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10.12.2010, 21:27 Uhr
Peter Czoik
Text & Debatte

Ein idealisierender Volksdichter von kulturhistorischem Format: Maximilian Schmidt

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Die Dichter der Gartenlaube (1889). Oben: Max Grube, Herman von Schmid, Maximilian Schmidt, Franz Koppel-Ellfeld. Unten: Ludwig Ganghofer, Hans Neuert, Max Hofpauer, Philomene Hartl-Mitius.

Gleichwie Berthold Auerbach durch seine Dorfgeschichten den Schwarzwald der Welt eröffnete, so hielt ich mich berufen, meine so sehr verkannte Heimat [den Bayerischen Wald] der Vergessenheit zu entziehen.

Land und Leute meiner Heimat wollte ich schildern mit all der Herzenswärme, die ich für diese schöne Heimat hatte, und wie Adalbert Stifter die Leser bewog, nach dem Plöckenstein-Hochsee zu wandern, so wollte ich meine zukünftigen Leser mit all den Schönheiten des „Waldes“ vom Dreisesselberg bis hinauf zum Passe von Neumark in landschaftlicher, kultureller und ethnographischer Hinsicht bekannt machen.

(Aus der Autobiographie Meine Wanderung durch 70 Jahre [Erster Teil] von Maximilian Schmidt)

 

Am literarischen Selbstbewusstsein hat es Maximilian Schmidt, genannt Waldschmidt, ohne Zweifel nicht gefehlt. Etwa zur selben Zeit, als der Naturalist Michael Georg Conrad im Zeichen von Wagner-Nietzsche-Bismarck seinen Kampf gegen die „Gartenlaube-Idylle“ begann, hatte der zum Hofrat ernannte Schmidt bereits Dutzende von Erzählungen publiziert, die geradezu rührselig die Welt des Baches, der Wiesen und des Waldes schildern. Schmidts Ziel, die Volksmoral zu veredeln, führte bei aller Detailgenauigkeit und der häufigen Verwendung des Dialekts (dessen Fehlen er an der Dorfgeschichte immer wieder monierte) zu versöhnlich-idealisierender Darstellung, die er gegen Kritik seitens der naturalistischen Bewegung immer wieder verteidigte.

In der Erzählung Am Goldenen Steig (1893) z.B. wandert ein berühmter Geiger die Waldberge hinauf. Einst, als Bub, hatten ihn die Eltern dafür verdammt, Musiker zu werden; daraufhin verschlug es den Jungen nach Amerika. Und nun bei seiner Rückkehr, auf bergiger Anhöhe, macht der Musikus noch einmal Rast und stimmt das Lied vom Böhmerwald an:

Tief drin im Böhmerwald, da liegt mein Heimatort; / es ist gar lang schon her, dass ich von dort bin fort. / Doch die Erinnerung, die bleibt mir stets gewiss, / dass ich den Böhmerwald gar nie vergiss! / Es war im Böhmerwald, wo meine Wiege stand, im schönen, grünen Böhmerwald, / es war im Böhmerwald, wo meine Wiege stand / im schönen, grünen Wald!

O holde Kinderzeit, noch einmal kehr zurück, / wo spielend ich genoss das allerhöchste Glück; / wo ich am Vaterhaus auf grüner Wiese stand / und weithin schaute auf mein Vaterland. / Es war im Böhmerwald [...]

Nur einmal noch, o Herr, lass mich die Heimat sehn, / den schönen Böhmerwald, die Täler und die Höhn; / dann kehr ich gern zurück und rufe freudig aus: / „Behüt dich Böhmerwald, ich bleib zu Haus!“ / Es war im Böhmerwald [...]

Die vergangene „holde Kinderzeit“ wird im Rückblick vorbehaltlos verklärt. Immerhin: Maximilian Schmidt verwendete das Böhmerwaldlied als Leitmotiv für seine Erzählung und sorgte als eigentlicher Entdecker für den Durchbruch des Liedes. Die bayerisch-böhmische Nachbarschaft behandelte er am ausführlichsten in seinem im selben Jahr erschienenen „Kulturbild“ Hančička das Chodenmädchen, worin er die positiven Züge der Choden, ihre Traditionsverbundenheit – besonders die Schönheit der Chodenmädchen in der Tracht – und ihr Festhalten an der eigenen Sprache, unterstreicht.

Schmidt war außerdem bemüht, Zeugnisse der Volkspoesie bzw. -frömmigkeit, Sagen, Märchen und Beschreibungen vom Brauchtum in seine Erzählungen einzubauen, um sie so kulturhistorisch aufzuwerten. Am bekanntesten wurden seine Volkserzählungen aus dem Bayerischen Wald (1863ff.), die durch ihre teils humorig, teils derb geschilderte Originalität der Landleute bestechen und für die sich bald die Gattung „Waldgeschichte“ einbürgerte. Nicht zu vergessen die zahlreichen „Hochlandsgeschichten“, wie Der Blinde von Kunterweg (1883, 17 Aufl.), Die wilde Braut (1884, 12 Aufl.), Der Zuggeist (1885, 14 Aufl.), Der Musikant von Tegernsee (1886, 17 Aufl.), Der Bubenrichter von Mittenwald (1886, 23 Aufl.) oder Die Jachenauer in Griechenland (1888, 12 Aufl.). Diese können als Zeugnisse der literarischen Alpenentdeckung mit Ludwig Ganghofers fast zeitgleichen Hochgebirgsromanen als gleichrangig betrachtet werden.


Sekundärliteratur:

Kubů, František; Zavřel, Petr: Goldener Steig. In: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45505, (05.03.2013).


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