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16.12.2014, 13:41 Uhr
Frank Piontek
Logen-Blog
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [527]: Engel der Freundschaft, Fragen ohne Antworten

Und was schreibt nun Beata ihrem Freund, den sie – ja, es ist so – wahrhaft und subjektiv völlig richtig als ihren Freund bezeichnen darf? Zumindest ein bisschen so, als wenn ein Mann Recht hätte, eine Frau, die er liebt, als seine Liebste zu bezeichnen, auch wenn sie ihn nicht liebt? Wobei der Freundschaftsbegriff hier ein sehr hoher ist und wir einen Moment nicht an das berühmte Harry-und-Sally-Problem denken müssen.

Sie schreibt ihm – von den Engeln. Kein Wunder, Gustav soll ja auch einer sein, erzogen von einem Genius, der sich längst aus dem Staub gemacht hat. Sie schreibt ihm von drei Gestalten, die ihm Mut machen und beschützen sollen: dem Engel der Freude, der Tränen und der Geduld und zuletzt dem Engel der Freundschaft. Letzteren identifiziert sie, wenn sie ehrlich ist, mit dem Engel der Tränen und der Geduld, glaubend an die Wesen, die um die bedrohten Menschen stehen und mitten in ihren Freuden wachen. 14 Engel um mich stehen... Man spürt: Weihnachten naht sich, Humperdincks geniale Musik fährt wieder in Herz und Hirn, wer da nicht weint, muss jetzt schon tot sein, und Beata weint sich auf dem Papier aus: in guten Wünschen für meinen Freund.

Nur seltsam, dass sie genau so schreibt wie der Erzähler, wie „Jean Paul“ und wie Jean Paul... Nein, ein großer Erfinder verschiedener Töne war, so viel Kritik muss sein, der junge Jean Paul nicht, soweit es sich um den Ton von Dialogen und persönlichen Reden handelte. Die Figuren sprechen eigentlich alle wie das satirische und pathetische Bruderpaar Jean Paul. Allein wenn Gustav mal wieder die Sprache fehlt und er wenig mehr als „Du Gute!“ ausrufen kann, hat es seinen dramaturgischen Sinn. Wenn Beata am Ende ihre Wünsche über die ganze Welt aussprüht, hören wir den Pastorensohn Johann Paul Friedrich Richter: Ich tue sie alle mit, nicht bloß für Gustav, sondern für jeden Guten, den ich kenne, und für die andern auch.

Der Genius ist verschwunden? Welch ein Irrtum! Unversehens taucht er wieder auf in den Tiefen der Geschichte, die ihn fast vergessen hat. Wie eine engelhafte Erscheinung hören wir ihn: um elf Uhr nachts. Was nun passiert, ist schlicht mystisch zu nennen:

Ein singendes Wesen schwebte durch unser Tal, aber von Blättern und Dämmerung verdeckt, weil der Mond noch nicht auf war. Es sang schöner, als ich noch hörte:

– – Niemand, nirgends, nie.
– – Die Träne, die fällt.
– – Der Engel, der leuchtet.
– – Es schweigt.
– – Es leidet.
– – Es hofft.
– – Ich und Du!

Wir erinnern uns daran, dass der Genius einst ein Notenblatt in zwei Hälften zerschnitten hatte; die eine enthielt die Dissonanzen der Melodie und die Fragen des Textes dazu, auf der andern standen die Auflösungen und die Antworten. Die dissonierende Hälfte sollte sein Gustav bekommen; die andere behielt er: „Ich und mein Freund“, sagt' er, „erkennen einmal in der wüsten Welt einander daran, dass er Fragen hat, zu denen ich Antworten habe.“ Und nun zieht er, wie Wagners Elisabeth, durch das Tal, um seine Rätselantworten auszusingen. Die Vergangenheit und die Gegenwart scheinen sich so anzunähern wie das Leben und der Tod; welkende Blumen, die der Erzähler gestern ausriss, gesellen sich zu jenen, die noch aufgefaltet wachen – aber auch schon der Erde entrissen wurden.

Seltsame Bilder, seltsame Rätsel.

Wer die Fragen auf die Antworten weiß, möge sie uns senden. Die Kontaktadresse des Bayerischen Literaturportals ist ja bekannt – wir sind, zumindest bis kurz vor Weihnachten, dankbar für jede Aufklärung. So wie der Erzähler, so wie der Leser, dem langsam schwant, dass „es“ hier weit ins Mystische driftet.

Dein himmlischer Flügel hülle Sein Herz ein und wärm' es schöner, als die Menschen können – ach, du würdest auf einer andern Erde und ich auf dieser weinen, wenn an einem kalten Herzen Sein heißes, wie am gefrierenden Eisen die warme Hand, anklebte und blutig abrisse!

War der große Wieland Jean Paul ein Engel der Freundschaft? Wir können es annehmen. Wieland schätzte den jungen Autor, noch weit über Herder und Schiller, verglich ihn mit Shakespeare und nahm ihn später für kurze Zeit auf seinem Gut in Oßmannstedt auf, wo Jean Paul befürchtete, in die Arme einer der Wieland-Töchter zu fallen (von Jean Pauls Ehefrau war er dann, glaube ich, entzückt). Wielands Werk wirkte auch auf Jean Paul ein; Spuren des Agathon sind in der Loge und im Hesperus spürbar. Das Foto zeigt einen kleinen Berliner Wieland, der noch im November 2014 in einem Berliner Antiquariat gleich hinter der ehemaligen Freien Volksbühne gesichtet wurde.



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