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08.07.2014, 10:45 Uhr
Katrin Schuster
Spektakula

BIGSAS-Festival 2014, zweiter Tag: 1914

Das dreitägige BIGSAS-Literaturfestival, das seit 2011 alljährlich Ende Juni in Bayreuth stattfindet, bringt afrikanische und afrikanisch-diasporische Literatur auf die Bühne. In diesem Jahr, da Bigsas sich dem Thema „Literatur der/und Erinnerung: 1884 – 1904 – 1914“ widmete, war die Redaktion des Literaturportals Bayern dabei. Ein Bericht in drei Tagen und Teilen.

Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, die 1977 in Lagos geboren wurde und heute zwischen ihrer Geburtsstadt und den USA pendelt, erwähnte es eben erst in einem Interview, und für das BIGSAS-Festival bedeutet es jedes Jahr wieder ein Risiko: Ein afrikanischer – in Adichies Fall: ein nigerianischer – Pass und eine nicht-weiße Hautfarbe sind in Europa nicht gern gesehen. Wer über diese Merkmale verfügt, der muss an jedem Flughafen damit rechnen, dass man ihn aus der Schlange der Einreisenden herauspickt und ihn sowie sein Gepäck langwierigen Durchsuchungen unterzieht. Wenn man ihn denn überhaupt hineinlässt. Im vergangenen Jahr musste das BIGSAS-Programm schon auf den afro-britischen Performance-Künstler Patrice Naiambana verzichten, der kein Visum erhalten hatte, und in diesem Jahr traf es die Kunsthistorikerin Everlyn Nicodemus, die man am Flughafen so anhaltend kontrollierte, dass sie schließlich ihr Flugzeug verpasste und Bayreuth erst viele Stunden später erreichte.

Die Bilder, die ‚man‘ sich von Menschen macht, spielten nicht nur in der organisatorischen Realität des BIGSAS-Festivals eine wichtige Rolle, sondern auch auf den Podien. Der zweite Tag widmete sich dem Jahr 1914, dessen Voraussetzungen und Folgen. Und er begann mit einer Weltpremiere: Der britisch-nigerianische Regisseur David Olusoga präsentierte den ersten von zwei Teilen seines Dokumentarfilms The World´s War, der von der verdrängten Geschichte der nicht-europäischen Soldaten im Ersten Weltkrieg erzählt. Sehr genau zeichnet der Regisseur darin nach, wie die Theorie der „Rassen“ von den Briten erfunden wurde, die einzelne Kasten nach vermeintlich rassischen Kriterien nach Kampftauglichkeit und -wille einteilten.

Links: Peggy Piesche, Wangũi wa Goro, Moderator Shola Adenekan und David Olusoga auf dem Podium. Rechts Malek Alloula und Maaza Mengiste.

Die Dokumentation zeigt zudem, wie Kriegsgegner Deutschland auf die indischen Truppen der Briten und die senegalesischen Truppen der Franzosen reagierte: Man sah darin eine „Barbarisierung“ des Krieges (im Gegensatz zur ach so „zivilisierten“ Form, die sich vor allem durch Giftgasangriffe auszeichnete). Dass Grenzüberschreitungen und die Beweglichkeit der Grenzen wichtige Motive schon des Kolonialismus darstellen und auch als zentrale Momente des Ersten Weltkriegs betrachtet werden dürfen und dass von 1884 bis 1914 klare personelle, technische und infrastrukturelle Kontinuitäten auszumachen sind, betonte Olusoga in seiner Keynote, die an die Filmvorführung anschloss und die Diskussion dieses Tages eröffnete. Das folgende Podiumsgespräch zwischen Olusoga, der kenianischen Übersetzerin Wangũi wa Goro und der afrodeutschen Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche dachte ebenfalls über den fiktionalen Gehalt von Historie nach und fragte nach den Möglichkeiten des Wiedererinnerns, Umschreibens und Aneignens von Geschichte.

Links: Charles Teke; rechts: Sénouvo Agbota Zinsou, Wangũi wa Goro, Njamy Sitson und Michael Ojake bei ihrer szenischen Lesung aus Weltkriegs-Dokumenten

Die Lesungen dieses Tages reagierten auf diese Fragen und Forderungen auf je ganz eigene Weise. Alain Patrice Nganang stellte seinen Roman Mont Plaisant, auf Deutsch Der Schatten des Sultans, vor, der die Erzählungen einer alternden Sultansehefrau mit den Recherchen einer jungen Historikerin überkreuzt und damit die Konsturiertheit von Geschichte ausstellt. Mit dem Autor Malek Alloula – dessen Name schon ein europäisches Konstrukt darstellt, da sein ursprünglicher nicht ins Vornamen-Nachnamen-Raster passt – gelangte man wieder an den Anfang des Tages: zu den Bildern, die ‚man‘ sich vom Menschen macht: Alloula hat 1981 ein Buch namens Le Harem Colonial, der koloniale Harem, publiziert, in dem er seiner Sammlung von Postkarten der Kolonialzeit eine Reihe konziser Essays über die Bildpolitik dieser Abbildungen verschleierter oder entblößter Frauen an die Seite stellte.

Im Anschluss las die äthiopische Autorin Maaza Mengiste einen eindrucksvollen Auszug aus ihrem zweiten Roman The Shadow King, in dem sie die gemeinsame Geschichte Äthiopiens und Italiens literarisiert. Es hätte kaum passender sein können: Mengiste hatte sich für die Lesung für eine Szene entschieden, in der italienische Soldaten zwei äthiopische Widerstandskämpferinnen fotografieren. Gebannt lauschte das Publikum dieser so klugen wie spannenden Auslotung der Verhältnisse von Macht und Ohnmacht, Original und Abbild, Mann und Frau. Fortgeführt wurde der literarische Nachmittag mit einem kurzen Vortrag des Literaturwissenschaftlers Charles Teke über Azanwi Nachmis Roman Footprints of Destiny, der vom oft vergessenen kamerunischen Widerstand gegen die deutschen Kolonialisten erzählt. Danach las der „literary gangster“ Toni Mochama aus seiner Erzählung Gray Lions (aus dem Band The Road to Eldoret). Den Abend beschloss eine bewegende szenische Lesung aus Texten afrikanischer Soldaten, die im Ersten Weltkrieg kämpften. Dass deren Kampf 1918 noch lange nicht zuende war, sondern gleichsam bis heute andauert, markierte der Refrain der dreisprachigen Lesung: „Wir kehren zurück. Wir kehren vom Kampf zurück. Wir kehren zurück, kämpfend.“



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