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Feldkamp

... Prof. Dr. Feldkamp – Professor der Philosophie und besessen von einer fixen Idee.

>Die Morphologie des Todes<, die hatte er sich anders vorgestellt. Mehr hatte er sich erwartet, das konnte er jetzt sagen. Nach den ersten drei Terminen dieses Philosophie Hauptseminars wusste er, was die Veranstaltung noch hergeben würde. Weniger als er gehofft hatte. Zu wenig. Genervt stand Prof. Dr. Feldkamp vorne am Pult und schaute in die Runde, in die talentierten, eifrigen Gesichter. Feldkamp wischte sich die Nase. Mit seinem weißen Stofftaschentuch, das er ordentlich gefaltet ließ, während er von links nach rechts und wieder nach links wischte, so dass sich die Nase eng ans Taschentuch geschmiegt ein wenig bog. Als wäre es eine Übung, eine Massage, die ihn beruhigte, immer wenn er in Aufregung, in innerer Erregung kam. Dabei schaute er stetig in die Runde, ließ seine Augen von einem zum nächsten wandern, immer aufmerksam, keinen nur flüchtig streifend, sondern jeden einzelnen fest und klar ins Auge fassend, um ihn dabei zu prüfen.

Nein. Da war keiner dabei, dem er diese Sache zutrauen würde, geschweige denn anvertrauen. Bering vielleicht noch am ehesten. Aber nein, auch Bering war ungeeignet. Feldkamp klappte seine Mappe zusammen, ordnete seine Unterlagen, übergab sie Bering, damit er sie ins Professorenzimmer trug. Zu unterwürfig, dieser Bering, dachte er, als er ihn im Hinausgehen beobachtete und ihn sich unerbittlich aus dem Kopf schlug. Wie all seine anderen Studenten. Ein letzter enttäuschter Blick, aber doch endgültig. Fleißige Leute. Keine Frage. Aber mit Fleiß war es hier nicht getan. Bei weitem nicht. Wenn es um die Kunst, die große, die reine Kunst geht, braucht es mehr. Viel mehr. Da muss alles stimmen. Absolut alles. Jede Bewegung, jede Geste, jedes Wort. Bis hinein in die Gedanken. Pure Ästhetik. Der Saal hatte sich gelehrt. Feldkamp setzte sich ans Pult und zog das kleine Büchlein aus der Jackentasche. Zärtlich strich er über den Einband, der an den Kanten stark abgestoßen war. „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“. Von Thomas de Quincey. Ein Essay. Zweihundert Jahre alt. Keinen Schritt tat Feldkamp mehr ohne dieses Buch. Keinen Schritt mehr ohne die brillanten Ideen des Meisters. Keinen Schritt ohne seinen Plan. Keinen Schritt ohne den Vorsatz, das perfekte Kunstwerk zu schaffen – den künstlerisch vollendeten Mord. Feldkamp blätterte ein wenig durch die Seiten, die stark zerlesen waren. Blieb hängen an dem ein oder anderen Satz. Las innig flüsternd. „Denn der Endzweck der Mordlust ist doch ganz derselbe wie derjenige einer Tragödie in aristotelischem Sinne, nämlich die Menschenherzen durch Furcht und Mitleid zu läutern.“ Feldkamp klappte das Büchlein zusammen, strich noch einmal darüber, steckte es zurück in seine Tasche und ging hinaus.

Eilig trippelte er die Stufen des Unihauptgebäudes hinab. Ab und an seine Studenten grüßend, scheinbar beiläufig, aber doch stets mit prüfendem Blick, um ja keinen der möglichen Kandidaten zu übersehen. Doch wozu, fragte er sich resigniert. Hier hatte er alle Optionen tausend Mal geprüft. Hier war niemand, der in Frage kam. Er musste raus. Raus auf die Straßen der Stadt, um vielleicht dort fündig zu werden. Vor der Uni, am Brunnen des Geschwister-Scholl-Platzes blieb Feldkamp stehen, schaute sich ratlos um und steckte sich eine Zigarette an. Er nahm zwei tiefe Züge, bevor er die Ludwigstraße Richtung Odeonsplatz hinauf marschierte. Er hatte Zeit, dachte er, während er den Passanten in die Gesichter sah. Vielleicht hätte er sich einen Steckbrief machen sollen. Mit genauen Angaben, wen er eigentlich suchte. Jugendlich im Erscheinen, nicht unbedingt jung, gereift und gebildet, mit starkem Charakter, gerne auch edelmütig. Und mutig. Ja mutig, aber nicht draufgängerisch. Und ... Er sollte nochmal die Schrift des Meisters durchforschen und sehen, was er dazu geschrieben hatte. 1827, als er seinen Essay veröffentlichte. „... so halte ich es für das Richtigste, dass der zum Mordopfer Erkorene ein guter Mensch sein muss“, schoss es ihm durch den Kopf. Oder sich doch eher auf die Intuition verlassen? Wenn die oder der Richtige kommt, würde er es merken, da war sich Feldkamp sicher. An der Theresienstraße tippte ihn eine junge Frau an. Er blieb stehen, schaute in ihr hübsches Gesicht. Sie reichte ihm die Zeitung, die ihm aus der Mappe gerutscht sein musste. Feldkamp lächelte, bedankte sich höflich, mit einer leichten Verbeugung des Kopfes. Aufmerksam. Prüfend. „Ein guter Mensch.“

Aber nein, sie kam nicht in Frage. Sie ist zu schön und zu jung. Die Polizei würde ein Sexualverbrechen vermuten, einen abgewiesenen Verehrer, einen eifersüchtigen Liebhaber. Alles, aber auch alles würden sie kaputt machen, mit dieser simplen Interpretation. Die Größe des Kunstwerks hinabzerren in die Niederungen banaler Mordmotive. Er musste ohne erkennbares Motiv auskommen. Die Kunst war sein Motiv. Er wird sich darauf verlassen können, dass die Polizei das nicht versteht. Feldkamp schaute dem Mädchen noch einmal hinterher, als sich ihre Wege trennten. Schade, dachte er. Schade.

Am Odeonsplatz begegnete er Herrn Krugmann, der vor Jahren bei ihm promovierte. All die Jahre hatte er ihn nicht gesehen. Wieso jetzt? Ob das ein Zeichen war? Sie blieben stehen, suchten das Gespräch. Krugmann hat sich gemacht, dachte Feldkamp. Ein gepflegter Mann ist er geworden. Feldkamp betrachtete Krugmanns kurz geschorenen Haare und das ordentlich gebügelte Hemd und war zufrieden. Er begann ihn ins Kalkül zu ziehen. Gemocht hatte er ihn schon immer. Ihn geschätzt für seine Intelligenz. Und jetzt. Ja, er findet ihn attraktiv. Gutaussehnend. Sympathisch. Das ist ja durchaus von Bedeutung. So ein Mord. Das ist ja körperlich. Ein körperlicher, fast intimer Akt. Das möchte man nicht mit irgendjemandem erleben. Feldkamp blinzelte. Zog sein Taschentusch und wischte. Er hoffte, man könne es nicht sehen. Seine Aufregung. Ja, fast Freude. Sollte es tatsächlich so weit sein.

Sollte er ihn gefunden haben. Krugmann, mein Gott, Krugmann. Wer hätte das gedacht. Noch vor ein paar Jahren. Am Lehrstuhl. Krugmann erzählte von seinem Job, von seiner Familie, von alten Kollegen. Feldkamp hörte kaum zu. Er sah ihn reden. Beim Sprechen bildete sich Speichel, eine Blase in Krugmanns Mundwinkel. Krugmann sprach weiter, bemerkte es nicht. Die Blase wuchs, bis sie zerplatzte und Fäden zog. Genervt drehte sich Feldkamp zur Seite. Er stellte sich vor, wie Krugmann sabbernd und triefend vor ihm am Boden läge. Wie Speichel aus seinem Mund ränne. Als Kandidat kam Krugmann nicht in Frage. Feldkamp betrachtete noch einmal seine akkurate Frisur und bedauerte noch mehr seinen üppigen Speichelfluss. Das Gespräch, das so gut begonnen hatte, brach er abrupt ab.

In der Residenzstraße traf Feldkamp auf Einkaufstaschen und Trachtenhüte. Nichts, was seinem Geschmack, seinem Bedarf entsprochen hätte. Vielleicht bei Dallmayr, dachte er sich und stellte sich in die Schlange der Fischdelikatessen. Doch schnell besann er sich neu. Die Hüte zu groß, die Sätze zu gedrechselt, die Wünsche zu extravagant. Schlichte Eleganz stellte er sich vor. Das machte die Sache so schwierig. Schwer zu finden. Gerade hier. Beim Rausgehen rempelte Feldkamp mit einer Frau zusammen. Ein kurzer Kontakt. Aber lang genug, um sich vorzustellen, wie er seine Hände um ihren Hals legt, wie bei einer Umarmung. Er würde sich an sie schmiegen. Sie drücken, liebkosen, immer fester, immer mehr bis, ja bis ihr Atem ruhiger werde und leer. Er schaute sie an, nur für eine Sekunde, da wusste er: sie war es nicht. Einen Mord. Mit ihr? Nein. Nicht einmal einen gewöhnlichen, geschweige denn diesen. Er brauchte eigentlich kein Opfer, schoss es ihm durch den Kopf. Jemanden, der mit ihm zusammen das Kunstwerk vollbringt, brauchte er. Als gleichberechtigter Partner. Jeder in seiner Rolle. In seiner Aufgabe. Gedankenverloren trottete er bis zum Marienplatz vor, lehnte sich dort an den Fischbrunnen. Er fühlte sich erschöpft. Diese stetige Suche zermürbte ihn. Das Abwägen. Dieses Hoffen. Und dann doch wieder nichts. Er strich über den Einband des Büchleins in seiner Tasche. Sich jetzt nicht verunsichern lassen. Er konnte doch sicher sein, das Richtige zu tun. Sein Werk war groß. Er konnte sich jetzt von ein paar Widrigkeiten nicht ablenken lassen. Und doch der Meister hatte Recht: „Kein Künstler kann genau wissen, ob er imstande sein wird, seine sorgfältig ausgearbeitete Idee durchzuführen.“ Wie wahr. Sein Blick ging über den Marienplatz. Da waren Kandidaten. Mehr als genug. Aber war der Richtige auch dabei? Feldkamp überquerte den Platz. Langsam schlenderte er durch die Reihen der Schaulustigen, die auf das Glockenspiel warteten. Er stellte sich dazu, in eine der hinteren Reihen und beobachtete völlig unbeobachtet. Ein Mann, stämmig, satt, drängte sich vor, stellte sich in eine Lücke, um besser zu sehen. Einheimische schoben sich an ihm vorbei, durch den Spalt, den er nun versperrte und der vorher ein Durchgang für Passanten war. Einkaufstaschen hechelten vorbei, an Armen hängend, lang und schwer, vorwärtsrudernd, um die Menge der Gaffer schnell zu durchqueren. Feldkamp verfolgte alles interessiert, jede Bewegung, jede Regung, jedes Gesicht. Jede Person musterte er. Wog ab. Nichts. Schon wieder nichts. Er knetete sein Büchlein in den Händen. Rollte es zusammen, legte beide Hände darum und umfasste es eng. Und enger. Es hatte keinen Sinn. Er schüttelte den Kopf, lachte unnatürlich auf, drehte sich um und machte sich Richtung Altes Rathaus davon.

Kaum ein paar Schritte war er gegangen, als er eine Geldbörse vor seinen Füßen liegen sah. Beinahe wäre er darauf getreten. Er bückte sich, hob sie auf, schaute sich kurz um, wem sie gehören könnte, sah den Mann, der inzwischen schon einige Meter vor ihm ging, rannte und rief ihm hinterher, bis er stehen blieb.

„Gehört die Ihnen?“ Feldkamp streckte die Börse nach oben, so dass sie der Fremde gut sehen konnte. Der schaute irritiert, klopfte mit beiden Händen seine Jackentaschen ab und als er diese leer fand, nickte er. Er bedankte sich, steckte sie ein und als er schon weiter wollte, blieb er doch nochmal stehen, drehte sich zu Feldkamp um und sagte: „Jetzt habe ich ganz vergessen. Finderlohn. Sie bekommen ja Finderlohn. Ich bin ungeübt mit solchen Dingen. Wie viel? Wie viel bekommen Sie?“ Er kramte seine Geldbörse hervor.

„Nichts.“ Feldkamp schüttelte den Kopf.

„Doch, ich bestehe darauf. Es steht Ihnen zu“, sagte der Andere und öffnete sein Portemonnaie.

„Ach, lassen Sie. Ich will doch kein Geld“, sagte Feldkamp.

Der Andere schaute ihn ratlos an, ließ seine Geldbörse sinken, hob sie noch einmal höher, deutete darauf, ohne etwas zu sagen und als Feldkamp nicht reagierte, steckte er sie weg. Unbeholfen trat er von einem Bein auf das andere, als wüsste er nicht, wie weiter.

„Ich habe mich gar nicht vorgestellt. Was bin ich auch für ein Stoffel. Ich bitte dies zu entschuldigen. Mein Name ist Weimann.“ Er machte dabei eine leichte Verbeugung.

„Weihmann mit H wie die Weihe?“, fragte Feldkamp interessiert.

„Nein, ohne. Einfach nur Weimann.“

„Macht nichts“, sagte Feldkamp und nickte zufrieden, während er sein Gegenüber betrachtete. Er musterte das braune Jacket. Cord. Die sauberen Schuhe, die in der Sonne glänzten. Die akkurat manikürten Fingernägel und die Fältchen, die sympathisch um Mundwinkel und Augen spielten. Mitte Vierzig, dachte Feldkamp.

„Wenn Sie sich unbedingt bei mir bedanken wollen, dann laden Sie mich auf ein Bier ein. Das würde mich freuen.“

Weimann nickte. „Aber gerne. Ein Bier. Sehr gerne“, sagte er, während Feldkamp ihn bereits mit dem Arm Richtung Tal schob. Am Viktualienmarkt setzten sie sich in die Sonne und bestellten zwei Weißbier.

„Sie arbeiten hier“, fragte Feldkamp, während er mit dem Bierdeckel spielte.

„Ja, hier und auch drüben, im Dom.“

„Ah, ein Mann Gottes, wie schön“, sagte Feldkamp und wischte sich mit seinem Tuch die Nase.

„Organist bin ich“, sagte Weimann.

„Schöngeist. Ästhet. Künstler.“ Weimann lächelte verlegen. „Es ist schwer eine verwandte Seele zu finden, wirklich schwer, glauben Sie mir“, sagte Feldkamp und wischte noch schneller über seine Nase.

Weimann nickte, weniger zustimmend, als vielmehr anteilnehmend, um die gemeinsame Verbundenheit zu bekräftigen.

„Ich bin froh, dass ich Sie gefunden habe.“ Feldkamp schaute tief in Weimanns Gesicht. „Wirklich froh.“

Weimann nickte, nahm sein Glas. Sie stießen an.

„Kennen Sie Thomas de Quincey?“

Weimann schüttelte den Kopf.

„Nein, nicht wichtig“, sagte Feldkamp, „vergessen Sie´s.“ Er bereute, überhaupt davon angefangen zu haben. Welche Dummheit mit Weimann darüber zu sprechen. Gut, dass Weimann de Quincey nicht kannte. Das hätte nur alles verkompliziert. Was sollte man sprechen, wenn es ums Handeln ging. Sie tranken aus, zahlten und gingen gemeinsam zur Heilig-Geist-Kirche zurück.

„Wo kann ich Sie wiedertreffen? Ich meine, jetzt wo wir uns kennengelernt haben, da wäre es doch schade, ich meine...“ und während Feldkamp noch sprach, zog Weimann eine Visitenkarte aus der Innentasche seines braunen Cordjackets und steckte sie Feldkamp zu.

„Sie können mich jederzeit anrufen. Oder Sie treffen mich hier. In Heilig-Geist, manchmal auch drüben im Dom. Fragen Sie nach mir. Hier kennt mich jeder.“

„Richard Weimann“, las Feldkamp leise flüsternd von der Karte. „Richard Weimann.“

Dann richtete er den Blick auf Weimann, fixierte ihn: „Ja, ich werde Sie finden. Gewiss. Ich finde Sie.“ Die Beiden schüttelten sich die Hände, bevor Weimann im Seiteneingang der Kirche verschwand. Feldkamp blieb noch einige Sekunden stehen, schaute ihm nach, noch als die Tür bereits schwer ins Schloss gefallen war. Da flüsterte er kaum hörbar vor sich hin: „Ein Künstler. Ein Künstler, wie ich...“


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Verfasser: © Mara Lehn, 2011

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