Info
30.06.2014, 16:31 Uhr
Katrin Schuster
Spektakula

BIGSAS-Festival 2014, erster Tag: 1884 und die Folgen

Das dreitägige BIGSAS-Literaturfestival, das seit 2011 alljährlich Ende Juni in Bayreuth stattfindet, bringt afrikanische und afrikanisch-diasporische Literatur auf die Bühne. In diesem Jahr, da Bigsas sich dem Thema „Literatur der/und Erinnerung: 1884 – 1904 – 1914“ widmete, war die Redaktion des Literaturportals Bayern dabei. Ein Bericht in drei Tagen und Teilen.

Das Denkmal, das man dem deutschen Kolonialgouverneur Hermann von Wissmann im Jahr 1909 errichtete, spricht eine unmissverständliche Sprache. Auf einem 2,20 Meter hohen Sockel steht eine 2,60 Meter hohe Figur, die Wissmann darstellt. Am Fuße des Sockels steht die Figur eines Askari, eines afrikanischen Soldaten in Diensten der Kolonialisten, der zu Wissmann aufblickt und 1,70 Meter misst, also höchstens mit der Fingerspitze noch die Füße des Gouverneurs berühren könnte. Zu Füßen des Askari liegt ein Löwe. Und als wäre diese Rangordnung der Macht – Weiße, Schwarze, Tiere, die beiden letzteren auf derselben Ebene – damit noch nicht eindrücklich genug dargestellt, findet sich auf dem Sockel auch noch eine Inschrift auf Kiswahili, die übersetzt lautet: „Unser Herr von früher, er hat die Küste beruhigt und uns auf den richtigen Weg gewiesen.“ Zynischer kann man die Handlungen und Taten der Kolonialisten in Afrika kaum verfälschen.

Nicht nur auf diese Ikonografie des kolonialistischen Gedenkens, sondern auch auf die Geschichte des Wissmann-Denkmals verwies der Keynote-Sprecher des ersten Tages des diesjährigen BIGSAS-Festivals. Der Germanist David Simo von der Universität Yaoundé/Kamerun nahm sich das Denkmal als Beispiel für die komplexe Beziehung von Erinnerung und Gedenken, da das Denkmal in den 1960er-Jahren wiederholt von Studenten vom Sockel gestürzt wurde und 1968 endlich eingelagert wurde – womit jedoch teilweise auch die Konfrontation mit der deutschen Kolonialgeschichte suspendiert würde. Spätestens als in der folgenden Diskussion zudem die englische bzw. französische Sprache und die christliche Religion als „Denkmäler“ des Kolonialismus in Afrika bezeichnet wurden, war das Thema des ersten Tages des BIGSAS-Festivals benannt: Die Linien, die die europäischen Mächte im Jahr 1884/5 auf der sog. „Kongo-Konferenz“ durch den afrikanischen Erdteil zogen, haben sich tief eingeschrieben in den Kontinent. Wie wahr ist eine Historie, die von den Siegern verfasst wird? Und wie lassen sich die blinden Flecken der deutschen Selbstsicht aufklären? Das sind nur zwei der Fragen, die den ersten Festivaltag bestimmten.

Tony Mochama (an einem späteren Tag) und Maroula Blades mit ihrer poetischen Sound-Installation

Nach dem Vortrag von David Simo las der kenianische Journalist und Schriftsteller Tony Mochama aus seinem aktuellen Romanprojekt Pot Smokin´ Despots, das zwischen den Zeiten wechselt und mit der Schilderung afrikanischer Diktatoren gleichsam die Folgen der 1884er-Konferenz benennt. Dass Mochama gerade die Wirksamkeiten der Sprache genau im Blick hat, beweist nicht nur seine kreative Arbeit am Englischen, das bei ihm als laute poetische Mixtur verschiedener Slangs und Redeweisen daherkommt. Sondern demonstrierte schon seine sprudelnde Einleitung, die das typische Frühstück der Engländer – „scrambled eggs“, Rühreier – mit dem so genannten kolonialistischen „Wettlauf um Afrika“ – auf Englisch „Scramble for Africa“ – in Verbindung brachte.

Eine andere Art der Gegenrede, des Einwands gegen die deutsche Kolonialgeschichtsschreibung, stellte später die junge Autorin Jessica Köster mit ihrem Buch Tagebuch des Samson Dido vor. Ein Schulprojekt war der Anlass, dass sich Köster auf die Spuren des Kameruner Prinzen Samson Dido begab, der mit einem Teil seiner Familie 1886 von Carl Hagenbeck nach Hamburg geholt wurde, um an dessen „Völkerschauen“ teilzunehmen. Als Köster bald entdeckte, dass solche „Menschenzoos“ ganz und gar keine authentischen Lebensweisen ausstellten, sondern die afrikanischen Teilnehmer vielmehr nach den deutschen Vorstellungen vom Exotischen und Fremden hergerichtet wurden, entschied sie sich, Samson Dido in Form eines Tagebuchs selbst zu Wort kommen zu lassen, um die Historie immerhin nachträglich richtig zu stellen.

Kösters Auftritt war auch ein Aufeinandertreffen zweier afrodeutscher Generationen, denn nach der 20-Jährigen betrat der 89jährige Theodor Wonja Michael die Bühne. Ihm war auch die Bücherausstellung zu verdanken, die in den Vitrinen zu bewundern war: Es handelt sich um eine Schenkung von Michael an die Bayreuther Universität. An diesem Abend stellte Michael, 1925 in Berlin als jüngster Sohn des Kameruners Theophilius Wonja Michael und dessen deutscher Ehefrau Martha geboren, seine Autobiografie Deutsch sein und schwarz dazu vor. Die Lesung behandelte einerseits die Geschichte des Vaters, der einst mit großen Träumen von einem gelobten Land nach Deutschland gekommen war; andererseits die Anfänge einer selbstbewussten afro-deutschen Community in den 1980er-Jahren. Einen allzu großen Wandel im Verhältnis von Schwarz und Weiß wollte Michael nicht erkennen: „Rassisten kann man nicht überzeugen“, sagt er, um anzuschließen: „Ich habe kein Problem mit der meiner Gesellschaft. Wenn die Gesellschaft ein Problem mit mir hat, ist das ihr Problem.“

Den literarischen Abend beschloss eine mehr als bloß gelungene Spoken-Word-Performance, bei der – eingerahmt vom Singer-Songwriter Kae Sun – der Berliner (und darüber sehr erleichterte Ex-Bayer) Slampoet Temye Tesfu sowie RonAmber Deloney aus Texas/USA und die afrobritische Dichterin Maroula Blades, die aktuell in Berlin lebt, auftraten. Tesfu empfahl sich als gewitzter Reimer und politischer Aktivist; Deloney füllte mit ihrer wortgewaltigen Stimme den Raum, ließ afroamerikanischen Alltag wie weibliches Begehren zu Wort kommen; Blades vervollständigte das Spoken-Word-Panorama mit ihrer eindringlichen, dicht-poetischen Mischung aus Stimme, Musik und Video-Montagen. Ihr mal leiser werdender, dann wieder in der Lautstärke anschwellender Satz „I´ve got a purpose“ („Ich habe ein Anliegen“) benannte erneut die Forderung nach der Sichtbarmachung und dem Gehörtwerden der nicht-weißen Geschichten über den Kolonialismus und dessen Folgen. Es folgte eine spontane Jam-Session, man rief dazu noch den anwesenden Dichter Chirikure (Simbabwe) auf die Bühne, und ein eindrucksvoller BIGSAS-Tag fand einen nicht weniger eindrucksvollen Abschluss.


Externe Links:

Homepage BIGSAS-Literaturfestival


Kommentar schreiben