Info
16.04.2021
Residenztheater, online München
Bis: 30.05.2021
Eintritt: frei
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Das Resi liest Cemile Sahin

Rosa Kaplan hat ihren Sohn im Krieg verloren – um welchen Krieg es sich handelt, bleibt ungewiss, ebenso, wie er ums Leben kam. Obwohl es keine Leiche gibt, wird der nach einer Bombenexplosion an der Grenze zum Kaukasus vermisste Polat Kaplan für tot erklärt und mit allen militärischen Ehren in einem leeren Sarg zu Grabe getragen. Doch Rosa Kaplan trotzt der Realität und weigert sich, den sinnlosen Tod ihres Sohnes zu akzeptieren und ihren Alltag in einer namenlosen Stadt in einem namenlosen Land ohne ihn zu führen. Stattdessen schreibt sie ihr Leben als Drehbuch in die Zukunft fort und um: Nach dem Vorbild amerikanischer Serienformate erfindet sie in zwei Staffeln und zwölf Episoden die Rückkehr ihres zehn Jahre verschollenen Sohnes aus dem Krieg und erzählt aus dessen Perspektive von den sich daraus ergebenden Komplikationen in Zeiten des Friedens. Zur Ausgestaltung und Realisierung ihres erdichteten Lebens engagiert sie einen Laiendarsteller, der die Rolle ihres Sohnes einstudiert. Abweichungen vom Drehbuch, die durch die spontanen Reaktionen des sozialen Umfeldes zustande kommen, werden von Rosa und Polat Kaplan, den beiden Hauptdarsteller*innen der Serie Taxi, mit den Mitteln der Improvisation überspielt und durch eine vermeintliche, durch ein Kriegstrauma ausgelöste Amnesie des Heimkehrers legitimiert – immerhin sind seit dessen Verschwinden zehn lange Jahre ins Land gezogen.

„Ich habe die Geschichte nicht akzeptiert, doch leide ich unter der Reihenfolge der Dinge, die passiert sind. Denn die Zukunft verändert die Reihenfolge nicht. Ich kann sie nur verändern, wenn ich die Geschichte aus der Vergangenheit heraus neu erzähle.“

Die Autorin Cemile Sahin legt diese Lesart nahe, denn sie stellt ihrem vom Feuilleton hochgelobten Romandebüt folgenden Satz voraus: „Dies ist der Roman Taxi von Cemile Sahin, in dem Rosa Kaplan beschließt, ihr Schicksal nicht zu akzeptieren und den Sohn, der ihr durch den Krieg genommen wurde, durch einen anderen zu ersetzen.“

Doch hier ist Vorsicht geboten, denn in dem klug konstruierten Roman sind auf raffinierte Weise sowohl zahlreiche Fallstricke ausgelegt als auch doppelte Böden eingezogen: Warum etwa wählt Rosa Kaplan für ihr Serienformat die Erzählperspektive des ihren Sohn darstellenden Schauspielers? Warum stellt Celime Sahin der Serie Taxi, dem Zentrum ihres gleichnamigen Romans, fünf Kapitel und einen Prolog voran? Warum sind wir im ersten Kapitel Zeug*innen der Festnahme, des Verhörs und der quälenden Folter eines namenlosen Ich-Erzählers, dessen Glaubwürdigkeit bereits mit dem einleitenden Satz des zweiten Kapitels von ihm selbst unterwandert und in Frage gestellt wird: „Ich versuche es noch einmal: Es beginnt an einem Morgen, der wie alle anderen Tage beginnt: Um 6:00 Uhr früh klingelt mein Wecker“? Und warum folgt auf das Ende der Serie Taxi ein weiteres Romankapitel, in dem sich ein Kreis zu schließen scheint? Wer erzählt hier eigentlich aus welcher Perspektive und vor welchem zeitlichen Hintergrund? Vielleicht ist es doch nicht das Drehbuch, welches die vermeintliche Mutter des Darstellers schreibt, das den Roman bestimmt? Vielleicht handelt es sich stattdessen um eine aus dem Lot geratende, diskontinuierliche und (selbst-)trügerische Ich-Erzählung eines Mannes, dessen Kindheit selbst von den Gräueln des Krieges bestimmt war, der Zeuge der Verschleppung seiner Eltern wurde, und dessen Wahrnehmung während seines Verhörs und der darauffolgenden barbarischen Folter ins Wanken gerät? Oder sind der Gefolterte und der Laiendarsteller ein und dieselbe Person?

Die deutsch-kurdische bildende Künstlerin, Filmemacherin und Autorin Cemile Sahin spielt auf pointierte, kurzweilige und auch immer wieder amüsante Weise mit den Gesetzen der Seriendramaturgie und beschreibt mit filmischen Mitteln die Verwerfungen des Krieges, die auch noch nach Jahren tiefe Furchen und sichtbare Spuren im Leben ihrer Figuren hinterlassen haben. Taxi schildert nichts weniger als eine Selbstermächtigung wider das Vergessen: Der Akt des Erinnerns ist dabei ein hochkomplexer, eruptiver Prozess auf schwankendem Boden und individuelle Geschichte eine keinen objektiven Bestandskriterien folgende Sammlung von Geschichten – auf der Suche nach Wahrheit und Trost.

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