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01.07.2015, 13:14 Uhr
Veronika Schöner
Spektakula
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Gila Lustiger liest beim Festival LESEN! in Fürth aus ihrem neuen Roman

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LESEN! macht Spaß. Entspannte Atmosphäre bei Traumwetter, abwechslungsreiches Programm in spannenden Locations, Bücher an allen Ecken und Enden der Stadt. Der Festivaltag, an dem das Literaturportal Bayern vor Ort ist, ist ganz dem anhaltenden Trend der Kriminalromane gewidmet. Im Lesewohnzimmer im Park lesen die „local heroes“ Josef Rauch, Theobald Fuchs, Veit Bronnenmeyer und die Krimiautorin Sigrun Arenz dem gemütlich auf Hängematten und Sesseln verteilten Publikum aus ihren aktuellen Werken vor.

Ein schöner Nebeneffekt des Festivals ist, dass der Besucher bei den Veranstaltungen ganz besondere Seiten von Fürth kennenlernt. Beispielsweise wenn sich der Poetenkoffer in der alten Kofferfabrik öffnet, das Kulturzentrum in einem Industriegebäude des 19. Jahrhunderts. Schauspieler bringen dort mit einer Lesung Leben und Werk von Walter Mehring in Erinnerung, dem großen Dichter der Weimarer Republik.

Zwischen den Veranstaltungspunkten bleibt genug Zeit für einen Spaziergang durch die Stadt – auf den Spuren Jakob Wassermanns, für Schmöker-Pausen an den Buchtausch-Regalen in der Innenstadt und für einen Besuch der Ausstellung über den Verleger Leopold Ullstein, der 1826 in Fürth geboren wurde.

Der Höhepunkt des Festivaltages ist die Lesung von Gila Lustiger. Die Tochter des Historikers und Holocaust-Überlebenden Arno Lustiger wurde 1963 in Frankfurt geboren, studierte Germanistik in Jerusalem und lebt nun seit fast 30 Jahren in Paris. Mit Die Schuld der anderen hat sie einen Gesellschaftsroman mit Krimi-Struktur vorgelegt. Frankreich befindet sich darin im Umbruch: Die Gewalt auf den Straßen eskaliert, die rechtsnationale Partei Front National von Marine Le Pen ist zweitstärkste Partei des Landes, und die französischen Juden sehen sich nicht nur durch Anschläge bedroht, sondern erleben zunehmend Antisemitismus in ihrem Alltag. Um zu verstehen, was für Veränderungen vor sich gehen, recherchierte die Autorin über zwei Jahre für den Roman. Sie begleitete die Polizei im Einsatz, reiste durch das Land, vor allem in die „vergessenen Gegenden“, Vororte und Industriekleinstädte mit hoher Arbeitslosenquote. Dort sprach sie mit perspektivlosen Jugendlichen, die so weit außerhalb unserer Zivilgesellschaft stehen, dass für sie Gewalt nicht mal mehr Protest ist, sondern höchstens Zeitvertreib. Bei ihren Recherchen stieß Gila Lustiger auf einen Chemieskandal, den sie im Buch verarbeitet.

Der Protagonist des Romans ist der linksintellektuelle Journalist Marc Rappaport, der die Geschichte eines längst verjährten Mordes an einer jungen Prostituierten recherchiert. Der eigenwillige Ermittler stößt dabei auf besagten Chemieskandal und ein Geflecht von Korruption und Vertuschung in einer nach unten abgeschlossenen Gesellschaftsschicht, der Pariser Elite. Die Besonderheit des Romans ist, dass sich Lustiger an die genretypischen Gestaltungsmittel und die handlungsorientierte Erzählweise eines Krimis hält, diese aber nur den Rahmen für eine sozialkritische Studie des französischen Gesellschaftssystems bilden. Der Vorteil dieses literarischen Kunstgriffs ist, dass so ein unterhaltsames, flüssig lesbares Buch entstehen konnte, das eine brandaktuelle Problematik ohne moralischen Zeigefinger aufschlüsselt.


Externe Links:

Festival-Website

Verlagswebsite


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