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15.10.2018, 15:26 Uhr
Thomas Lang
Text & Debatte
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© Panagiotis Gavriiloglou

Thomas Lang über Karl Ove Knausgård und die Jagd nach dem Authentischen

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Thomas Lang lebt in München. Seit 2002 veröffentlicht er Prosa und erhielt u.a. den Ingeborg-Bachmann-Preis für einen Auszug aus dem Roman Am Seil. Von September 2016 bis September 2017 schrieb Thomas Lang unter dem Titel Der gefundene Tod einen interaktiven Roman im Internet. Das Literaturportal Bayern war an diesem Experiment kooperierend beteilgt. In seinem jüngsten Roman Immer nach Hause (Berlin Verlag, 2016) beschäftigt sich Lang mit dem Leben des jungen Hermann Hesse; Fragen nach der Authentizität sind auch hier schon zentral.

Wie authentisch aber kann das Schreiben einer Lebensgeschichte überhaupt sein? Lebensgeschichte und Fiktion – gegensätzlich oder gar untrennbar miteinander verbunden? Im Spannungsfeld von (Auto-)Biographie, Fiktion und Authentizität bewegt sich auch das bahnbrechende sechsteilige Romanwerk Min kamp (Mein Kampf) des norwegischen Autors Karl Ove Knåusgard, auf das Thomas Lang in diesem Beitrag einen analytischen Blick wirft.

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„Radikal autobiografisch“ nannte Georg Klein seinen als leicht lynchesk wahrgenommenen Roman unserer Kindheit. Das war nicht ohne Ironie. Wir schrieben das Jahr 2010, man kannte noch David Lynch und musste ein Adjektiv nur im Ausnahmefall erklären. Seitdem ist viel passiert, noch mehr wurde gefaket. Die Dinge kommen ins Rutschen, kaum wahrnehmbar, irgendwann nehmen sie Fahrt auf, am Ende geht es ganz schnell. Wumms liegt eine ganze Erzähltradition über dem Haufen.

 

 

 

Noch Ende der 1980er-Jahre ließ der Romanist Raimund Theis sich über die autobiografische Prosa von André Gide aus: „Indem das Kunstwerk auf den Schöpfer zurückwirkt, wird es bei bewußter Handhabung zu einem Mittel der Selbstbestimmung und Selbstfestlegung. An dieser Funktion hat nicht das vorliterarische Tagebuch, wohl aber die Autobiographie teil.“ Gide, so schrieb Theis in seinem Vorwort zum ersten Band der Gesammelten Werke, befreie „das Ich aus der gegenständlichen Verdinglichung“ und versuche es zu begreifen „als dialektische Bewegung, als Prozeß. In diesem Zugriff verwandelt sich die unmögliche »sincerité« zur möglichen »sincerité reversée», die zu leicht befundene, simple Aufrichtigkeit zur umgekehrten.“

So etwas würde man heute schon bei der Niederschrift nicht mehr kapieren, keine Angst also, es soll hier nicht kompliziert werden. Wir entnehmen dem mal, dass es ein Konzept des „Vorliterarischen“ gab, dass Literatur Gestaltung bedeutete, während sie heute scheinbar je ungestalter, desto erfolgreicher daherkommt. Und André Gide? Aber den googeln Sie jetzt bitte mal selbst.

 

 

 

Wir lieben es heute direkter, je näher am Leben, desto besser. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte die Jagd nach dem Authentischen in Karl Ove Knausgårds autobiografischem Romanwerk Min kamp – auf Deutsch sind die sechs Bände ohne den Obertitel als Sterben, Lieben, Spielen, Leben, Träumen, Kämpfen erschienen. So griffige Titel! Halten Sie mal Widerfahrnis (Bodo Kirchhoff) dagegen oder neuerdings Verwirrnis (Christoph Hein) – das schaffen selbst Germanisten nicht mehr ohne Grimmsche Wörterbuchnis.

Genauso ist es mit dem richtigen Leben. Das verstehen wir, da kennen wir uns aus, das wollen wir lesen. Nieder mit den gedrechselten Dramaturgien, dem kunstsinnigen Klönen, der zölibatären Zuspitzung!

 

 

 

Knausgård hat nicht mal die Namen geändert. Glaubt man dem sechsten Band, so suchten die Journalisten Kontakt mit real existierenden Romanfiguren und transferierten die Auseinandersetzung mit diesem Kunstprodukt vom Ästhetischen ins Gesellschaftliche – in den Bereich der Klatschpresse. Der Umgang mit den Figuren wird für den Leser schwieriger, denn ihre Wahrhaftigkeit lässt sich rein literarisch nicht mehr beurteilen.

Den Begriff der Authentizität verwendet der norwegische Autor im gesamten Romanwerk rund vierzigmal. Dabei verwendet er ihn im alltagssprachlichen Sinn von echt, wahr – „... das Erzählte ist geschehen, wenn auch nicht bis ins kleinste Detail.“ Auf der anderen Seite lässt er in Sterben jemanden äußern, das Authentische existiere nicht für sich, vielmehr entstehe es beim Rezipienten, es sei also eine Frage der Form.

 

 

 

Entgegen Knausgårds eigener Aussage scheint mir die wichtigste Stilvorgabe für Min kamp zu sein, dass es authentisch wirkt. Zum Beispiel: „Ich stand auf, ging aufs Klo, um zu pinkeln. Der Urin war hell, beinahe ganz blank, und ich dachte an die Pisse meines Vaters ... Dunkelgelb, beinah braun hatte sie ausgesehen.“

Dass Szenen aus der Vergangenheit nicht in dieser Detailfülle im Gedächtnis eines Menschen aufgehoben sein können, ist eine Banalität, und Knausgård macht auch keinen Hehl daraus: „Die Geschichte über mich ... habe ich erzählt. Ich habe übertrieben, ich habe ausgeschmückt, ich habe weggelassen, und vieles habe ich nicht verstanden."

Das Beharren des Erzählers auf dem „Es war so“ muss also verstanden werden als Teil eines künstlerischen Konzepts. Es findet statt, was Christian Klein in seiner Abhandlung über Kultbücher als doppelten Authentizitätseffekt darstellt: „Der Leser meint (1) authentische Rede vorzufinden, die (2) authentische Erlebnisse im doppelten Sinn präsentiert, weil sie (a) als tatsächliche Erlebnisse des Autors wahrgenommen werden und (b) eigene existenzielle Erfahrungen der Leser zu thematisieren scheinen.“

 

 

 

Neulich war ich bei der Eröffnung der Münchener Filmkunstwochen. Totgesagte leben länger, in diesem Fall das so genannte Arthouse-Kino, zu dem wir früher noch Autorenfilm sagten. (Wirkt das authentisch?)

Niemand soll behaupten, dass Totgesagte keiner Mode folgten. Ich sah den neuen Gus van Sant-Film. Im Abspann gab es eine Entschuldigung: Die Filmstory sei zwar dicht am Leben gebaut, gewisse Verläufe seien aber aus dramaturgischen Gründen zugespitzt oder erfunden worden. Ungefähr so stand es da. Erinnern Sie sich noch, was dagegen früher, vor 2010, in Abspännen so beliebt war? Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen seien rein zufällig. Ich glaube, die Bedeutung war in etwa die gleiche: Hier kriegen Sie keinen Bären aufgebunden.

 

 

 

So neu ist das Gewese um Authentizität nämlich nicht. Der oben zitierte Klein nennt als (je für ihre Lesergeneration) besonders authentisch wirkende Bücher etwa Goethes Werther, Hesses Demian, Salingers Fänger im Roggen.

Das Problem steckt eigentlich im Nicht-Authentischen. Eine bestimmte Art des literarischen Erzählens, Erfindens, Verdichtens hat meines Erachtens ausgedient oder sagen wir, etwas vorsichtiger: ist teilweise ermüdet. Wir ahnen die Glückswechsel darin voraus, die Konstellationen, den erzählerischen Bogen. Diese Art Literatur hat es zunehmend schwer, sie muss sich neu erfinden. Selektion, Verdichtung, Dehnung von Abläufen, Stilisierungen finden sich auch in Min kamp. Die Dichtung hat nicht einfach aufgehört. Sie wechselt nur ihr Kleid.

 


Externe Links:

Homepage von Thomas Lang

Karl Ove Knåusgard

Bücher von Karl Ove Knåusgard

 


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