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21.07.2014, 12:16 Uhr
Katrin Schuster
Spektakula

BIGSAS-Festival 2014, dritter Tag: 1904

Das dreitägige BIGSAS-Literaturfestival, das seit 2011 alljährlich Ende Juni in Bayreuth stattfindet, bringt afrikanische und afrikanisch-diasporische Literatur auf die Bühne. In diesem Jahr, da Bigsas sich dem Thema „Literatur der/und Erinnerung: 1884 – 1904 – 1914“ widmete, war die Redaktion des Literaturportals Bayern dabei. Ein Bericht in drei Tagen und Teilen.

Und wer nun einwenden wollte, dass der Kolonialismus auch deshalb so wenig Raum in der Geschichtsschreibung einnehme, weil es an Dokumenten mangle, der wurde spätestens am dritten Tag des BIGSAS-Festivals, in dessen Zentrum der deutsche Völkermord an den Herero stand, eines besseren belehrt. Zum Auftakt skizzierte die Historikerin Everlyn Nicodemus in ihrer bewegenden Keynote verschiedene Phasen der Erinnerung nach Bernhard Giesens Ausführungen über das „Tätertrauma“: die Koalition des Schweigens in den 1950er Jahren, die Kollektivschuld-Debatte der 1960er Jahre und die Anerkennung der Schuld, die spätestens mit dem Kniefall Willy Brandts vor dem Warschauer Ghetto-Denkmal im Dezember 1970 einsetzte. Eine solche Geste der Abbitte fehle hinsichtlich des deutschen Kolonialismus bis heute, so Nicodemus, obwohl die Taten bestens dokumentiert seien. 1918 wurde in Großbritannien und vom offiziellen Verlag der Krone das so genannte Blue Book publiziert, das die Kriegsverbrechen der deutschen Kolonialisten in Südwestafrika anhand von Zeugenaussagen und Dokumenten peinlich genau rekonstruierte. Nur acht Jahre später ordnete die britische Regierung die vollständige Vernichtung des Buches an, da man nun wieder mit den Deutschen zusammenarbeitete und Europa nicht in einem derart schlechten Licht erscheinen lassen wollte. So also schreiben die Mächtigen Geschichte: indem sie aktiv die Historie der Opfer verdrängen, ja, zur Makulatur erklären. Allein, ein paar Exemplare des Blue Book haben überlebt – und warum man dieses Werk nicht längst ins Deutsche übersetzt hat, dürfte nicht nur Everlyn Nicodemus verwundern, wenn nicht gar erzürnen.

Diskussion mit Renzo Baas, Everlyn Nicodemus und Jean Pierre Félix Eyoum (v.l.n.r.)

Dass es auch an literarischen Verarbeitungen nicht nur der deutschen Taten, sondern auch des afrikanischen Widerstands dagegen nicht mangelt, demonstrierte eindrücklich die szenische Lesung, die auf die Rede von Nicodemus folgte. Wangũi wa Goro, Michael Ojake, Njamy Sitson und Renzo Baas lasen aus Briefen, in denen Herero um Hilfe baten, indem sie die rigiden Gesetze der deutschen Kolonialherren beschrieben und auf die tödliche Gefahr aufmerksam machten. Auch Manga Bell, König der Duala, leistete (nicht nur) schriftlich unermüdlich Widerstand gegen die Vertreibung seines Volkes. Er schrieb an den Reichstag, formulierte Petitionen, engagierte schließlich sogar einen Anwalt – und wurde 1914 wegen „Hochverrats“ hingerichtet. Neben dem Widerstand der Herero und der Duala hat auch der Maji-Maji-Aufstand in „Deutsch-Ostafrika“ Eingang in die Literatur gefunden. Zu Gehör kamen Auszüge aus Alexandre Kum'a Ndumbes Dokumentartheaterstück Ach, Kamerun! Unsere alte deutsche Kolonie, aus Ebrahim Husseins Drama Kinjeketile sowie Yusuf Kassams Gedicht über den Maji-Maji-Aufstand, der mit dem Schweigen endet, das auf den Kolonialismus folgte: „The Germans came and went,/ And for many years/No drums beat again.“

Die anschließenden Diskussionsrunden plädierten für eine heterogene Erinnerungskultur und thematisierten vor allem die Notwendigkeit, das deutsche Bildungssystem gegen die „selektive Amnesie“ (Yonas Endrias) hinsichtlich der Kolonialgeschichte zu wappnen: die Schule zu dekolonisieren und Historie zu globalisieren, wie etwa in Endrias´ Projekt „LEO – Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel“. Auch BIGSAS hat das erkannt und macht mittlerweile ebenfalls durch das Projekt BIGSAS[AT]School (PDF) auf sich aufmerksam.

Zwei Leserunden beschlossen den Tag, die beide von der Gegenwart der Zukunft sprachen. Toni Mochamba stellte sein Buch Nairobi: A Night Guide through the City-in-the-Sun vor, das – initiiert vom Goethe Institut und in dessen Reihe „Contact Zone“ erschienen – die Figur des „night runners“ vorstellt als kenianischen Bruder des europäischen Flaneurs. Es folgte Priscilla Manjoh mit einem Auszug aus ihrem Roman Snare, der Berlin durch die Augen einer Migrantin schildert: vom Ankommen – alles so fürchterlich klein hier … – bis zum „Karneval der Kulturen“, wo in einem Gespräch mit deutschen Beamten ein weiteres Mal das Thema des Ausweises und Ausweisens eine herrliche dialogische Poesie hervorbringt. Der dritte im Bunde las nicht, sondern erzählte über ein Geschenk, das ihn recht unvorbereitet getroffen habe: Seit Juni 2014 ist Tom Odhiambo Bayreuther Stadtschreiber, und er hat sich vorgenommen, die Sozialgeschichte der Stadt in den Blick zu nehmen. Schon sein Plaudern über Bayreuther Eigenarten ließ erkennen, dass man nicht wenige kluge Pointen und Wahrnehmungen erwarten darf.

Performance Arriving in the Future mit RonAmber Deloney, JoKaa, Asoka Esuruoso und Philipp Khabo Köpsell (v.l.n.r.)

Die jüngste SchriftstellerInnen-Generation – bevor der Dichter Chirikure Chirikure das Festival lyrisch zusammenfasste und beschloss – präsentierte sich mit dem Buch Arriving in the Future, dessen Existenz an sich schon eine Besonderheit darstellt. Eine in Deutschland entstandene englischsprachige Anthologie, die Essays, Gedichte und Erzählungen enthält – damit kann der Markt schlichtweg nicht umgehen, wie Herausgeber Philipp Khabo Köpsell schilderte: Kein Verlag wollte das – unbedingt empfehlenswerte! – Buch ins Programm nehmen, auch weil schon der Buchhandel nicht wisse, wo man es denn einsortieren sollte. Zu den Klangloops von JoKaa las zunächst Asoka Esuruoso aus ihrem Roman-Manuskript The bittersweet taste of dirt, das den Bogen von der Sklaverei bis in die Jetztzeit schlägt. Dann wechselten sich Köpsell und RonAmber Delony mit berückenden Spoken-Word-Performances ab, bevor sie gemeinsam eine hochfrequente Wechselrede intonierten: Köpsells A Futurist´s Manifesto, das sich selbst zugunsten einer Zukunft der Gleichberechtigung gleichsam dekonstruiert.

Gruppenfoto mit Sprung: Abschlussbild des BIGSAS-Festivals 2014

Am Abend wurde im Ehrenhof des Alten Schlosses zu den Klängen von Hans Lüdemann, Aly Keita und Dobet Gnahoré gefeiert und getanzt. Es ist tatsächlich ein großes Glück, dieses Festival.



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