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05.02.2015, 14:07 Uhr
Birgit Wagner
Spektakula
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Brechtfestival Plakat 2015 © KW NEUN Grafikagentur

Exilkabarett – Brecht und die Kleinkunstszene im Exil

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Isabell Münsch interpretiert Therese Giehse; Saxophon: Kay Fischer, Klavier: Geoffrey Abbott, rechts Stefan Sevenich © Literaturportal Bayern

Über 15 Jahre war Bertolt Brecht im Exil. Das Kabarett gehörte für ihn in dieser Zeit zu einer der wichtigsten Formen des Widerstands gegen das Naziregime. Damit reihte er sich ein in eine lange Liste von Literaten und Künstlern, die gezwungen waren ins Exil zu gehen und sich dort unter schwierigsten Umständen weiter zu engagieren. Insgesamt waren es rund 3.000 Theaterkünstler, die aus Nazideutschland emigrieren mussten und in 50 Ländern Asyl fanden. In etwa 20 der Zufluchtsländer spielten sie Theater und Kabarett.

Der Kabarett-Abend im Hoffmannkeller, der im Rahmen des Brechtfestivals in Augsburg stattfand, ließ am vergangenen Montag eindrucksvoll zurückblicken auf das, was die Künstler im Exil und teilweise sogar in einigen Konzentrationslagern leisteten und vor allem auch riskierten. 

Einer von ihnen war Werner Finck, der von 1929 bis 1935 auf der Berliner Kabarettbühne Die Katakombe seiner Meinung Ausdruck verlieh. Er verstand es, kleinste Spielräume meisterhaft auszunutzen und gehörte zu denjenigen, die sich entschieden, im Land zu bleiben und sich nicht den Mund verbieten zu lassen – was ihm kurzerhand sechs Wochen im Konzentrationslager einbrachte. Er überlebte das KZ und die NS-Zeit glücklicherweise, genau wie alle anderen Texter, Sänger und Komponisten, die Teil des Abendprogramms waren.

Isabell Münsch (Sopran) / Stefan Sevenich (Bariton) auf der Bühne im Hoffmannkeller © Diana Deniz

Der Widerstand der deutschen Kleinkunstszene reichte mit dem Heinrich-Heine-Club von Anna Seghers und Egon Erwin Kisch bis nach Mexiko. Die Pfeffermühle von Erika Mann und Therese Giehse in Zürich umging ein Verbot mit Gastspielreisen, z.B. nach Paris. Besonders bekannt war Giehses Darstellung der Dummheit, die die Sopranistin Isabell Münsch nicht weniger beeindruckend auf der Bühne des Hoffmannkellers interpretierte, ebenso Annemarie Hases Brief in „Immigranto“ an ihre englischsprachige Vermieterin im Exil. Hase konnte während der Kriegszeit auf einer deutschen Emigrantenbühne in London spielen.

Brecht und sein Freundeskreis hatten gute Kontakte in Dänemark und Frankreich und konnten dort Veranstaltungen initiieren. Radiosender funkten nach Deutschland, und Brecht schrieb Gedichte wie die Deutschen Satiren in einer möglichst einfachen und klaren Form, so dass sie trotz deutscher Störsender verständlich blieben.

Durch die Interpretation ihrer tiefsinnigen, humorvollen, bitter-bösen und vor allem auch bewegenden Lieder, Texte und Sketche ließ Isabell Münsch zusammen mit Stefan Sevenich (Bariton) verschiedene Komponisten, Schauspieler und Literaten an diesem Abend noch einmal zu Wort kommen, darunter Bertolt Brecht, Robert Gilbert, Oskar Karlweis, Ernst Busch, Werner Finck, Annemarie Hase, Therese Giehse, Ivo Veit, Friedrich Hollaender und Peter Pan (Alfred Nathan).

Kay Fischer am Saxophon / Isabell Münsch und Stefan Sevenich interpretieren Werner Finck und Ivo Veit, rechts Moderator Michael Friedrichs © Diana Deniz

Musikalisch wurden Münsch und Sevenich begleitet von Kay Fischer (Saxophon) und Geoffrey Abbott (Klavier). Konzept und Moderation übernahm Dr. Michael Friedrichs. Zusammen sorgten sie für einen gelungenen Abend, der nicht nur durch die musikalischen und schauspielerischen Leistungen überzeugte, sondern den Zuschauer auf humorvoll-satirische Weise ebenso zum Nachdenken über ein Thema anregte, das auch gegenwärtig eine große Rolle spielt.  

Die Aktualisierung Brechts ist besonderes Anliegen des diesjährigen Festivals, das sich dem Thema „Exil“ widmet: dem Leben und Werk Brechts in den 30er- und 40er-Jahren mit Stationen u.a. in Dänemark, Schweden, Finnland, USA und der Schweiz. Auch heute suchen Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern in Deutschland Zuflucht. Aktuell gibt es 50 Millionen Flüchtlinge weltweit, so viele wie noch nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Kulturreferent Thomas Weitzel sagte dazu: „Brechts Werk aus der Zeit des Exils ist nicht nur umfangreich, sondern politisch hochaktuell. Auch wir sind in diesen Monaten mit dem Thema Flucht, Vertreibung und politischer Verfolgung konfrontiert.“

Noch bis zum 10. Februar 2015 haben Besucher die Möglichkeit, das Brechtfestival in Augsburg zu besuchen. Das Exilkabarett im Hofmannkeller ist nochmals am 19. April 2015 um 20.30 Uhr in einer Zusatzvorstellung zu sehen.


Externe Links:

Homepage des Brechtfestivals

Facebookseite des Festivals

Homepage des Hoffmannkellers