Info
1.10.2017
10 Uhr
Olaf Gulbransson Museum, Im Kurgarten 5, Tegernsee
Bis: 11.02.2018
Eintritt: € 6 / 5
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Ausschnitt aus Paul Flora: Masken und Marionetten, Privatbesitz www.paulflora.com

Sonderausstellung zum österreichischen Zeichner und Karikaturisten in Tegernsee

Flora schreibt seine Linien so zart und zärtlich aufs Papier, als habe er Angst, ihm weh zu tun. Und wo er nur irgend kann, läßt er das unbeschriebene, unverletzte Weiß aufs effektvollste mitwirken. Andere Zeichner mögen hassen, anklagen und verachten oder sich und ihre Tusche vor Lachen ausschütten – Paul Floras Linien lächeln (Erich Kästner).

Von dichten, feingliedrig fragilen Strichgebilden bis hin zu flirrenden Schraffurgespinsten - Paul Flora war ein Künstler, der das Spiel mit der Linie zu einer wahren Meisterschaft erhob. Mit dem im südtirolischen Glurns Geborenen wendet sich das Olaf Gulbransson Museum erneut einer bedeutenden Position der zeitgenössischen Zeichenkunst zu, die beweist, wie groß der Facettenreichtum dieser so traditionsreichen Gattung ist.

Flora schuf eine Welt, die zwischen Alltagsbeobachtung, zwischen Realität und Traum changiert. Man trifft auf düster atmosphärische Stadtansichten, Menschen, Tiere und auf Zwitterwesen, wie etwa die Rabenfigur Monsieur Courbeau, die der Fantasie großen Spielraum lassen. Flora war ein Beobachter, ein Beschreiber, ein Dichter, ein Träumer und dies blieb er auch dann, wenn er Karikaturen schuf. Statt scharfe Kritik zu äußern, entwirrte der Künstler, der von 1957 bis 1971 wöchentlich für die Zeitung „Die Zeit“ zeichnete, mit sanfter Ironie die komplexen Gebilde, die die tagespolitischen Geschehnisse hervorbrachten. Nie erhob er dabei den Zeigefinger, denn sein Interesse galt weniger dem moralischen Appell als vielmehr den Absurditäten des menschlichen Miteinanders.

Subtilen Humor, große Feinfühligkeit und leise Melancholie strahlen die Werke aus, die das Museum dank der Unterstützung der Paul Flora Nachlassgesellschaft versammelt hat. „Das üble Alphabet“, eine Werkreihe aus dem Jahr 1967/68, die aus 26 Buchstabenzeichnungen besteht, bildet das Kernstück dieser Sonderausstellung. Arbeiten, die zu Floras sogenannten „Winzlingen“ zählen, einer Sammlung kleinster Zeichnungen - nie größer als 9 x 13 cm. In der grafischen Welt der Buchstaben fand der Geschichtenerfinder immer wieder neue Anreize für seine feinsinnigen, fantastischen Kompositionen. Es sind spielerische Auseinandersetzungen mit dem Konstrukt der Sprache. Neben diesen kleinformatigen Arbeiten, die hier das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden, sind Zeichnungen zu sehen, die tiefe Einblicke in Floras thematischen Kosmos erlauben. Die berühmten Raben von San Marco sind ebenso vertreten, wie die maskierten Gestalten, die Karnevalsfiguren, Pestdoktoren und Pulcinella, die die Lagunenstadt bevölkern. Gezeigt werden auch frühste Arbeiten aus der Schulzeit, Floras verwurzelte Tiroler, deren Körper zum Spiegel ihrer Geisteshaltung wurden, oder seine düster ironischen Crime Stories.

Die Welt der Literatur, der Mythologie und Geschichte, war dem Künstler ebenso vertraut, wie die reale, die ihn tagtäglich umgab. So gelang es dem zeichnenden Beobachter nicht nur, die Atmosphäre einer landschaftlichen oder architektonischen Szene einzufangen, sondern auch selbst Wirklichkeiten zu erschaffen, die ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen. Die Linie wird Erzählinstrument und der dokumentarische Charakter der Naturbeobachtung durch das narrative Moment aufgebrochen, ohne jedoch die Bildlogik zu verletzen. Flora gelingt es, Realität und Fiktion verschmelzen zu lassen. 

Mit der Sonderausstellung lässt das Olaf Gulbransson Museum, Tegernsee ein abwechslungsreiches Ausstellungsjahr ausklingen. Dabei handelt es sich bei Paul Flora um keinen unbekannten Gast. Bereits zum dritten Mal betreten die Werke des Österreichers diese Bühne, um eine weitere Facette dieses unermüdlichen Zeichnertalents der Öffentlichkeit zu präsentieren. Neben der Könnerschaft im Umgang mit der Linie, die Olaf Gulbransson und Paul Flora gleichermaßen auszeichnet, verbindet die Künstler eine weitere Gemeinsamkeit. Beide waren zur selben Zeit an der Akademie der Bildenden Künste in München – der eine als Student, der andere als Professor. Die zwei Freigeister hätten sich folglich schon Anfang der 1940er Jahre kennenlernen können, doch sollte dies erst im Jahr 1957 geschehen. Flora war während des Zweiten Weltkriegs an der Akademie der Bildenden Künste in der Klasse Olaf Gulbransson eingeschrieben, doch hatten weder der Österreicher noch der gebürtige Norweger allzu großen Ambitionen, die Institution regelmäßig zu frequentieren.

Die Ausstellung, die einen Bogen von den frühen Arbeiten bis hin zum Spätwerk spannt, führt vor Augen, wie es dem der Zeichentradition vollends verpflichteten Flora gelang, jenseits der zeitgenössischen Spielformen der Kunst „rückwärts in die Zukunft“ (Friedrich Dürrenmatt über Paul Flora) zu schreiten.

 

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10.00 bis 17.00 Uhr, 31. Dezember von 10.00 bis 14.00 Uhr; Geschlossen: 1. Januar, 24. sowie 25. Dezember



Externe Links:

Veranstaltungshomepage

Veranstaltungsflyer

Offizielle Website zu Paul Flora

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