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18.11.2013, 14:53 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [284]: Planeten und Gestirne, am Himmel und im Ich

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Der Philosoph bei der Arbeit. Jan Baptist Weenix malte in der Mitte des 17. Jahrhunderts, am Ende des Großen Kriegs, dieses herrliche Porträt des großen Philosophen, der auch Jean Paul faszinierte.

Jean Paul wird wieder naturwissenschaftlich, wobei er sich auf einen großen, bis heute wirkenden Philosophen bezieht, den Jean Paul natürlich – das unmögliche Wort trifft es bei Jean Paul, wenn es um seine monströs anmutenden Literaturkenntnisse geht – kannte: Descartes. Gustav nämlich wird in seinem Verhältnis zu Oefel charakterisiert. Er ist kein Weltmann, er kann nicht spielen, er ist „deutsch und echt“[1], indem er unfähig ist, auf dem Parkett des Hofes und der Welt zu spielen und eher den Pietisten herauskehrt:

Alle Strahlen seiner Seele brach die Wolkenhülle milder Demut, ja seitdem Oefel ihm Stolz auf dem Gesichte vorgeworfen, sucht' er gerade so demütig auszusehen, als er war – sein Äußeres war still, einfach, voll Liebe, ohne Ansprüche; aber auch ohne durchbrechenden Witz und Humor – Phantasie und Verstand arbeiteten in ihm, wie in einem einsamen Tempel, Altarblätter mit großen Maßen und ließen mithin nicht, wie andre, Dosenstücke und Medaillons von der Zunge purzeln – er war, was Descartes von der Erde glaubt, eine inkrustierte Sonne, aber unter den phosphoreszierenden Lichtern des Hofes ein dunkler Erdkörper.

Ottomar ist der genaue Gegensatz, auch wenn dieser Gegensatz nur in scheinbaren Widersprüchen zu haben ist: „Ottomar, der mit seiner Sonne seine Kruste durchgebrannt hatte und nun vor den Leuten stand blitzend, knisternd, glühend, anreisend, einäschernd und ausbrütend“, seine Seele ist jedoch „ein Polarland, das sengende lange Tage, lange Eis-Nächte, Orkane, Eis-Berge und Tempische Täler-Fülle durchstrichen“.

Ja, die Natur mit ihren Stürmen und Ruhepunkten, ihrer Glut und ihrem Eis... Wenn Jean Paul Descartes in die Debatte bringt, erwähnt er einen inkommensurablen Denker, der nicht allein für Jean Pauls Ansichten einer Holzfrau[2] verantwortlich gemacht werden kann, die auf des Philosophen Theorien auf den Dualismus von Leib und Seele zurückgehen – Gedanken, die noch in la Mettries Maschinenmensch eine bizarre Gestalt gefunden haben. Descartes gilt zudem als wissenschaftlich denkender Kosmologe, dessen Theorien über die Natur zu einem vertieften Verständnis der Welt beigetragen haben – ungeachtet der Tatsache, dass seine Vorstellungen von der modernen Naturwissenschaft längst revidiert wurden. Es kam auf die Methode[3], auf das Prinzip an, mit der die Welt zu betrachten sei. Er war, wie Carl Friedrich von Weizsäcker im Jahre 1958 in einer Rede gesagt hat, „ein Vorläufer der heutigen Theorie der Planetenentstehung“, weil er vom Gedanken der unvergänglichen Himmelsmaterie abrückte. Natur war für ihn etwas Lebendiges (so wie die Sprache und Literatur für Jean Paul etwas höchst Organisches war). So erklärt es sich, dass Jean Paul noch weiß, dass Descartes in seiner 1644 publizierten Principia philosophiae die cartesischen Grundlagen einer modernen Planetenlehre fixiert hatte, in der die Erde eine inkrustierte Sonne ist.

Als Jean Paul dieses Gleichnis für Young Gustav erfand, war Descartes, wenn auch schon lange unter der niederländischen Erde, kein alter Knochen. Am 12. April 1791, also kurz nach Beginn der Niederschrift des Romans, brachte ein Großneffe Descartes' einen Antrag in die französische Nationalversammlung ein, den Philosophen neben die anderen Großen der Grand Nation im Pantheon zur letzten Ruhe zu betten: „Der Mann, der die Ketten des menschlichen Geistes sprengte“… Descartes kam jedoch nicht ins Pantheon – vermutlich mit völligem Recht, denn sein Skeptizismus passt schlecht zu den Idealen einer Grand Nation. Erst 1819 – dem Jahr, in dem Jean Paul nach Stuttgart reiste – wurden seine Gebeine nach Frankreich gebracht und in der Kirche von St.-Germain-des-Pres beigesetzt, in deren unmittelbarer Nähe ein gutes Jahrhundert später Jean-Paul saß, rauchte, trank, schrieb und diskutierte.

Am Schluss von Reiner Spechts erstklassiger Rowohlt-Monographie über Descartes, die 1966 erschien, womit sie wesentlich umfangreicher und damit wesentlich informativer ist als die heutigen dünnen, aber wunderbar farbig illustrierten Rowohlt-Monographien, die deshalb so schmal und bunt sind, weil die Verleger ihrem Publikum nicht mehr derart „dicke“ und „nur“ schwarzweiße illustrierte Monographien zumuten wollen, da sie, die Verleger, denken, dass das Publikum diese „dicken“ Monographien nicht mehr lesen will und zu lesen vermag, was dazu führt, dass sie, die Leser, immer weniger in der Lage sind, derartig „dicke“ und informative Monographien zu lesen, was sie, die Leser, immer uninformierter, ergo: dümmer macht, woraufhin die Verleger sagen, das dieses Publikum ja nicht mehr in der Lage sei, derartig „dicke“ Monographien zu lesen und man deshalb „gezwungen“ sei, dünnere herauszugeben... Ein Teufelskreis! Am Ende der guten alten Rowohlt-Monographie, die aus einer Zeit stammt, in der man noch „dicke“ Rowohlt-Monographien lesen konnte, ohne an der Dummheit der Verleger zu verzweifeln, lese ich Sätze, die so heute nicht mehr geschrieben werden könnten. Eben deshalb schätze ich sie, schätze ich ihren rhetorischen Aufwand, ihre inhaltliche Dichte:

Der Cartesianismus blieb Geschichte, aber nicht Geschichte schlechthin, sondern unsere Geschichte: nicht wenige Ansichten über Seele und Körper, Subjekt und Objekt, die wir für selbstverständlich halten, weil wir über sie nicht nachzudenken pflegen, sind in Wirklichkeit nicht selbstverständlich, sondern cartesianisch. Deshalb verstehen wir uns selbst ein wenig besser, wenn wir ein wenig von Descartes verstehen. Vergleichen wir seine anthropologischen Grundthesen mit unseren unreflektierten Meinungen, so fühlen wir, dass er uns wider Erwarten nahe ist; und erst, wenn wir im Laufe der Reflexion uns wieder späterer Erkenntnisse erinnern, empfinden wir ein Gefühl der Ferne. Es kann nicht anders sein, denn viele Jahre sind dahingegangen, und zwischen ihm und uns liegen wie ein Abgrund zehn Generationen: aber in manchen Stunden vernehmen wir sogar aus solcher Ferne ein Signal, entdecken plötzlich eine Geste und eine Art des Hoffens und Ertragens, die mehr als Geschichte ist.

Jean Paul war Descartes noch näher, wenn auch schon durch fünf Generationen entrückt. Noch in seinem Bild von Gustav aber ist ein Schimmer jenes Zentralgestirns sichtbar, das Descartes zu seiner Zeit, vielleicht, gebrochen durch vielfältigste Spiegel, auch noch für unsere Zeit ist.

 

PS. (nur für Leser des Bayerischen Literaturportals)

Als Descartes 23 Jahre alt war, wurde er, 1619 war's, ein gemeiner Soldat: ausgerechnet beim bayerischen Heer. Unter Herzog Maximilian nahm er am gerade startenden Krieg teil und war bei der Eroberung Prags dabei. Wir finden ihn auch in Regensburg (wo er Johannes Keplers Studierstube besichtigte) und in Neuburg an der Donau (wo er angeblich drei wichtige Träume träumte).

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[1] Aus herrlichen welchem Werk stammt noch einmal diese Kopulation? Na?

[2] Er schreibt über diese Dame in der dritten „Zusammenkunft“ der Teufelspapiere.

[3] Überflüssig, zu erwähnen: 1637 kam sein Discours sur la méthode heraus.



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