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20.11.2012, 17:57 Uhr
Axel Monte
Text & Debatte

Ein bayerischer Verleger in Pakistan

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© Axel Monte

Bayern und Pakistan – auf den ersten Blick scheint es hier keine großen literarischen Verbindungen zu geben. Doch wurde der zum pakistanischen Nationaldichter erkorene indo-muslimische Dichter und Philosoph Muhammad Iqbal 1907 an der Universität in München promoviert. Am Habsburger Platz findet sich ein Gedenkstein, der an ihn erinnert. Dass ich in meinem kleinen Münchner Verlag Books Ex Oriente unlängst seine nachgelassenen Notate, die Streunenden Gedankenveröffentlicht habe, war einer der Gründe, warum ich eine Einladung nach Pakistan erhielt, und zwar zu der Konferenz „Literature and Co-existence“, die von der Shah Abdul Latif University in Khairpur, einer kleineren Stadt im Industal in der Provinz Sindh gelegen, ausgerichtet wurde. Über fünfzig Delegierte aus zwölf Ländern hielten ihre Vorträge und tauschten sich unter der Leitung von Prof. Yousuf Khushk und der Schirmherrschaft der Universitätsdirektorin Frau Prof. Parveen Shah darüber aus, wie die Literatur zu einem friedlichen Zusammenleben beitragen kann.

In diesem Rahmen fand dann an einem Abend eine Mushaira statt, eine Dichterlesung. Die Form der Mushaira ist typisch für die indo-muslimische Kultur und die Urdu-Dichtung. Mushairas haben schon in der glanzvollen Zeit der Moghulherrschaft (1526-1858) stattgefunden. Da es in Khairpur zu dieser Jahreszeit weder Regen noch Kälte (für mitteleuropäisches Empfinden) gibt, kann die Mushaira draußen stattfinden, unter einer Zeltplane und auf Teppichen, die auf dem Rasen ausgebreitet wurden.

Die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen, die Atmosphäre von Respekt und gegenseitiger Achtung geprägt. Vorgetragen – rezitierend wie singend – werden sowohl klassische Werke wie auch eigene Dichtungen, die thematische Bandbreite ist groß. Eine Delegierte aus den Golfstaaten berichtet von der Klage einer Mutter, deren Kind im Golfkrieg getötet worden war. Eine andere Frau beschreibt das Gefühl ihrer Weiblichkeit, das sie wie ein "barfüßiges Schreiten über zerbrochene Spiegel" empfindet.

Gelungene Wendungen und Verse werden von begeisterten „Wah! Wah!“-Rufen begleitet, zuweilen verstärkt von einer Geste der rechten Hand, die dem Vortragenden entgegengestreckt wird. Auf bewegende Stellen reagiert das Publikum mit einer Art von Seufzern. Kehrreime werden aufgegriffen und vom Publikum wiederholt und mitgesprochen.

Allen Vortragenden und Zuhörern wird frisch zubereitetes Pan gereicht. Auf einem Betelblatt ("pan", das Blatt des Betelpfeffers) liegen kunstvoll die bis zu einem Dutzend Zutaten ausgebreitet. Hauptbestandteil ist die Betelnuss ("supari", die Arekanuss, eigentlich der Same der Arekapalme). Man faltet das Blatt über die Zutaten zusammen und schiebt es sich in eine Ecke des Mundes, wo es lange vorhält, am längsten die zumeist sehr harte Betelnuss, die den Speichel rot färbt. Die überall in den Basaren erhältlichen kleinen Tütchen mit Supari-Mischungen sind natürlich kein hinreichender Ersatz, können einem aber durchaus zu einer lieben Gewohnheit werden.

Bei der Mushaira sind auch Gastleser aus der Fremde Willkommen, und so gab der deutsche Delegierte Dr. Wessler, der an der Universität in Uppsala Urdu lehrt, eine Version des alten deutschen Revolutionsliedes "Ich bin ein freier Bauersknecht" zum Besten, was große – aber durchaus wohlwollende – Heiterkeit auslöste. Nach all diesen eleganten und geschliffenen Urdu-Versen muss es den Zuhörern wohl sehr teutonisch vorgekommen sein. Als die Mushaira dann in bester Stimmung zu Ende geht, ist es schon Mitternacht und die Dunkelheit längst über dem Industal hereingebrochen.

Nachspiel. Einige Tage später auf der Rückreise, in der kleinen Turboprop-Maschine von Sukkur nach Karachi, blättere ich in der pakistanischen Zeitung The News, in der Ausgabe vom 9. November 2012. Dort fällt mir eine Meldung auf, die eine weitere Verbindung des muslimischen Indiens und bayrischer Geschichte darstellt, wenn auch auf ganz andere Art. Sie betrifft eine Ehrung von Noor Inayat Khan, Tochter des indischen Sufi-Scheichs Hazrat Inayat Khan und einer Amerikanerin. Noor Inayat Khan baute im Zweiten Weltkrieg im von den Deutschen besetzten Frankreich hinter den feindlichen Linien einen Spionagering auf, den sie solange betrieb, bis er durch Verrat aufflog. Sie wurde von den Nazis gefoltert und im September 1944 im Konzentrationslager Dachau erschossen oder erschlagen. Noor Inayat Khan war erst dreißig Jahre alt, als ihr Leben auf solch unmenschliche Weise endete. Ihre Biographin Shrabani Basu sagt über Noor: „Sie war eine sanftmütige Autorin von Kinderbüchern, eine Musikerin, doch die Umstände haben sie verwandelt. Im Krieg wurde sie zur Tigerin.“

Am 8. November 2012 enthüllte Prinzessin Anne in London in den Gordon Square Gardens eine Bronzebüste der "Spy Princess" – so stand es in der pakistanischen News, die ich irgendwo hoch in der Luft über den uralten Ruinen Mohenjo Daros las.

Homepage des Verlags Books Ex Oriente



Kommentare

Charlotte Freeson am 20.12.2012 um 10:55

Was für ein interessanter und lesenswerter Reisebericht. Auch das ist Pakistan: Dichtung, Kultur, Gastfreundschaft und menschliches Gelächter beim internationalen Austausch. "Only connect"! Wir bräuchten mehr solcher Berichte. Vielen Dank, Axel Monte!



Hannah Duquesne am 04.01.2013 um 14:56

Dieser Artikel erinnert mich an die Arbeit und Reisen des Künstlers "Nicholas Roerich", am Anfang des vorigen Jahrhunderts. Er erkannte auch wie wichtig die kulturelle Verbindung mit Central Asien und dem Osten sei. Mich hat der Bericht von Herrn Axel Monte tief berührt, Hoffnung und Freude gegeben. Danke.



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