Rezension einer neuen Chronik zu Ingeborg Bachmann
Rund ein Jahr lebte Ingeborg Bachmann in München. Sie arbeitete seinerzeit beim Bayerischen Rundfunk. Näheres über die österreichische Dichterin und ihr Verhältnis zur bayerischen Landeshauptstadt hat Nicola Bardola in seinem neuen Sachbuch Ingeborg Bachmanns München zusammengetragen. Klaus Hübner hat das Buch fürs Literaturportal Bayern gelesen.
*
Die Gedichte aus Anrufung des Großen Bären und Die gestundete Zeit, das Hörspiel Der gute Gott von Manhattan, die Prosa von „Undine geht“ oder „Das dreißigste Jahr“ und schließlich der große Roman Malina, dazu ein prekäres und schwieriges Diven-Leben mit komplizierten Liebesbeziehungen und Freundschaften mit bedeutenden Künstlerinnen und Künstlern – Ingeborg Bachmann ist nach wie vor eine Ikone der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Wer sich über die österreichische Dichterin und ihr Werk genauer informieren möchte, kann das umfassende Bachmann-Handbuch (2020) studieren. Auch an einschlägigen Biografien und klugen germanistischen Studien mangelt es nicht. Selbstverständlich findet die 1926 in Klagenfurt geborene Schriftstellerin zu ihrem Hundertsten große mediale Aufmerksamkeit, und selbstverständlich bleiben auch die Würdigungen in Buchform nicht aus. Dazu zählt eine Chronik, die der Münchner Schriftsteller und Journalist Nicola Bardola erarbeitet hat: Ingeborg Bachmanns München.
Gemeinhin verbindet man mit dieser eminenten Dichterin andere Orte, Wien Rom, Neapel, Zürich, Berlin oder Frankfurt. Vergleichsweise wenig beachtet wird ihr Aufenthalt in München vom Herbst 1957 bis zum Herbst 1958, und noch weniger weiß man über ihre München-Besuche davor und danach. Wohl aber existiert das Vorurteil, Bachmann habe in München „fast alles deprimierend“ gefunden, wie sie das in der Tat im Oktober 1957 in einem Brief an Hermann Kesten geschrieben hatte. Bardola stellt fest: „In jeder neuen Biografie, in jedem neuen Aufsatz wird seither dieses eher negative München-Bild wiederholt und variiert. Geschrieben wird allgemein von einem schwierigen Jahr in München.“
Seine fundierte Chronik, für die Bardola vor allem die Archive der Münchner Stadtbücherei Monacensia im und des Bayerischen Rundfunks gründlich durchforstet hat, reicht zeitlich vom September 1947 bis zu Bachmanns Tod im Jahr 1973 und zitiert zahlreiche bislang unveröffentlichte Briefe und Dokumente. Eine zuverlässige und solide Pionierarbeit, die natürlich, dem Charakter einer Chronik entsprechend, nichts wirklich Neues über Ingeborg Bachmanns literarisches Werk sagen kann, aber eine ganze Menge über dessen lebensgeschichtliche Voraussetzungen verrät. Und damit einen kleinen Baustein für unser Wissen um diese große Dichterin liefert.
Bachmann war, das wusste man schon, eine große Netzwerkerin avant la lettre. In Wien lernte die 21-Jährige den einflussreichen Kritiker Hans Weigel kennen, kurz darauf den aus der Bukowina stammenden Poeten Paul Celan. 1952 wurde ihr erstes Hörspiel gesendet. Hans Werner Richter lud sie zur Tagung der Gruppe 47 nach Niendorf an der Ostsee ein – ihre erste Reise ins „Nordicum“. Die Freundschaft mit Ilse Aichinger und Günter Eich, die sie dort kennenlernte, führte später zu mehreren Besuchen in Lenggries und hielt viele Jahre. Der Komponist Hans Werner Henze kam hinzu, Wolfgang Hildesheimer, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger und viele andere.
1953 sprach Ingeborg Bachmann erstmals in ein Mikrofon des Bayerischen Rundfunks und rezitierte ihr Gedicht „Nachtflug“. Im selben Jahr wurde ihr der Preis der Gruppe 47 zuerkannt, und kurz darauf erschien die berühmte Spiegel-Ausgabe mit ihr als „Covergirl“. Ingeborg Bachmann wurde berühmt. Nicht nur in München waren Literaten, Rundfunk- und Theaterleute hingerissen von der jungen Autorin und ihrer existenzialistisch-fragilen Aura, etwa der große Verlagslektor Hansjörg Graf, der Publizist Curt Hohoff, der Verleger Klaus Piper oder der lyrikbegeisterte Gymnasiast Peter Hamm, der Jahrzehnte später ein liebevolles Filmporträt der Dichterin mit dem Titel Der ich unter Menschen nicht leben kann zusammenstellte.
Die Veröffentlichung ihrer Gedichte bei Piper unter dem Titel Anrufung des Großen Bären überraschte die Literaturszene. „Die Entscheidung für Piper ist auch eine Vorentscheidung für die Stadt München als neuen Lebensmittelpunkt zwei Jahre später“. Anfang 1956 fragte der Hörspiel-Dramaturg Hansjörg Schmitthenner, der auch auf dem Cover der Chronik zu sehen ist, nach dem Stand der Arbeit an einem Text, der später als Der gute Gott von Manhattan Geschichte schrieb. Kurzum, die charismatische Österreicherin mit ihren oft skurrilen Allüren und verwirrenden Koketterien war schon lange vor 1957 mit der Stadt verbunden, wozu, wie der Chronist betont, der Piper Verlag und der BR „wesentlich“ beitrugen.
München als wichtiger Bezugspunkt
Der zweite Teil von Bardolas Chronik konzentriert sich ganz auf das Jahr 1957. „Die Gönner in München unterstützen mit viel Wohlwollen und Geduld die Dichterin in Rom.“ Von dort aus schrieb sie bald Briefe an Freunde und Kollegen, in denen sie ihren Umzug nach München ankündigte – die Finanzen machten dies unumgänglich, und schließlich sei es „wohl auch kindisch, dass ein erwachsener Mensch in Tränen ausbricht, wenn er irgendwo das Wort München liest.“ Auch wenn sie, nach etlichen Intermezzi, Ende des Jahres eine schöne Dachwohnung in der Schwabinger Franz-Joseph-Straße bezog, blieb sie, wie Nicola Bardola betont, zeitlebens „die ruhelose Österreicherin ohne Haus.“
Dennoch schrieb die nun als Dramaturgin der Hörspielabteilung des BR fest angestellte 31-Jährige am 16. Dezember 1957: „Ich bin müde und glücklich in der Wohnung, muss sehr viel arbeiten, aber es verdrießt mich nicht mehr.“ Ihr Begehren nach dem in Paris lebenden, verheirateten Paul Celan flammte neu auf. „Leidenschaft und Liebe gehen fließend über in alte und neue Lyrik, in ihr dichterisches Denken und in seines.“ Die Zeiten mit ihm in München waren, so der Chronist, „ein Schutz vor den negativen Schwingungen der Stadt“ und hätten sogar für „Glück in ihrer Dachwohnung“ gesorgt. Als Münchnerin jedoch mochte sie nach wie vor nicht gesehen werden. „Ihre Anspannung und ihre Hast lassen eine anhaltende Sesshaftigkeit, eine städtische Beständigkeit nicht zu.“
Ab 1958 versuchte sie sich zunehmend an erzählender Prosa, verfasste aber auch einen Radio-Essay über Marcel Proust. Endlich fand Der gute Gott von Manhattan sein Publikum, zu dem auch der bereits erfolgreiche und weithin bekannte Max Frisch gehörte – er „hört den guten Gott, schreibt ihr und wird bald ihr Herz im Sturm erobern. Und sie erobert seines.“ Auch diese Liebesgeschichte rekonstruiert der Chronist bis ins Detail. Im November 1958 setzte Bachmann ihrem Münchner Leben ein Ende und versuchte, mit Frisch in Zürich und in Rom neu zu beginnen – was bekanntlich nicht allzu lange gut ging. „München bleibt aber auch danach ein wichtiger Bezugspunkt.“ Piper in der Georgenstraße blieb ihr Verlag, und auch mit dem BR kam es immer wieder zur Zusammenarbeit. Nicola Bardola bezeichnet München sogar als „Ingeborg Bachmanns Stadt des Herzens und der Leidenschaft“ und „den Mittelpunkt ihrer romantischen Gefühle“, was selbst für ihn ein „überraschendes Fazit dieser Chronik“ ist.
Im Anhang findet man ein längeres Gespräch mit Bachmanns Bruder Heinz, der bis heute ihr Werk kuratiert. Ihre allseits bewunderte Literatur, aber auch der nach wie vor existierende Klagenfurter Bachmann-Preis sichern Ingeborg Bachmann ein prominentes Nachleben. Wie wichtig die bayerische Landeshauptstadt für Leben und Werk der Dichterin war, erfährt man von Nicola Bardola.
Nicola Bardola: Ingeborg Bachmanns München. Eine Chronik zum 100. Geburtstag. Volk Verlag 2026, 128 S.
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Rund ein Jahr lebte Ingeborg Bachmann in München. Sie arbeitete seinerzeit beim Bayerischen Rundfunk. Näheres über die österreichische Dichterin und ihr Verhältnis zur bayerischen Landeshauptstadt hat Nicola Bardola in seinem neuen Sachbuch Ingeborg Bachmanns München zusammengetragen. Klaus Hübner hat das Buch fürs Literaturportal Bayern gelesen.
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Die Gedichte aus Anrufung des Großen Bären und Die gestundete Zeit, das Hörspiel Der gute Gott von Manhattan, die Prosa von „Undine geht“ oder „Das dreißigste Jahr“ und schließlich der große Roman Malina, dazu ein prekäres und schwieriges Diven-Leben mit komplizierten Liebesbeziehungen und Freundschaften mit bedeutenden Künstlerinnen und Künstlern – Ingeborg Bachmann ist nach wie vor eine Ikone der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Wer sich über die österreichische Dichterin und ihr Werk genauer informieren möchte, kann das umfassende Bachmann-Handbuch (2020) studieren. Auch an einschlägigen Biografien und klugen germanistischen Studien mangelt es nicht. Selbstverständlich findet die 1926 in Klagenfurt geborene Schriftstellerin zu ihrem Hundertsten große mediale Aufmerksamkeit, und selbstverständlich bleiben auch die Würdigungen in Buchform nicht aus. Dazu zählt eine Chronik, die der Münchner Schriftsteller und Journalist Nicola Bardola erarbeitet hat: Ingeborg Bachmanns München.
Gemeinhin verbindet man mit dieser eminenten Dichterin andere Orte, Wien Rom, Neapel, Zürich, Berlin oder Frankfurt. Vergleichsweise wenig beachtet wird ihr Aufenthalt in München vom Herbst 1957 bis zum Herbst 1958, und noch weniger weiß man über ihre München-Besuche davor und danach. Wohl aber existiert das Vorurteil, Bachmann habe in München „fast alles deprimierend“ gefunden, wie sie das in der Tat im Oktober 1957 in einem Brief an Hermann Kesten geschrieben hatte. Bardola stellt fest: „In jeder neuen Biografie, in jedem neuen Aufsatz wird seither dieses eher negative München-Bild wiederholt und variiert. Geschrieben wird allgemein von einem schwierigen Jahr in München.“
Seine fundierte Chronik, für die Bardola vor allem die Archive der Münchner Stadtbücherei Monacensia im und des Bayerischen Rundfunks gründlich durchforstet hat, reicht zeitlich vom September 1947 bis zu Bachmanns Tod im Jahr 1973 und zitiert zahlreiche bislang unveröffentlichte Briefe und Dokumente. Eine zuverlässige und solide Pionierarbeit, die natürlich, dem Charakter einer Chronik entsprechend, nichts wirklich Neues über Ingeborg Bachmanns literarisches Werk sagen kann, aber eine ganze Menge über dessen lebensgeschichtliche Voraussetzungen verrät. Und damit einen kleinen Baustein für unser Wissen um diese große Dichterin liefert.
Bachmann war, das wusste man schon, eine große Netzwerkerin avant la lettre. In Wien lernte die 21-Jährige den einflussreichen Kritiker Hans Weigel kennen, kurz darauf den aus der Bukowina stammenden Poeten Paul Celan. 1952 wurde ihr erstes Hörspiel gesendet. Hans Werner Richter lud sie zur Tagung der Gruppe 47 nach Niendorf an der Ostsee ein – ihre erste Reise ins „Nordicum“. Die Freundschaft mit Ilse Aichinger und Günter Eich, die sie dort kennenlernte, führte später zu mehreren Besuchen in Lenggries und hielt viele Jahre. Der Komponist Hans Werner Henze kam hinzu, Wolfgang Hildesheimer, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger und viele andere.
1953 sprach Ingeborg Bachmann erstmals in ein Mikrofon des Bayerischen Rundfunks und rezitierte ihr Gedicht „Nachtflug“. Im selben Jahr wurde ihr der Preis der Gruppe 47 zuerkannt, und kurz darauf erschien die berühmte Spiegel-Ausgabe mit ihr als „Covergirl“. Ingeborg Bachmann wurde berühmt. Nicht nur in München waren Literaten, Rundfunk- und Theaterleute hingerissen von der jungen Autorin und ihrer existenzialistisch-fragilen Aura, etwa der große Verlagslektor Hansjörg Graf, der Publizist Curt Hohoff, der Verleger Klaus Piper oder der lyrikbegeisterte Gymnasiast Peter Hamm, der Jahrzehnte später ein liebevolles Filmporträt der Dichterin mit dem Titel Der ich unter Menschen nicht leben kann zusammenstellte.
Die Veröffentlichung ihrer Gedichte bei Piper unter dem Titel Anrufung des Großen Bären überraschte die Literaturszene. „Die Entscheidung für Piper ist auch eine Vorentscheidung für die Stadt München als neuen Lebensmittelpunkt zwei Jahre später“. Anfang 1956 fragte der Hörspiel-Dramaturg Hansjörg Schmitthenner, der auch auf dem Cover der Chronik zu sehen ist, nach dem Stand der Arbeit an einem Text, der später als Der gute Gott von Manhattan Geschichte schrieb. Kurzum, die charismatische Österreicherin mit ihren oft skurrilen Allüren und verwirrenden Koketterien war schon lange vor 1957 mit der Stadt verbunden, wozu, wie der Chronist betont, der Piper Verlag und der BR „wesentlich“ beitrugen.
München als wichtiger Bezugspunkt
Der zweite Teil von Bardolas Chronik konzentriert sich ganz auf das Jahr 1957. „Die Gönner in München unterstützen mit viel Wohlwollen und Geduld die Dichterin in Rom.“ Von dort aus schrieb sie bald Briefe an Freunde und Kollegen, in denen sie ihren Umzug nach München ankündigte – die Finanzen machten dies unumgänglich, und schließlich sei es „wohl auch kindisch, dass ein erwachsener Mensch in Tränen ausbricht, wenn er irgendwo das Wort München liest.“ Auch wenn sie, nach etlichen Intermezzi, Ende des Jahres eine schöne Dachwohnung in der Schwabinger Franz-Joseph-Straße bezog, blieb sie, wie Nicola Bardola betont, zeitlebens „die ruhelose Österreicherin ohne Haus.“
Dennoch schrieb die nun als Dramaturgin der Hörspielabteilung des BR fest angestellte 31-Jährige am 16. Dezember 1957: „Ich bin müde und glücklich in der Wohnung, muss sehr viel arbeiten, aber es verdrießt mich nicht mehr.“ Ihr Begehren nach dem in Paris lebenden, verheirateten Paul Celan flammte neu auf. „Leidenschaft und Liebe gehen fließend über in alte und neue Lyrik, in ihr dichterisches Denken und in seines.“ Die Zeiten mit ihm in München waren, so der Chronist, „ein Schutz vor den negativen Schwingungen der Stadt“ und hätten sogar für „Glück in ihrer Dachwohnung“ gesorgt. Als Münchnerin jedoch mochte sie nach wie vor nicht gesehen werden. „Ihre Anspannung und ihre Hast lassen eine anhaltende Sesshaftigkeit, eine städtische Beständigkeit nicht zu.“
Ab 1958 versuchte sie sich zunehmend an erzählender Prosa, verfasste aber auch einen Radio-Essay über Marcel Proust. Endlich fand Der gute Gott von Manhattan sein Publikum, zu dem auch der bereits erfolgreiche und weithin bekannte Max Frisch gehörte – er „hört den guten Gott, schreibt ihr und wird bald ihr Herz im Sturm erobern. Und sie erobert seines.“ Auch diese Liebesgeschichte rekonstruiert der Chronist bis ins Detail. Im November 1958 setzte Bachmann ihrem Münchner Leben ein Ende und versuchte, mit Frisch in Zürich und in Rom neu zu beginnen – was bekanntlich nicht allzu lange gut ging. „München bleibt aber auch danach ein wichtiger Bezugspunkt.“ Piper in der Georgenstraße blieb ihr Verlag, und auch mit dem BR kam es immer wieder zur Zusammenarbeit. Nicola Bardola bezeichnet München sogar als „Ingeborg Bachmanns Stadt des Herzens und der Leidenschaft“ und „den Mittelpunkt ihrer romantischen Gefühle“, was selbst für ihn ein „überraschendes Fazit dieser Chronik“ ist.
Im Anhang findet man ein längeres Gespräch mit Bachmanns Bruder Heinz, der bis heute ihr Werk kuratiert. Ihre allseits bewunderte Literatur, aber auch der nach wie vor existierende Klagenfurter Bachmann-Preis sichern Ingeborg Bachmann ein prominentes Nachleben. Wie wichtig die bayerische Landeshauptstadt für Leben und Werk der Dichterin war, erfährt man von Nicola Bardola.
Nicola Bardola: Ingeborg Bachmanns München. Eine Chronik zum 100. Geburtstag. Volk Verlag 2026, 128 S.
