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14.12.2014, 15:56 Uhr
Frank Piontek
Logen-Blog
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [525]: Zur Entdeckung einer fast unbekannten Jean-Paul-Statuette

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Man kann in Sachen Jean Paul immer noch sehr schöne Entdeckungen machen – so etwa jüngst in München, wo der Reisende, der wieder einmal das Bayerische Nationalmuseum besuchte, plötzlich und unerwartet in der Abteilung des 19. Jahrhunderts vor dem Entwurf einer kleinen Statue stand, die keinen anderen zeigt als unseren Dichter. Inventarnummer 19/30: sie kann nun genauer untersucht werden.

Der Jean-Paul-Forschung ist diese Statuette bislang völlig entgangen. Seltsam, wo doch das Figürchen öffentlich zugänglich ist – daher der Blogger glücklich ist, dass er diesen Fund, wenn nicht alles täuscht, hier zum ersten Mal präsentieren kann. Meine Anfrage nach einem Foto dieses Objekts wurde mir von der freundlichen Karin Schnell (nomen es omen) von der Abteilung Fotoaufträge und Reproduktionen postwendend beantwortet, so dass ich dieses Kleinmonument unseres Dichters hier dank des Bayerischen Nationalmuseums und seiner Mitarbeiterin auch im Bilde veröffentlichen kann. Eine weitere wichtige Information wurde mir, gleichfalls schnell und ausgesprochen freundlich, von der Porzellanmanufaktur Nymphenburg, genauer: von  Evelin Arneth übermittelt. Demnach wurde unsere Statuette nicht 1840 (wie im Museum vermerkt), sondern offensichtlich erst über zehn Jahre später hergestellt, denn, wie mir Frau Arneth mitteilte: In dem Standardwerk über die Porzellan Manufaktur Nymphenburg Geschichte der Porzellan-Manufaktur Nymphenburg, Friedrich H. Hofmann, Verlag von Karl W. Hiersemann, Leipzig, 1923, S. 690, steht unter dem Etatsjahr 1853/54:

Dem Ludwig Schaller: für 2 Dichterstatuetten: Herder und Jean Paul 100 fl.

Damit ist allerdings noch nicht gesagt, dass die Statuette erst nach 1850 entworfen wurde. Schaller schuf nämlich schon seit 1835 Dichter-Statuetten, so dass er bereits 1845 eine erste Ausstellung von 10 Statuetten veranstalten konnte.

Ludwig Schaller also heißt unser Meister. Es gibt tatsächlich eine bekannte Herder-Statue Schallers, die 1848 für Weimar gegossen wurde, wo sie immer noch steht. Bei der erwähnten Statuette dürfte es sich vermutlich um eine Miniatur-Replik dieses Denkmals gehandelt haben. Von Schaller ist andererseits keine große Jean-Paul-Statue bezeugt – die Statuette diente also mit größter Wahrscheinlichkeit als Entwurf für eine Porzellanfigur der Nymphenburger Porzellanmanufaktur. Die Frage bleibt noch, ob dieser Entwurf jemals ausgeführt wurde. Schon im wunderbaren Bayerischen Nationalmuseum und in der Informationsabteilung der Manufaktur selbst kamen dem Blogger die kundigen Damen sehr freundlich entgegen; zuletzt erhielt er von Dr. Gudrun Szczepanek vom Porzellanmuseum in Schloss Nymphenburg (wo unser Dichter 1820 von Königs empfangen wurde), in dem sich viele und bedeutende Nymphenburger Porzellanarbeiten befinden, die differenzierte Mitteilung, dass derzeit eine Ausformung nicht bekannt sei: „Das bestätigte mir auch Dr. Alfred Ziffer, Spezialist für Nymphenburger Porzellan. Das scheint sehr erstaunlich, wo Schaller doch 1853/54 sogar ein Honorar für den Entwurf der Statuette erhielt. Die Nymphenburger Porzellan-Sammlung Bäuml zeigt weltweit die umfangreichsten Bestände an Nymphenburger Porzellan. Doch ist natürlich nicht auszuschließen, dass sich in einer kleineren Sammlung eine Ausformung der gesuchten Statuette befinden könnte.“

Die Suche könnte also weitergehen. 

Die Weimarer Herderstatue (die einen der liebsten Weimaraner Jean Pauls porträtiert, der seine Spuren auch in der Loge hinterließ) wurde übrigens genau dort gegossen, wo ein gutes Jahrzehnt zuvor auch das Bayreuther Denkmal produziert wurde: in der Königlichen Gießerei in München. Wer aber war Ludwig Schaller? War er ein Mann aus München? In gewisser Weise.

Geboren wurde er im Jahr, in dem Jean Paul nach Bayreuth zog, er starb im Uraufführungsjahr des Tristan.  Eine frühe Kurzbiographie gibt, unter dem Stichwort „Sculptur“, das Conversationslexikon der Gegenwart,  das 1841 in Leipzig erschien: „ein sehr geschickter und liebevoller Künstler, der mit liebevollem, dichterischem Sinne in antikem Geiste schafft und mit gründlicher, geschmackvoller Sorgfalt ausführt“. Mit 24 Jahren erscheint der Wiener Schüler der dortigen Academie der Künste zum ersten Mal in München, wo er sogleich in den Dunstkreis von Peter Cornelius, Leo von Klenze und Schwanthaler gerät. Es würde dem Blogger nun Spaß machen, einiges aus seiner Biographie zu referieren, wie sie auf den 20 Seiten des zweiten Bandes von Carl Albert Regnets Münchener Künstlerbilder: ein Beitrag zur Geschichte der Münchener Kunstschule (Leipzig 1871, S. 142-162) gebracht wurde – er belässt es bei der Nennung einiger Münchner Arbeiten, die seinen (zumindest äußeren) Rang bezeugen mögen: in der Ruhmeshalle kann man immer noch seine Büsten von Peter Canisius, Hans Burgkmair, Joachim Sandrart, Lorenz von Westenrieder, Hans Carl Graf von Thüngen, Franz Freiherr von Mercy und Hans Jacob Fugger betrachten, die zwischen 1843 und 1853 entstanden. Schaller gehörte auch zum Neunerrat der Bildhauer, die die Fassaden der Glyptothek, nach Entwürfen von Max von Widnmann, mit kolossalen Marmorstatuen – nicht allein von Bildenden Künstlern – schmückten: neben Prometheus und Phidias  prangten also Shakespeare, Calderón und Dante, sinnigerweise in griechischem Gewand, also „echt klassisch“.

Nicht mehr besichtigt werden kann das Schlafzimmer der Königin Therese (Oktoberfest!) im Königsbau der Residenz. Kriegsverlust, aber man darf gespannt sein, was die derzeitige Restaurierung des Königsbaus und die Neueröffnung uns noch bescheren werden.

Jean Paul – das ist für Schaller ein kräftiger Typ, der dem Schwanthalerschen Dichter verwandt ist, um ihn doch scheinbar im Bürgerlichen zu belassen. „Klassisch“ erscheint da der Schwung des Mantels, doch gedrungener die ganze Gestalt. Gleich aber ist die sanfte S-Kurve, den die Bildhauer dem massiven Körper eingearbeitet haben: ein Menschenkloß, beseelt vom göttlichen Hauch des Geistes, der sich in den Büchern niederschlug, nachdem er durch die Hand in die Feder gelaufen war. Schallers Jean Paul verzichtet auf das Instrument des Poeten, um ihm auch in die zweite Hand ein Buch zu legen: des Dichters Werke, ersonnen in einem Kopf, hinter einer Gehirnschale, die breit genug ist, um ein Lebenswerk von 60 Bänden zu ermöglichen, in dem so gut „Hohes“ wie „Niedriges“, Himmel und Erde, Gott und die Welt, die Seele und die Komik aufgehoben sind. Bei Regnet können wir es lesen:

Schaller's Auffassung der einzelnen Dichter beweist am besten, wie tief er in den Geist ihrer Werke eingedrungen. Alle ähnlichen Unternehmungen bleiben an Klarheit der Individualisierung und Schärfe der Charakteristik unendlich weit hinter seinen Werken zurück, und sind diese so zugleich der sprechendste Beweis seiner hohen geistigen Befähigung.

Interessanterweise erscheint die S-Kurve des Schwanthaler-Denkmals in besonderer Ausprägung auf den zeitgenössischen Reproduktionsgraphiken – und auch hier darf der reisende Blogger einen Fund präsentieren, der bis dato in keiner Jean-Paul-Rezeptionsgeschichte veröffentlicht wurde. Durch Bonn laufend, stieß der Denkmalsfreund auf einen faszinierenden wie dickleibigen und schweren Band, der einen einfachen wie monumentalen, also angemessenen Titel trägt: Monument für Beethoven. Er erschien 1995 als Katalog einer Ausstellung des Stadtmuseums Bonn und des Beethoven-Hauses, wo die Geschichte des Beethoven-Denkmals (1845) und der frühen Beethoven-Rezeption mustergültig aufgearbeitet wurden: auch mit Hinweisen auf zeitgenössische Denkmäler von Heroen der Dichtkunst.

Die linke Graphik zeigt die bekannte Ansicht, die Sixtus Heinrich Jarwart 1841, also aus Anlass der Enthüllung des Bayreuther Denkmals, Zacharias Funcks Worten der Verehrung beigab (man findet sie beispielsweise im Bayreuther Jean-Paul-Museum). Rechts der Neufund: eine Arbeit des Graphikers Anton Schleich, die im Verlag Georg Joseph Manz in Regensburg gedruckt wurde. Zwei Graphiken, eine Ansicht: Jean Paul, der Elegante.

Wohingegen Schaller sich dafür entschied, eher den bayerischen Menschen Jean Paul darzustellen.



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