Info
27.06.2013, 12:47 Uhr
Sergej Lebedew
Text & Debatte
Ende November 2012 reisten die SchriftstellerInnen Dagmar Leupold, Georg M. Oswald, Norbert Niemann, Nina Jäckle und Hans Pleschinski nach Moskau. Aus Russland kamen Alexander Skidan, Alisa Ganieva, Sergej Lebedew und Alexander Ilichewskij im Mai 2013 nach Bayern, wo sie unter anderem zu Gast in den Literaturhäusern München und Oberpfalz waren.

[Moskau-Blog]: M–M, München–Moskau: Wovon könnte eine Stadt der anderen erzählen?

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/statuen_500.jpg
Moskauer SchriftstellerInnen in Bayern: Sergej Lebedew, Alissa Ganijewa, Alexander Skidan und Alexander Ilichewskij (v.l.n.r.)

Wenn ich in München darüber nachdenke, was derzeit in Moskau und in Russland geschieht, muss ich an Wilhelm Eduard („Willi“) Schmid denken, den Musikkritiker und Dichter, sein Leben und vor allem – seinen Tod. Ich weiß nicht, wie wahrhaftig meine russischen Quellen über ihn berichten, aber selbst wenn diese Geschichte nicht ganz den Tatsachen entspricht oder sogar reine Fiktion ist, so enthält sie doch eine andere Wahrheit: die eines historischen Gleichnisses.

Erinnern wir uns zunächst daran, was geschah: In der „Nacht der langen Messer“ – jener auch als Röhm-Putsch bekannten nationalsozialistischen Säuberungsaktion vom Juni 1934 – erging unter anderem der Befehl, den Arzt Dr. Ludwig Schmitt, der mit Otto Strasser sympathisiert hatte, zu verhaften.

Anstelle des Gesuchten nahm das SS-Kommando jedoch Willi Schmid fest, der in der Nachbarschaft wohnte. Dass die Namen der beiden unterschiedlich geschrieben werden, und dass sie verschiedene Berufe hatten, half nichts: Einige Tage später wurde Schmids Witwe ein Metallsarg zugestellt mit dem Verbot, diesen zu öffnen.

… Du lebst dein eigenes Leben. Du verfasst Texte. Du bist niemandes Namensvetter, kein Duplikat, kein leeres Schattenbild. Wie mühsam ist es, den Namen eines Berühmteren zu tragen und jedes Mal wiederholen zu müssen: Nein, der bin ich nicht und auch kein Verwandter.

Du bist du selbst, dein eigener Schöpfer. Du machst dir einen Namen, arbeitest an deiner eigenen, inneren Biografie. Doch du weißt nicht, kannst nicht ahnen, dass eines Tages, am Wendepunkt der Epochen, die Geschichte deinen Namen mit dem eines Menschen reimen wird, der nichts mit dir zu tun hat, den du wahrscheinlich nicht einmal kennst – und dass dieser Reim dich töten wird.

… Hättest du doch von jenem zufälligen Unbekannten gewusst, ihn dir vorstellen können! Vielleicht hieltet ihr beide mit einem Abstand von nur einer halben Stunde denselben Haltegriff in der Straßenbahn, vielleicht stellt die Bedienung dir heute dieselbe Kaffeetasse hin, aus der er gestern trank, und der Schneider nähte euch die Hosen mit derselben Nadel. Alles habt ihr gemein: Uferwege, Straßenpflaster, Bierstuben, Kindheitserinnerungen teilen sich denselben Raum. Womöglich ist er sogar der einzige Bewohner dieser Stadt, den du in all den Jahrzehnten deines hiesigen Lebens niemals getroffen hast, stets trennte euch ein Spalt von einer Sekunde, einer Minute – die Nicht-Begegnung, die die Welt zusammenhält, schließlich können sich nicht alle mit allen treffen.

Uns scheint es, als lebten andere Menschen in unserer Stadt, in der Stadt, die wir sehen und fühlen, an die wir uns erinnern. Mit wahrhaft fürstlichem Großmut gestatten wir es ihnen, durch die Alleen unserer Jugend, die Gassen unserer Gefühle zu spazieren, wir entrüsten uns, wenn gewisse Personen dadurch, dass sie bestimmte Dinge in unserer Stadt tun, uns diese wegnehmen – zum Beispiel wenn sie sich unhöflich benehmen oder Demonstrationen veranstalten, deren Parolen uns unangenehm oder verhasst sind oder uns mit Widerwillen oder Angst erfüllen.

Dabei bleibt die Stadt ja trotzdem unsere Stadt, die anderen sind darin nicht mehr als Statisten in einem langen lyrischen Poem, Herolde ihrer Eigenheiten, Träger ihrer geheimen Zeichen.

Du dagegen betrachtest dich längst als Teil dieser Stadt, bist mit ihr durch Tausende Fäden verbunden, und wenn du „mein München“ sagst, meinst du eigentlich einen Teil von dir selbst. Ach hättest du im Jahre 1930 oder 1931 doch einen Blick ins Bewusstsein dieses Unbekannten werfen können!

Hättest du gesehen und gespürt, in welchem München dieser Mensch lebte, du wärest zurückgeschreckt, hättest geglaubt, du seiest in der Hölle! Du hättest deine Stadt schlicht nicht wieder erkannt in all dem Hass und der Bosheit. Häuser, Straßen, Laternen, Passanten – all das wäre in ein prähistorisches Zwielicht getaucht gewesen von der Farbe staubigen Kalksteins.

Und wie ein Stich ins Herz hätte dich die Erkenntnis getroffen, dass schon bald nicht mehr er in deiner Stadt leben würde, sondern du in seiner.

Wie geht das vor sich, wo ist dieser Punkt, ab dem die historische Blindheit aufhört und wir zu sehen beginnen, worauf alles hinausläuft?

Gestern hat das russische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das öffentliche Propaganda für gleichgeschlechtliche Partnerschaften verbietet. Um eine kleine Schar protestierender Gesetzesgegner hatte sich eine Menge von Schaulustigen gebildet, aus der laut Zeitungsberichten der Ruf ertönte: Nach Auschwitz mit ihnen!

Die Polizei verhaftete nur die Demonstranten.

Das ist unvorstellbar – und doch die Wirklichkeit.

Es begann alles mit der Sowjetnostalgie, die vor etwa einem Jahrzehnt aufkam. Der Politik kamen die Ideen abhanden, sentimentale Stimmungen gewannen die Oberhand. Das Land kniff vor den historischen Herausforderungen, es versteckte sich in der Vergangenheit, jener Zeit, als man uns noch Respekt zollte und Sahneeis an der Straßenecke noch achtundvierzig Kopeken kostete.

Die Gegenwart galt zunehmend als „verdorben“, frühere Epochen dagegen als geprägt von festen und klaren Werten. Zunächst sehnte man sich einfach nach diesen „Werten“ zurück, doch dann wurde diese Nostalgie plötzlich pädagogisch. Auf politische Sentimentalitäten und das nebulöse Gefasel von der notwendigen Rückkehr zu den Ursprüngen, womit ein großzügiger Mix aus sowjetischen und russischen Traditionen gemeint war, folgte das moralische Diktat des Staates, die Jagd auf NGOs mit ausländischer Finanzierung, die auf einmal zu „ausländischen Agenten“ erklärt wurden, sowie eine allgemein antiintellektuelle Atmosphäre.

Auf die unschuldige, dem Geiste nach provinzielle Behauptung, Russland habe sich zu sehr fremden Einflüssen unterworfen, folgte die unerbittliche Rhetorik der Gerichtsurteile gegen Oppositionelle. Auf die volkstümliche Antipathie gegen „die anderen“ – das Recht des Pogromverbrechers.

Prähistorisches Zwielicht, die Farbe wie Kalkstein.

Früher lebten diese Menschen, die „Nach Auschwitz mit ihnen!“ schrien, in meiner Stadt. Heute lebe ich in ihrer.

Und es ist wohl an der Zeit genau hinzuhorchen: Auf wessen Nachnamen reimt sich deiner?

[Aus dem Russischen von David Drevs]