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31.07.2013, 11:59 Uhr
Alexander Skidan
Text & Debatte
Ende November 2012 reisten die SchriftstellerInnen Dagmar Leupold, Georg M. Oswald, Norbert Niemann, Nina Jäckle und Hans Pleschinski nach Moskau. Aus Russland kamen Alexander Skidan, Alisa Ganieva, Sergej Lebedew und Alexander Ilichewskij im Mai 2013 nach Bayern, wo sie unter anderem zu Gast in den Literaturhäusern München und Oberpfalz waren.

[Moskau-Blog]: Der „Englischer-Garten“-Effekt

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Vier AutorInnen am Fluss: Alexander Skidan, Alexander Ilichewskij, Sergej Lebedew und Alissa Ganijewa (v.l.n.r.)

Woraus konstituiert sich die Wahrnehmung eines Ortes, den man zum ersten Mal besucht? Aus Ablagerungen des kulturellen Gedächtnisses, vage erinnerten Landkarten, zufällig aus dem Reiseführer gefischten Erinnerungen, Assoziationen (freien und weniger freien), flüchtig wahrgenommenen Fotografien, vielleicht auch aus dokumentarischen Berichten, Bildbänden, Büchern, Erzählungen von Bekannten, die vor dir dort waren, aus Filmen, möglicherweise auch Ausstellungsplakaten oder Reproduktionen berühmter Gemälde (wenn es sich um große Zentren der Kultur mit entsprechenden Sammlungen handelt).

Beim Landeanflug, wenn die Wattefetzen rings um das Bullauge des Fliegers weniger werden und sich allmählich die ersten Konturen des Bestimmungsortes abzeichnen, beginnt sich mit abnehmender Flughöhe jene auf dem Grunde des Unbewussten schlummernde Informationswolke zu regen, nimmt neue Eindrücke in sich auf, schwillt an und steigt auf, bis sie – nach einem, zwei, drei Tagen – ganz nah herankommt und endlich mit jener anderen „Wolke“ zusammentrifft, der mit eigenen Augen gesehenen, wirklichen, doch nicht weniger verdächtigen und mosaikhaften „Wirklichkeit“, mit der sie dann eine gemeinsame Gewitterfront bildet. Dann erst, mit dieser Vereinigung, kommt es möglicherweise zu einem Augenblick des Erkennens, wie ein Blitz, welcher der undurchdringlichen Finsternis für Sekundenbruchteile das einzig nötige Bild entreißt.

Für mich vollzog sich diese elektrische Entladung im Englischen Garten, hier manifestierte sich mein Montagepunkt „München“. Als ich diesen Raum betrat, geriet er zunächst leicht ins Wanken und verschwamm, dann drehte er sein Inneres nach außen, zeigte mir sein linksseitiges Rippenmuster, belegte somit, dass es sich nicht um eine Illusion handelte, und setzte sich erst dann exakt und sicher in der Linse meines Auges fest. Alles fügte sich zusammen. Der Wind legte sich, als wäre er gegen die unsichtbaren Kulissen eines mnemonischen Theaters geprallt, nur noch ein paar Sekunden lang war sein Abdruck im plötzlich undurchdringlich gewordenen Laub der Bäume zu erkennen. Einzig das graue, stellenweise merklich geschwärzte Steinmassiv des Hauses der Kunst (vormals Haus der Deutschen Kunst) ließ sich in der Mitte und am Rande jenseits der großen Wiese zwischen den Baumgruppen erahnen. Seine Anwesenheit brachte eine kaum spürbare Verwerfung in die idyllische Landschaft, als hätte sich ihr Schwerpunkt unmerklich zu jenem von hier aus unsichtbaren Säulengang hin verschoben, der das Gebäude auf der Vorder- und Rückseite markiert. Kraftvoll, schwer, fast düster erstreckte es sich dort, auch wenn ich ihm eine gewisse athletische Grazie nicht absprechen konnte. Ich hatte das Gefühl, in Antonionis „Blow up“ geraten zu sein (auch dort spielt sich das Entscheidende – Unerklärliche – in einem Park ab), und erinnerte mich sogleich, vor vielen Jahren in einem Artikel bereits etwas über diesen Film geschrieben zu haben. Damals ging es um die narrative Technik des Autors Walter Abish, aus dessen Feder unter anderem „How German Is It“ und „In the English Garden“ stammen. In russischer Übersetzung ist 2000 ein Sammelband mit Abishs Werken – darunter auch jener Roman und diese Erzählung – erschienen. Als Epigraph zu „In the English Garden“ hatte Abish ein Fragment aus den „Three Poems“ von John Ashbery gewählt: „Rudimente der alten Gräueltaten bestehen fort, doch nunmehr als kunstvolle Verschiebungen der Szenerie, eine Art ‚Englischer-Garten’-Effekt, um die nötige Anmutung der Natürlichkeit, des Pathos und der Hoffnung zu erzeugen.“

Wahrscheinlich wäre es zu dieser „kunstvollen Verschiebung der Szenerie“, diesem Klick, mit dem die Wirklichkeit gleichsam metaphysisch „auszufließen“ beginnt, nie gekommen, hätten wir nicht am Tag nach unserer Ankunft in München, also einige Tage vor meinem durchaus zufälligen Erlebnis im Englischen Garten (den mir Katharina Wenzl, eine in München lebende Freundin, zu zeigen beschloss, nachdem sie mich gefragt hatte, ob ich bereits dort gewesen sei, auch wenn wir eigentlich einen Besuch in der Alten Pinakothek geplant hatten und ich unterwegs noch etwas essen wollte) – hätten wir also nicht zuvor diese geführte Fahrradtour zu den vielen ehemals nationalsozialistischen Stätten im Zentrum der Landeshauptstadt gemacht. Es gibt angenehmere Erfahrungen. Hinter der Glasfassade der Bayerischen Landesbank, die heute an der Stelle des von den Alliierten 1944 mitsamt seinen berüchtigten Folterkellern zerbombten Gestapo-Hauptquartiers steht, befand sich ein Modell des früheren, altehrwürdigen Palais samt einer Fotoausstellung, die die Geschichte des Gebäudes seit seiner Errichtung im Jahre 1868 dokumentierte. Weitere Fotografien fanden sich in der Nähe der einstigen NS-„Ehrentempel“, deren Fundamente noch heute zu sehen sind, gleich neben dem sogenannten „Führerbau“, in dem 1938 das Münchner Abkommen unterzeichnet wurde. Ich machte Aufnahmen von diesen Bildtafeln, dann fotografierte ich den Führerbau, der heute die Münchner Musikhochschule beherbergt, sowohl von außen als auch von innen. Dasselbe tat ich im Institut für Kunstgeschichte gleich gegenüber, in dem sich das Museum für Abgüsse Plastischer Bildwerke befindet, unter anderem mit der farbig bemalten Kopie eines griechischen Tempels, den ich ebenfalls ablichtete. Danach tranken wir Kaffee im Innenhof der Glyptothek und beschlossen unsere Rundfahrt mit einem Besuch der Universität, wo ich weitere Schnappschüsse machte.

Auch in Abishs Texten spielen Fotografien sowie verschiedene Arten von Abbildungen und Spiegelungen der Wirklichkeit eine zentrale Rolle. Reproduktionen, Bilder, Bemalungen, Vitrinen – manchmal sind sie Indizien, Dokumente, Zeugnisse, doch meist stehen sie für ein Fragezeichen, eine Figur des Verschweigens, ein unlösbares Rätsel von Ereignissen, die aus der unterkühlten, distanzierten Perspektive des Beobachters geschildert werden, den offenbar nur eines zu interessieren scheint: die erschöpfende, penible Genauigkeit seiner Narration. Doch ist es gerade diese Genauigkeit, die – ähnlich wie die Filmvergrößerung bei Antonioni – sich als unheilvolles Kräuseln an der Oberfläche einer unergründlichen Tiefe herausstellt, verlockend, furchteinflößend und schwindelerregend. Warum etwa heißt die Erzählung eigentlich „In the English Garden“? In der fiktiven Stadt Brumholdstein, die nach dem großen Philosophen Brumhold (ein leicht zu durchschauendes Kryptonym für Heidegger) benannt ist, gibt es keinen Park dieses Namens. Dafür erfahren wir, dass sie an der Stelle des ehemaligen Konzentrationslagers Durst errichtet wurde. Das Fehlen jeglicher Erklärung weckt beim Leser den Verdacht, dass der Erzähler selbst dieses „Leck“ in der Wirklichkeit erzeugt hat. Genauer scheint es sich um eine Art Lakune in der Sprache zu handeln: Zwar versteht der Erzähler mit der Sprache meisterhaft umzugehen, doch birgt diese in sich einen kaum merklichen Fehler – einen Mangel an Sinn. Trotz einer Überfülle an präzisen Angaben gibt es keine Garantie des Verstehens – nicht einmal im Nachhinein, post factum.

Mit der jungen Bibliothekarin Ingeborg Platt hat der Erzähler in der Folge eine Liebesbeziehung. Letzterer ist übrigens ein amerikanischer Schriftsteller, der nach Brumholdstein gekommen ist, um mit einem Kollegen namens Wilhelm Aus (dessen Initialen zufällig denen des Autors entsprechen) ein Interview zu führen. Plötzlich verschwindet die junge Frau. Erst später, post factum, erfahren wir, dass ihr Vater während des Krieges SS-Offizier war. Es vergehen einige Tage, dann dringen die beiden Schriftsteller in Ingeborgs Haus ein und unterziehen es einer Art inoffizieller „Durchsuchung“:

In ihrer Tischschublade fand ich ein Foto, das einige bis auf die Knochen abgemagerte Menschen zeigte. Offenbar hatten sie sich für den Fotografen eigens in einer Reihe aufgestellt. Wilhelm betrachtete die Aufnahme eingehend. Das Gebäude im Hintergrund war eine der Baracken des ehemaligen KZ Durst. Die Leute lächelten schwach. Um nicht umzufallen, hatten sie sich gegeneinander gelehnt. Mit der Lupe konnte ich deutlich die auf ihren Armen eintätowierten Häftlingsnummern erkennen.

Wahrscheinlich war dieses Bild ein oder zwei Tage nach der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner aufgenommen worden. Als Wilhelm begann, das Foto gründlich und ohne Hast in kleine Stückchen zu zerreißen, machte ich nicht den geringsten Versuch, ihn daran zu hindern. Ich rührte nicht einen Finger, während er die Spuren der Vergangenheit auslöschte.

Antonionis „Blow up“ endet mit einer berühmten Szene: einem imaginierten Tennisspiel. Ob der Verweis auf diesen Film oder das oben genannte Zitat den „Englischer-Garten“-Effekt wirklich erklären können, weiß ich nicht. Mir genügt es, dass ich ihn überlebt habe, diesen Stromstoß, diesen plötzlichen, schwindelerregenden Augenblick des Erkennens, dieses leichte, beinahe körperliche Unwohlsein, das du empfindest, wenn du jenen eingebildeten Ball fängst, den man dir übers Netz zugeworfen hat.

Aus dem Russischen von David Drevs.