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Lenchen

... wird es heiß und kalt.

Sie fährt stadtauswärts auf der Grünwalder Straße, durch Harlaching, Abbiegung nach links in die Geiselgasteigstraße Richtung Straßlach, ihrem Zuhause. Erst seit ein paar Monaten ihre neue Heimat, eine kleine 2-Zimmerwohnung unterm Dach. Lenchen hat sich nach acht Jahren Beziehung von ihrem Freund Lars getrennt. Aus gutem Grund, er war mit ihrer besten Freundin Katharina im Bett gelandet.

In Höhe des Klinikums Harlaching staut sich der Verkehr. Lenchen steht gerade vor einem strahlend weiß getünchten, herrschaftlich anmutenden Anwesen. Ein junger unscheinbar wirkender Mann verlässt gerade das Grundstück. Er winkt Lenchen zu. Sie erschrickt geradezu, blickt nach hinten, zur Seite, um zu sehen, wen der Mann meint, sieht aber niemanden, der den Gruß erwidert. Ehe sie den Herrn genauer unter die Lupe nehmen kann, wird sie durch ein aggressives Hupen von hinten aufgefordert weiter zu fahren. Der Typ wird sie wohl mit jemand anderem verwechselt haben. Die Gedanken in ihrem Kopf quellen über. Die schlechte Nachricht, die sie vor zwei Stunden erhalten hatte, hat sich wie ein Parasit in ihrem Kopf festgefressen.

Sie verlässt Grünwald über die Tölzer Straße und kommt gegen 5 Uhr abends in Straßlach an. Jetzt will sie nur noch alleine sein. Sie holt sich die Flasche Ramazzotti und gießt, nicht nur einmal, ein, ist ja eh schon egal.

Nach einer Nacht voller Albträume und einem dicken Schädel am Morgen nimmt sie nachmittags einen Termin in der Innenstadt in der Sendlinger Straße wahr. Zufälligerweise begibt sie sich etwa zur gleichen Zeit auf den Heimweg wie am Vortag. Sie hatte im Parkhaus am Rindermarkt ihren Wagen abgestellt und fährt nun über Rosental, Blumenstraße, Fraunhoferstraße, über die Reichenbachbrücke, rechts ab in die Falkenstraße, Richtung Giesinger Berg, um schließlich wieder über die Grünwalder Straße zur Geiselgasteigstraße zu kommen. Und da ist er wieder, der Herr schlendert gerade aus dem gleichen Anwesen an der Geiselgasteigstraße wie tags zuvor. Er grüßt fröhlich und winkt wieder. Doch diesmal ist sie sicher, dass er sie, Lenchen, meint. Kurzentschlossen hält Lenchen am Gehweg an. Der große Unbekannte scheint darüber glücklich zu sein und kommt ihr entgegen. „Kennen wir uns?“ ...diese Worte bleiben Lenchen im Halse stecken, als sie langsam, aber sicher erkennt, wer auf sie zukommt. Das kann nicht sein... Es ist Mathias. Ihre erste Schulliebe, die aber von Mathias nie erwidert wurde. Lenchen wird rot, heiß und kalt. „Hallo, Lenchen, hast du mich nicht erkannt? Du hast dich kein bisschen verändert, ich hab dich gestern sofort im Auto erkannt.“ „...äh, doch jetzt schon, du hast dich verändert, nicht mehr der blonde freche Lockenschopf, irgendwie erwachsen...“ Mathias sieht man die 20 Jahre an. Seine Haare sind jetzt dunkel fast schwarz mit ein paar grauen Stellen an den Schläfen, eine gediegene Frisur und sein verschmitztes Lächeln ist dem Ernst des Lebens gewichen. Die beiden stehen sich gegenüber und sind gefangen in einer tiefen Vertrautheit. Ein verliebtes Wort ergibt das andere. Mathias lädt sie zu sich in die Wohnung ein.

Sie reißen sich die Kleider vom Leib, heißer, inniger Sex im Wohnzimmer. Lenchen schläft in den starken Armen ihres Lovers ein.

Glücklich im Koma. Das inoperable Aneurysma in ihrem Gehirn ist gerissen.


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Renate Resler, 2012

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