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26.02.2013, 14:03 Uhr
Verena Nolte
Text & Debatte

Zum dritten Todestag der Fotografin Barbara Niggl Radloff

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Der unvergleichliche Blick von Barbara Niggl Radloff

Heute vor drei Jahren starb die Fotografin Barbara Niggl Radloff. Sie hinterließ ein umfangreiches fotografisches Werk, das bis heute nur in Teilen bekannt wurde.

Unvergleichlich sind ihre Portraits. Man braucht nur eines davon gesehen zu haben, um ihre fotografische Handschrift wiederzuerkennen. Diese Fotografin sah die Menschen umfassender, als sie sich selbst zu sehen vermochten und strafte Spiegelbilder Lügen. Barbara Niggl Radloff begriff sehr schnell, wo ihre Modelle, zumeist Künstler und Schriftsteller, verletzbar waren, und verstand sie zu schützen. Unmerklich inszenierte sie sie wohl für ihre Kamera, um zu zeigen, was sie sah.

Barbara Niggl Radloff stellte aber nie jemanden bloß, wenn sie fotografierte. Sie schaffte ihren Modellen eine Umgebung, die sie selbst nicht sahen, da ihre Wahrnehmung auf die Kamera oder die Direktiven der Fotografin gerichtet waren, der sie sich anheim gaben. Daher oftmals das Staunen, wenn die Fotografierten ihre Portraits vorgelegt bekamen. Sie mussten sich erst mit diesen vertraut machen, eine neue Sichtweise auf sich selbst lernen. Hier wurde etwas getroffen, was sie nicht wussten oder nur unterbewusst ahnten. Diese Fotografin zeigte mehr von ihnen oder eine verdeckte, ganz andere Seite als ein gewöhnliches Abbild es vermochte.

Von 1986 bis 2003 begleitete Barbara Niggl Radloff die wechselnden Bewohner der Villa Waldberta in Feldafing. Besonders in den Jahren, wo dieses Künstlerhaus nur von München her verwaltet wurde, war ihre Gegenwart in der oft großen Einsamkeit der Villa für die Fremdlinge willkommene Abwechslung. Der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertesz schrieb darüber in seinem Buch Ich - ein anderer. So entstand über die Jahre in einer alltäglichen Beiläufigkeit ein großes Werk, das in seinem Umfang und seiner Einzigartigkeit erst noch sichtbar gemacht werden muss. Verschiedene Ausstellungen in der Villa Waldberta, unterstützt vom Kunst- und Museumsverein Feldafing, haben noch zu Lebzeiten der Fotografin damit begonnen. Ihre Münchner Galerie stellte in weiteren Ausstellungen frühere Portraits den späteren gegenüber. Es gab Wanderausstellungen, die das Goethe-Institut oder das Kulturreferat um die Welt schickte. Auch eine postume Ausstellung in Wasserburg erinnerte an Barbara Niggl Radloff. Doch erst wenn ihr fotografischer Nachlass, der im Moment bei ihrer Familie aufbewahrt ist, erschlossen sein und in Ausstellungen präsentiert wird, kann eine neue Rezeption einsetzen, die dieser großen Fotografin gerecht wird. [Anm. der Red., 24.05.2017: Der Nachlass befindet sich inzwischen in der Sammlung Fotografie (früher Fotomuseum) im Münchner Stadtmuseum, ein Konvolut mit 190 Fotos im Literaturarchiv der Monacensia.]