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10.10.2013, 10:11 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [247]: Die Koalition und Einkindschaft der unähnlichsten Frisuren

Jetzt weiß ich endlich, wieso Dappertutto Dappertutto heißt: weil sein Name mit dem Verb „dappieren“ (= toupieren) zusammenhängt: „das Haar hochkämmen und in Locken drehen“.

Irrtum! „Dappertutto“ ist italienisch und heißt „Überall“.

Auch gut. Hier spielt ja nicht die Gestalt aus dem Giulietta-Akt von Jacques Offenbachs Les contes d'Hoffmann eine Rolle, sondern der Fürst, der die Damen frisieren will, und als dessen Studienobjekt ihm der Kopf der Frau von Bouse dient: die Koalition und Einkindschaft der unähnlichsten Frisuren ist so groß, Dappieren und Auskämmen kommen hintereinander so schnell, oder Aufbauen und Umreißen, dass es nur auf dem Kopfe der Göttin der Wahrheit noch ärger zugehen kann, den die Philosophen frisieren und aufsetzen, oder in ganzen Staatkörpern, an denen die Regenten sich üben.

Und warum das Ganze? Jeder Kammerherr bis auf den Hofdentisten herunter hatte seitdem seine preteuse de tête, um an ihrem Kopfe so viel zu lernen, als er am Kopfe einer schönern preteuse auszuüben hatte.

Hier die „Kopfverleiherin“, dort Beata, die eigentliche Zielscheibe von des Fürsten Coiffinierungssucht – ein Kopf, den er gern in seinen Händen halten will.

An solchen Stellen fällt einem ein, dass das Guillotinieren seinerzeit zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen des kleinen Revolutionärs gehörte. Der Kopf des ersten französischen Fürsten und der französischen Monarchin sollten ein paar Jährchen später in den Sack kullern – aber das ist eine andere Geschichte.

G...e Frisuren! Links das bekannte Schiffchen im Haar, rechts ein wundervolles Porträt der Maria Antoinette, 1769 gemalt von Joseph Ducreux – einem der originellsten Maler der Epoche, der sich selbst einmal als Spötter, ein andermal als Gähnenden porträtierte. Jean Paul, hätte er die Bilder gekannt, wäre vermutlich begeistert gewesen.



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