damals nicht aufgefallen, auch nicht das futuristische Dach der U-Bahnstation Münchner Freiheit am Ende der Sackgasse.

Aber das KSARA mit libanesischer Küche, an das erinnert sie sich. “Kommen Sie.” Emma zerrt dich am Ärmel nach rechts in die Haimhauserstraße. Ausm Ringelnatz wird rausgekehrt. „Hierhin will ich zurück kommen“, beschließt Emma spontan, als sie einen Blick ins Innere wirft. Auf ein Gläschen Wein, eine Kleinigkeit. Aber mit wem? Sie schaut nochmals auf das Schild: Bar, Café, Restaurant „Ringelnatz“. Weiter, vorbei am „Geschäft für Maßhemden“, und gegenüber ... ? ... „Wurst Fuchs“? Nein!

“Wir sind falsch.” Emma dreht um und eilt, rennt beinahe zurück. Du spürst Emmas Verzweiflung, ihre Sorge, den Einstieg in die andere Welt nicht mehr zu finden. Etwas wie Verlustangst überträgt sich auf dich. Obwohl gewiss ist, dass sie den Tunnel nie mehr nehmen wird, fühlt sie sich nur sicher, wenn sie weiß, dass sie könnte, wenn sie wollte.
Panisch hastet Emma durch die Gassen, letztlich im Kreis und wieder rüber bis in die Occamstraße. Vorbei am Lustspielhaus, an Karibic und Ipanema Bar, ein Stück die Siegesstraße hinunter und wieder zurück, bis sie endlich abrupt stehen bleibt und hinüber zeigt: “Da ist es!” Im selben Moment zieht sie sich aus ihrem sonst so offen lesbaren Gesichtsausdruck zurück, wird undurchschaubar.

“Wollen Sie es wissen?”, fragt Emma und kehrt für Sekunden ins Jetzt zurück. Sie lässt dir keine Zeit zu antworten, überquert zielstrebig die Straße und betritt den Laden. Wie vor einem Jahr:

“Servus.”
“Hallo.”

Die Auslage im Schaufenster lockte sie in unbekanntes Terrain. Nun steht sie unschlüssig in ungewohnter Umgebung, fühlt sich fehl am Platz, beäugt und schließlich befasst die Dinge unsicher.

“Kann ich dir helfen?”, fragt er und stellt sich neben sie.
“Ich möchte mich nur ein wenig umschauen.”
“Gerne.”

“Der duzt mich?”, wundert sich Emma, hat aber nichts dagegen. Wenn erstmals Jugendliche in der S-Bahn aufgestanden sind, um dir ihren Sitzplatz anzubieten, dann kommst du in ein Alter, in dem es schmeichelt, wenn Leute dich ungezwungen duzen.

“Suchst du etwas Bestimmtes?”
“Nein. ... Nur so.”
“Kein Problem.”

“Hier ist kein Preis dran”, murmelt sie.
Er kommt noch näher: “Lass mal sehen.”
Im Hintergrund läuft leise Musik.

HINTERGRUND / Empire Of The Sun: „We Are The People“

Er ist jung. Sehr jung. Auf seine Weise hübsch. Die plötzliche Empfindung seiner Körperwärme bestürzt Emma. So nah kommt ihr so schnell keiner. Sie steht stocksteif, kann nichts machen gegen den ungewollten Informationsfluss in ihre Richtung. Unter einer Oberfläche, die für alles andere spricht, entdeckt sie Verletzlichkeit und Verwundung. Narben.

Er nennt den Preis, schaut ihr dazu unpassend grinsend ins Gesicht. Klar wird, dass er sie längst von oben bis unten taxiert hat. Er fixiert ihre Augen selbstbewusst, zielstrebig. Emma hört ihn gar nicht. Sie ist damit beschäftigt, dem fordernden Blick standzuhalten, die Situation unter dem Offensichtlichen zu verstehen. Aber Emma ist zu langsam.

“Ich wollte gerade zusperren. Ist so schönes Wetter. Gehst mit in den Englischen Garten auf ’ne Russ’n Halbe?”, plappert er, als frage er nach der Uhrzeit.
Emma ist fassungslos. Der Junge duzt sie, bewertet unverhohlen ihr Äußeres, ignoriert Intimsphäre, übertritt konsequent jede Grenze und gipfelt in...? ... ja in was eigentlich? Emma ist überfordert: “Du kannst doch nicht einfach schließen ...”
“Entschuldige mal.”
“Also ... ämm ... ich ...”
“Gib mir drei Minuten.”

Er verriegelt mit klapperndem Schlüsselbund, während Emma in seinem Rücken wartet, sich fragt, ob sie eigentlich noch alle Tassen im Schrank hat. Er geht mit ihr den Weg zurück, den sie gekommen ist, weiter bis es links von der Feilitzschstraße abzweigt in die Gunezrainerstraße.

“Wo kommst du her?”, plaudert er, als wäre sie sechzehnjährige Austauschschülerin.
“Nicht von hier, und du?”
“Auch nicht.”

Rüber über die Mandlstraße und rein in den Englischen Garten. Sommer. Sonnenstrahlen brechen durch Blattgrün und tanzen auf dem Weg, über seinen Rücken. Breites Kreuz. Schmale Hüften. Der junge Wilde schlappt in kurzen Hosen neben ihr her, kratzt sich die Seite. Emma wird sich ihrer eigenen Körperhaltung bewusst, ihres militärischen Ganges, versucht sich im Lockerlassen, was misslingt.

“Gefällt es dir in München?”, will er wissen.
“Meistens. Ich bin gerade in keiner leichten Lebenssituation.”
“Wieso? Was ist los?”
“Das zu erklären, führt zu weit”, antwortet sie.
“Verstehe.”
“Das glaube ich kaum.”
“Was?”
“Nichts.”

NICHTS / Moby: „In This World“

Sie laufen schweigend nebeneinander her. Die Realität holt Emma ein. Hinter den großen, dunklen Gläsern ihrer Brille muss sie trotzdem lächeln, feixen über ihre Entscheidung am Morgen zugunsten eines unsinnig sommerlichen Flatterkleidchens. Beglückwünscht sich nebenbei zu dem spontanen Termin beim fremden Frisör: “So, meine Liebe, um Jahre jünger.” Emma kann mit Schmeicheleien nichts anfangen, es ist ihr zu viel. Der Junge neben ihr macht Gott sei Dank kein unsinniges Kompliment, aber seine Gesellschaft könnte eines sein, wie sie es ertragen kann. Emma streicht unsicher eine Strähne hinters Ohr: “Chinesischer Turm, oder was hattest du im Sinn?”
“Warum nicht?”

Sie überqueren den Eisbach und biegen ab nach rechts. Der Park ist nicht weniger bevölkert als das angrenzende Schwabing. Auf den ersten Blick sieht man alte und junge Paare, von sichtlich glücklich bis hin zu lauthals streitend, kleine und große Familien, Touristen und wieder Studenten, Studenten und nochmal Studenten. Im Vorüberlaufen ordnet Emma unbewusst deren Physiognomie und Ausstrahlung Fakultäten zu: Physik, Kunstgeschichte, Informatik ... Über ihre Trefferquote würde sie erschrecken.

Vorzugsweise am langen Schulterriemen quer über der Brust tragen die jungen Leute ihre Taschen, womit diese seitlich tief gegen die Beine schlagen. Emma steigert sich leicht in Vorstellungen hinein. Vom bloßen Hinschauen möchte sie ins Stolpern kommen. Eine süße Kleine trampelt wie irre in die Pedale ihres Dreirades, fährt Zickzackkurs, quietscht im Geschwindigkeitsrausch.

“Hast du Kinder?”, fragt er.
“Zwei, aber die sind schon fast erwachsen.”
“Hm. Ich will auch mal Kinder”, sagt er und macht der Mutti mit Kinderwagen Platz. Die rennt dem Dreirad hinterher und brüllt: “Nele! Neleee! – Fahr nicht so schnell!” Der Kinderwagen kommt unter seiner Beschleunigung bedenklich ins Wanken. Emma und ihr Begleiter schauen Dreirad, Kinderwagen und mütterlicher Sorge nach. Sie mit anderen Gedanken als er. Sie weiß, worum es hier geht. Er meint nur, es zu wissen. Und das ist gut so. Es hat noch Zeit. Wer, im Übrigen, würde Kinder zeugen, wenn er schon vorher darum wüsste? Bei oder trotz aller Liebe!

“Wir müssen hier links”, sagt er an der nächsten, größeren Kreuzung des breiten Waldweges und greift Emma am Ellenbogen, um sie zu deichseln. Emma ist gegenüber jedweder Nähe skeptisch und dreht sich reflexartig weg. Er lacht: “Magst das nicht?”
“Was?”
“Wenn ich dich anfasse.”
“Also hör mal ...”
“Baby, stell dich nicht an. Ich wollte vermeiden, dass du schusselig in den Wald rennst.”

Baby?
S C H U S S E L I G E S  B a b y ???
Emma ärgert sich über sich selbst. Sie hätte es wissen müssen. Was für eine Schwachsinnsidee.

“Wo willst du sitzen?”, vereitelt er Emmas Kehrtwende.
Der Biergarten am Chinesischen Turm scheint besetzt bis auf den letzten Platz. Bierkrüge klappern, der Wind rauscht in den alten Bäumen, vermischt sich zu gedämpfter Atmosphäre mit der Vielstimmigkeit des Ortes. Vereinzelt schwebt ein Kinderschrei, ein helles Lachen, ein Ausruf über dem harmonischen Ganzen. Kies knirscht unter ihren Füßen.

“Was hältst du hiervon?”, fragt er und zeigt auf zwei freie, einander gegenüber liegende Plätze an einer Bierbank.
Emma nickt und schiebt ihre Sonnenbrille den Nasenrücken hoch: “Ja, gern.”
“Entschuldigen Sie, ist hier noch frei?”, fragt er das bereits dort sitzende Pärchen mit einer Höflichkeit, wie Emma sie ihm nicht zugetraut hätte.

“Setz dich. Ich hole uns was. Was magst du?”, will er wissen.
“Die Russ’n Halbe war eine gute Idee. Ich bleib dabei.”
Der junge Wilde verschwindet in der Menschentraube am Getränkeausschank. Emma schaut ihm zweifelnd nach, “... der ist doch vom anderen Stern”, und beschließt, den Außerirdischen “E.T.” zu nennen.

Sie genießt den Moment, bedauert, dass sie in all den Jahren nie wieder hier war. Und amüsiert sich über die Umstände, die sie heute zurückgebracht haben. Die jungen Leute zu ihrer Rechten halten sich über dem Tisch an den Händen, blicken sich gierig an. Er flüstert etwas und sie kichert. Emma schaut weg.

“So, na dann Prost!”
“Ja. Prost. – Sehr unerwartet alles ...”
“So ist das manchmal”, sagt E.T., lässt den Kopf nach vorne sacken und zieht seine Sonnenbrille so weit vor, dass er drüberschielen kann: „Bist du Journalistin?“
„Nein, wie kommst du denn darauf?“

Dann nickt er nach rechts ohne hinzuschauen. Emma folgt der Geste und sieht über den Kiesweg zum Nachbartisch. Zwei Männer Mitte dreißig in Anzügen.

“Aber die Zwei gehören zu dir?”
“Bitte?”
“Sind das deine Bodyguards, oder was?”
“Ach so. Ja, klar. Und ich bin im Übrigen komplett verkabelt. Du wirst seit fünfundvierzig Minuten aufgezeichnet.”

Mit seiner Reaktion konnte Emma nicht rechnen. Sie fährt überrascht zurück, Bier schwappt, als E.T. rübergreift bis an den schmalen Träger ihres Kleides, mit zwei Fingern drunter fährt, an ihm hinunter gleitet, erst dem Ausschnitt ihres Kleides entlang, dann hinein: “So? – Ich kann aber nichts finden.”

Wo Anderen endgültig das Gesicht herunterfällt, setzt Emma Pokermiene auf: “Schätzchen! Das nennt man Nanotechnologie. Das ganze Technik-Geraffel ist im Stoff meines Kleides verwoben.” Sie schmeißt seine Hand zurück auf den Tisch. Er legt den Kopf schief. Schweigen.

SCHWEIGEN / Rihanna: „Russian Roulette“

Die Männer vom Nachbartisch schauen herüber. Emma nickt ein “alles OK” zurück. E.T. grinst: “Du gefällst mir.” Emma steigt das Bier in den Kopf. Sie schaut verwegener als sie für möglich hielt: “Du mir auch.“ Emma fokusiert zwei Tische weiter auf einen Haufen Fleisch- und Muskelberge. Kahle Köpfe, Ohrringe, Piercings, Tattoos. „Und die Jungs da drüben, das sind deine, oder?”.
“Ganz genau! – Woher weißt du?”, funkelt E.T. über den erhobenen Bierkrug, prostet Emma erneut zu und setzt an. Emma sieht ihm zu, sucht ihn ab nach Erklärung für ihr Verhalten.

Mit dem Handrücken wischt er sich den Bierschaum von der Oberlippe, grinst wieder frech, zieht sich mit spitzen Fingern rechts und links gleichzeitig das Shirt von den Schultern. Es ist heiß. Ihre Unterhaltung hat nichts vom typischen Geplänkel einer Erstbegegnung. So elektrisierend seine unerwartete Nähe im ersten Moment für Emma war, so geladen ist nun die Atmosphäre zwischen den Beiden. Dass er Journalisten fürchtet und Bluthunde vermutet, sie routiniert auf Abhörtechnik abgreift, schüttet Emma Adrenalin ins Blut.

Sie umkreisen sich wie wilde Tiere, wechseln Themen sprunghaft, machen lange Pausen. Während einer erzählt, lächelt der andere undeutbar in sich hinein. Jeder versucht mehr vom anderen zu erfahren als selbst preiszugeben. Emma ist darin Meistern. Aber an diesem Kerl beißt sie sich die Zähne aus. Sie erfährt nichts und fühlt sich verraten. Nein! Ausgeliefert. Aber – und das ist irritierend – sie mag es zumindest so sehr, dass sie nicht davon lassen kann.

“So, gehen wir. Ich muss los”, sagt er von einem auf den anderen Moment mit von Ungeduld zerfressener Miene, hat schon Handy und Schlüsselbund gegriffen, steht auf. Wumm! Emma lügt: “Ja, ich habe heute auch noch was anderes zu tun.” Mit kleiner Geste lässt er ihr den Vortritt. Emma hasst das Gefühl von abtastenden Blicken. Dennoch erträgt sie ihn in ihrem Rücken. Mit Vertrauen hat das nichts zu tun, vielmehr mit Absolutheiten.

“Du bist braun. Warst du im Urlaub?”, fragt E.T.
“Nein, aber geschäftlich im Süden.”
“Wo?”
“In Damaskus.”
“Was machst du da”?
“Sprengstoff kaufen.”
“Du erzählst Scheiße.”
“Natürlich ist das Scheiße”, kokettiert sie.
“Aber zutrauen würde ich es dir.”

Emma reißt beschwingt die Arme hoch, rennt zwei Schritte vor und schwenkt vor ihm ein, so dass er stehen bleiben muss, um nicht mit ihr zu kollidieren. Sie stemmt die Hände in die Hüften, beugt sich vor und blitzt ihn an: “... wovon du ausgehen kannst, mein Junge.”

“Komm, setz dich einen Moment”, sagt er, umgreift dabei ihren Oberarm, führt sie zu einer Parkbank hinüber. Seine Hand brennt auf ihrer Haut. Sie hatte sich das verbeten, aber für eine wie sie es ist, braucht es so einen vielleicht?

“Ich dachte, du bist spät dran?” Sie sitzt steif auf der vordersten Kante, umklammert rechts und links bei durchgedrückten Armen mit verkrampften Händen die grüne Sitzbank.

“Gehst du mit jedem Erstbesten mit?”, provoziert er.
“Nein, nie.”
“Aber mit mir?”
“Ja.”
“Warum?”
“Aus Ungläubigkeit.”

E.T. sieht sie nicht an, während er seine Fragen stellt, beobachtet vielmehr konzentriert die Passanten. Emma folgt seinem Blick, findet nichts, was besondere Aufmerksamkeit verdient. Die Horde aus dem Biergarten läuft vorbei, Nieten und Totenköpfe kippen ein wenig aus dem sonstigen Bild. Wenn überhaupt etwas auffällt, dann mehr deren Schweigsamkeit als alles andere. E.T. hat den linken Arm hinter ihr auf die Lehne gelegt, tippt mit Rechts auf seinem Handy rum, steckt es weg und steht auf. “Komm, gehn w’r.”

Emma hat immer für alles eine Erklärung. Auch wenn sie weiß, dass es oftmals die falsche ist. Lieber eine falsche als keine. Für E.T.s Verhalten hat sie keine. Den gesamten Rückweg ist er kurz angebunden, mit den Gedanken woanders. Konzentriert woanders. Er telefoniert, verschickt SMS und ist ansonsten verschlossen. Emma gibt vor, sich interessiert die Gegend, Entgegenkommende und Auslagen zu studieren. Dabei ist sie fast zornig, will wissen, was er vorhat, bleibt an der nächsten Straßenecke stehen und sagt betont unberührt ganz anderes: “So, ich muss jetzt hier lang”, was gar nicht stimmt.

“Kommst mal wieder vorbei?”, fragt er freundlich, aber nicht herausragend interessiert. “Ich gebe dir meine Nummer, dann kannst eine SMS schicken, wenn du in der Gegend bist.”
Emma zögert.

Er zieht sein Handy raus: “Komm, ich ruf dich an, dann hast’ meine Nummer.”
Als es bei ihr klingelt und sie unschlüssig verharrt, nimmt er ihr das Mobiltelefon aus der Hand: “... unter welchem Namen willst du mich abspeichern?”
“E.T.”
“Das bin ich?”
“Ja.”
Er speichert sich auf ihrem Handy ein, reicht es zurück.

“Na, dann wünscht dir E.T. noch einen schönen Abend”, meint er und ist schon auf dem Sprung.
“Ja, ... Danke, ... dir auch.“ Und: “War nett”, wirft Emma hinterher.
“Tschau,” ruft er über die Schulter.
“Ciao.”

Es ist früher Abend, in den Altschwabinger Gassen der Teufel los. Heerscharen von Vergnügungswilligen strömen durch die Straßen. Bars und Kneipen haben jede Tür, jedes Fenster geöffnet, um – wenn schon keine Kühle, so doch wenigstens – Durchzug zu schaffen. Großbildschirme flackern und telegene Sportmoderatoren heizen lange vor Anpfiff unisono das weltweite Publikum an: Spanien gegen die Niederlande. Endspiel in Südafrika. Vuvuzelas kreischen und Emma scheitert beim Versuch sich zu sammeln.

“Bloß nicht dumm rumstehen”, denkt sie und sticht Richtung Leopoldstraße los. Bis ihr in den Sinn kommt, wie idiotisch sie mit ihrer ziellosen Rennerei wirken muss. Um sie herum bummeln Menschen im Sonnenuntergang, lecken Eis oder fangen am unteren Ende eines Döners herunter laufende Kräuter-Knoblauch-Sauce auf. Paare halten Händchen, Fremde schlendern, stehen, reden oder krakeelen in Trauben auf dem Bürgersteig. Emma flieht.

“Was jetzt?”, denkt sie. “Wohin?”, vor allem: “Bloß nicht heim!”
Trotz anderen Vorsatzes eilt Emma schon wieder, vorbei am Kino die Feilitzsch runter, beim Hertie biegt sie hektisch nach links in die Leopoldstraße ein: noch mehr Menschen. Das Gedränge zwingt sie zu verlangsamen. Es macht sie nervös. Auf der vielspurigen Straße schiebt sich ein Autokorso, zu Wagenfenstern und -dächern hinaus werden Nationalflaggen geschwenkt, vereinzelt schon jetzt Gehupe. Das Fußball-Ereignis macht Fremde zu Brüdern und Schwestern. – Das sagt man so.

Als Emmas Handy surrt, merkt sie, dass sie es noch immer in der Hand hält. Eine SMS: “Ich hätte dich gerne geküsst.” Emma sucht unbeobachtete Ruhe in der nächsten Seitenstraße, biegt ab nach links. In der Martiusstraße sind Gott sei Dank nur wenige unterwegs. Emma bleibt stehen, liest zum x-sten Mal die kurze Nachricht. “Ich hätte dich gerne geküsst.”

Ich lass mich doch nicht verarschen, denkt sie und tippt: “Wo bist du?”, läuft dann blindlings weiter in die Richtung, in die es sie zieht.
“Im Laden”, kommt seine Antwort innerhalb von Sekunden.

Wenn sie könnte, würde sie jetzt denken. Aber sie kann nicht und überraschenderweise fühlt sich Nichtsdenken leicht an. Emma kennt das kaum. Als sie das Geschäft betritt, kommt er auf sie zu, lächelt sie an, telefoniert aber noch. Mit der einen Hand legt er jetzt das Handy weg, mit der anderen zieht er sie an sich. Und sie wollte noch nie etwas so sehr wie genau das, genau jetzt, genau hier.

Emma unterbricht sich, unterbricht ihn, geht ins Kreuz. Wenn er scheiße küssen würde, könnte sie sich losreißen. Aber er küsst nicht scheiße ... Herrgott nein, er küsst nicht scheiße. Er küsst fantastisch. Sie zieht sein Shirt aus der Hose. Und die Hand unter ihrem Kleid ist auch willkommen. Er hat schöne Hände, kleiner, als man bei seiner zupackenden Art vermutet. Er ist tätowiert. Großflächig. Bis zu diesem Moment hätte Emma behauptet, dass sie das abstoßen würde. Es macht sie an.

“Tu nichts, was du nicht willst”, flüstert er.
“Wirke ich, als wolle ich nicht?”, fragt Emma zu laut, fängt sich aber wieder und reißt erfolgreich an seinem Gürtel. Größe spielt keine Rolle ... Das kann ja sein ... aber das hier ist etwas anderes und das ist gut so. Emmas Appetit schlägt um in Hunger.

“Wir sollten aufhören”, sagt er bestimmt, unterbricht Fortgeschrittenes und greift schon nach verstreuten Kleidungsstücken.
“Bitte?”

Ehe sie sich versieht, steht sie wieder auf der Straße. Allein. Ob sichtbar derrangiert oder nicht, weiß sie nicht. Regelrecht rausgeschmissen hat er sie. Emma eiert vor zum Karibic, eine Bar in der südamerikanischen Zone der Occamstraße. Die Plätze im Freien sind voll besetzt, die Glotze gröhlt, die Zuschauer gröhlen, das Fußballspiel ist in vollem Gange.

“Wo is´n die Toilette, bitte?”
“An der Theke entlang und dann rechts.”

Emma stolpert ins Halbdunkel, findet die Waschräume. Im Spiegel entdeckt sie eine, der ihrer Meinung nach jeder die letzte Stunde ansehen muss. Sie wäscht sich die Hände, das Gesicht, stützt sich am Waschbeckenrand auf. Kurz verschnaufen. Sie schließt sich in der Toilette ein, hockt auf der Brille und legt die Hände vors Gesicht. “Was war das denn?”

Auf dem Weg nach Draußen registriert sie ein Umfeld, in dem sie nicht zu Hause ist. Die groben Klötze glotzen sie an. Emma ist aufgeladen und glotzt zurück, bestellt sich an der Theke selbstbewusst einen Maitai. “Ich sitze da, ok?”, und deutet vage ins Freie.

Sie läuft an dem Großbildschirm-Stühle-Tische-Menschen-Verhau gespielt aufrecht entlang, greift sich hinter der letzten Reihe kraftvoll einen der dort gestapelten, zusammengeklappten Stühle, geht zurück und unterbricht nach kurzem Abwarten mutig das portugiesische Geschnatter von drei Grazien in Leopardenmuster und schrill-farbener Kunstfaser. Die Exotinnen bringen zusammen locker zweihundert Kilo auf die Waage. “Darf ich mich dazusetzen?”

Schweigen und überraschte Gesichter. Dann lächelt die sichtlich Älteste der Damen: “Klar!” Ihre einladende Geste ist authentisch. Die drei rücken zusammen, nehmen ihr Gespräch nicht wieder auf, sondern schauen Emma erwartungsvoll an. Der Kellner blickt suchend um sich, Emma winkt ihn herbei.
“Bekommen Sie den Maitai?”
“Ja, meiner”, bestätigt Emma gut gelaunt.

“Saúde!”, hebt sie ihr Glas, an dem so viel Schnickschnack hängt, dass Trinken kompliziert wird, weswegen sie den Aufbau in den Aschenbecher abbaut.
“Saúde!”, reagieren die fröhlich bunten Mädels und das Eis ist gebrochen. Es herrscht ein vielsprachiges Kommen und Gehen. In der nächsten Stunde vergrößert sich der Kreis um die Damen bis an die Bordsteinkante. Emma wird vorgestellt. Um sie herum wird durchgetauscht. Die Erstbesetzung ist inzwischen abgezogen, in Begleitung. Emma unterhält sich inzwischen mit der Zweit- und Drittbesetzung. Olá! – Olá. Oder auch „Hola!“. E.T. verblasst. Emma fühlt Gefährliches abfallen.

“Wo bist du?”, trifft seine SMS ein.
“Im Karibic.”
“Bin in zehn Minuten da.”

Emma zahlt.

“Wie hast du deinen Abend verbracht?”, fragt er unumwunden.
“Mit brasilianischen Nutten.”
“War gut?”
“Sehr.”
“Und du hältst die für Nutten?”
“Ich würde mich so nicht anziehen. Vor allem Männer nicht so angehen, wie die.”
“Da habe ich einen anderen Eindruck.”

Sie stehen am Wedekindplatz. Emma heute zum wiederholten Male.

“Was hast du getrunken?”
“Einen Maitai.”
“Willst noch einen?”
“Puh ...”
“Da?”, er zeigt aufs schräg gegenüberliegende „Peaches“.
“Was ist das?”
“Wirst schon sehen.”

Türsteher aus der einschlägigen Szene machen wichtig Platz, einer hält die Türe auf, grüßt E.T. als kenne man sich. Emma schaut auf den Boden, passt auf, dass sie nicht stolpert. Erst mal drinnen, gefällt es ihr sofort. Es herrscht ausgelassene Stimmung, der Laden mit den roten Sitzbänken läuft sichtlich gut. Die bunt gemischten Gäste sind reihum locker drauf: Studenten, Bessergestellte im legeren Abenddress und andere. Rund um die Theke bis in den hinteren Bereich sitzen und stehen nicht wenige auffällig Tätowierte, das Outfit entsprechend. Emma ist weder tätowiert noch gepierct noch sonst irgendwie äußerlich auffallend. Emma ist unkonventionell im Inneren, fällt heute hier im Übrigen anders auf: sie ist die Älteste und setzt sich aufgedreht auf die Bank mit dem Rücken zur Wand. Er nimmt den Barhocker.

“Komm neben mich, dann können wir beide gaffen.” Emma rutscht hinter dem Bistrotischchen erst ein Stück zur Seite, rückt im nächsten Moment hastig bis fast an den Nachbartisch. „Wie bescheuert bin ich eigentlich?“, fragt sie sich insgeheim stöhnend. „Für ihn gibt es hier nichts zu gucken, es ist seine Welt. Nur du wirkst, als wärst du ein ausgebrochenes Zirkustier. Lieber Himmel, mit der Aufforderung bringst du ihn nur in Verlegenheit“, denkt sie.
Aber schon wechselt er den Platz, rückt ihr entschieden nach, legt den Arm hinter sie. “So? Is’ so gut?”
“Kann ich dich anfassen?”, fragt sie gehirnentkernt.
Er packt ihre Hand und legt sie auf seinen Oberschenkel.
Emma erschrickt, schaut wie ihr Umfeld reagiert.
Niemand reagiert auch nur irgendwie. Sie greift zu.

Die Deko aufm Getränk ist hier genau so aufwändig wie eine Straße weiter, nur der Maitai ist schlechter. Aber wer solche Orte aufsucht, um die Qualität eines Maitais zu vergleichen, der ist ohnehin im falschen Film. Er nimmt einen Long Island Icetea. Rechts hinten ist die Tanzfläche, drei, vier Mutige bewegen sich verloren.

“Tanzt du?”, fragt Emma und ist ahnungslos, wo sie sonst immer eine Vermutung hat.
“Ja, aber da reicht hier der Platz nicht.”

Emma schaut wieder hinüber und versucht sich einen Tanzstil vorzustellen, dem die Abmaßungen hier nicht reichen. “Nimmst du Drogen?”
“Nein. Du?”
“ICH? Spinnst du?”

“Warst du schon mal bei Nacht im Englischen Garten?”, fragt er unvermittelt.
“Nein.”
“Willst du?”
“Ja.”

Sie nehmen den gleichen Weg, den sie heute schon einmal gegangen sind, zweigen zuletzt anders ab. Es ist mitten in der Nacht, noch immer warm. Emma quatscht sich die Seele aus dem Leib. Sie will ihn verstricken, es verkomplizieren. Er lässt sich nicht beirren, nimmt seinen Weg, bis sie stehen bleiben, sich umschauen und wortlos übereinkommen: „Hier und jetzt!“

HIER UND JETZT / Moby: „In My Heart“

Emma wird ruhig. Ganz ruhig. Ein letztes Mal versucht sie sich zu orientieren, ihn zu erspüren, ihre einzige Möglichkeit, die Welt und das Leben zu sehen. Es geht nicht. Alle Versuche ihn zu erfassen, greifen ins Leere. Nein! – falsch! Er spiegelt sie. Er wirft sie auf sich selbst zurück. Emma muss lächeln über ihren jugendlichen Verführer, möchte ungläubig den Kopf schütteln.

Sie ist weit, reif und weise. Sie gibt nicht auf, aber nach. Legt ihre Rüstung ab, damit er vielleicht die Lächerlichkeit seiner eigenen erkennen kann. Wo er tief ist, ist sie vertieft. Wo sie erwartet hatte, sie müsse außer sich sein, ist sie ganz bei sich. Er ist jung, begleitet sie neugierig, hemmungslos und ausdauernd.

Der Bach gurgelt gleichförmig, friedlich im Dunkeln unter den überhängenden Bäumen. Sie sind wild, frei, niemandem verantwortlich. Spielen bekannte und unbekannte Partituren, raufen, toben, schweben ... vom guten Zusammenspiel immer wieder neu angetrieben. Sie kommen aus unvereinbaren Welten am jeweils anderen Ende des Universums ... Sie sind sich fremd und doch nicht. Umherziehen und Hegemonie sind männlich, Angekommensein und Harmonie weiblich. Sagt man. Für Emma galten ihre geschlechtsspezifischen Attribute nicht, bis der junge Wilde kam, dessen Sehnsucht groß genug war. Auch jede Grenzenlosigkeit hat ihre zwei Seiten. Risiko ist und bleibt, dass man nur die eigene kennt. Und manchmal die nicht ganz. Aber das macht nichts.

“Mann, ich hab Hunger. Ich muss was essen.” Emma versucht an ihrem Kleid zu retten, was zu retten ist.
“Mc Donalds hat noch auf”, weiß er und klopft Dreck ab.

Morgens um vier hat der Schichtleiter im Neonlicht seines Schnell-Imbisses eine Gesichtsfarbe wie ein vergessener Hefeteig. E.T. grüßt ihn, er grüßt zurück. Hier kennt wohl jeder jeden? Emma will das Royal TS Menu, E.T. das Gleiche, den Hamburger ohne Zwiebeln. “Und den Zahlencode fürs WC bitte”, verlangt Emma, nachdem sie vergeblich am Türgriff zu den Toiletten gerüttelt hatte, erst dann links die Zahlentastatur entdeckte.
“Vierzehn, zweiundneunzig.”

„Vierzehn, zweiundneuzig. Herr Gott, geh auf du dämliche Tür.“ Der Anblick dahinter ist ernüchternd. Auch hinter einer mit Zahlencode gesicherten Tür kotzen sich die Leute neben die Schüssel aus. Klopapierrollen leisten am Boden im Dreck liegend ihren Beitrag zum Gesamtkunstwerk. Über ihr Spiegelbild kann Emma nur noch lachen, das Kleid ist hinüber, was auch unter E.T.s umgehängter Jacke erkennbar bleibt. Emma ist im seltenen Zustand zufriedener Gleichgültigkeit, angelt sich drei Blatt Papier vom Waschbeckenrand. Alles ist relativ.

Wer den McDonalds betritt, gelangt entweder rechts oder links herum an die Essensausgabe. Gleich vorne links gegenüber dem Eingang sitzen sie. Emma auf der beigen Bank, er ihr dies Mal gegenüber auf dem braunen Hocker. Er beißt in seinen Hamburger, angelt eine Pommes, schmatzt genüsslich und grinst sie in seiner typischen Art an. “In dem Licht sieht man, dass du graue Haare kriegst.” Er greift mit fettigen Fingern rüber und zieht Emma ein Blatt vom Kopf.
“Ich könnte deine Mutter sein.”
“Aber du bist es nicht.”
“Nein, ich bin in einer anderen Welt jemand anderes Frau und Mutter. Und dorthin gehe ich jetzt zurück.”

GOOD BYE, MY FRIEND / Moby: „Go“


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Verfasser: © Emma O., 2011

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