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14.01.2013, 12:50 Uhr
Nina Jäckle
Text & Debatte
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Ende November reisten die SchriftstellerInnen Dagmar Leupold, Georg M. Oswald, Norbert Niemann, Nina Jäckle und Hans Pleschinski nach Moskau. Aus Russland kommen Alexander Skidan, Alisa Ganieva, Natalja Kljutscharjowa, Andrej Gelassimow und Alexander Ilichewskij im Mai 2013 nach Bayern, wo sie unter anderem zu Gast in den Literaturhäusern München und Oberpfalz sein werden.

[Moskau-Blog]: In der Zeitverschiebung

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Nina Jäckle vor dem Auferstehungstor. Iberische Pforte in Moskau

Die Handschriften
In den Gängen der Metro ist die kyrillische Schrift Höhlenmalerei. An den Zwiebeltürmen ist sie Tausendundeinenacht. In den Speisekarten ist sie Abenteuer. Im Reisepass ist sie ohne Metapher. Auf den Schildern der Bettler ist sie von echter Hand geschrieben.

 

Das Matroschkasystem
Eo, Tamaras Mutter, hatte edle russische Wurzeln. Tamara war die Mutter meiner Mutter. Tamara also hatte bereits weniger russische Wurzeln als ihre Mutter Eo, aber immerhin noch mehr davon als ihre Tochter Renata dann, die meine Mutter ist und die bereits nur mehr erzählte russische Wurzeln hat, von denen sie selbst wiederum mir, ihrer Tochter, kaum etwas erzählt. Ich bin die letzte Puppe der Puppen, jene massive Puppe im Bauch der Puppe im Bauch der Puppe im Bauch der Puppe, die keine Puppe birgt.

 

Die Puffreithose
Ein Foto auf dicker, vergilbter Pappe gibt es von Eo, da war sie ein recht junges Ding, wie es stets an Ostern erzählt wurde. Das Foto kreiste am Ostertisch um das Quarkwunderwerk Pascha, jeder von uns sah das Foto kurz nur an und einer, meist Onkelchen, sagte dann, stellvertretend für uns alle ach, unsre gute Eo als recht junges Ding mit ihrem Russen. Auf dem Foto saß im Damensattel eine Frau. Und ein Mann in Puffreithose stand am Rand und hielt das Pferd am langen Zügel. Jener Puffreithosenmann war es, der Ihr Russe genannt wurde, nicht etwa das schwarze Pferd, wie ich als Kind es mir dachte. Mit diesem Foto verbinde ich weniger unsere Eo, die weißhaarige Frau oben im Bett, fast blind, fast taub, fast stumm, vielmehr jedoch die Oster-Pascha in der Mitte des Tisches, die Tamara tagelang in Küchentuch-Wirbeleien und Entsaftungs-Ruhephasen vorbereitet hatte, ein steinernes, bleiches Gebilde aus entwässertem Quark in Putzeimerform, mit stets zu wenig kandierten Früchten darin. Die besonders süßen, halbierten Kirschen waren so rar in diesem riesigen Eiweißberg, dass jede von ihnen ein Hauptgewinn war. Wer als erster eine dieser halbierten Kandiskirschen in seinem Schälchen fand, wurde der Zar, bis die nächste Zufallskirsche einen nächsten Zufallszaren auserkor. Tamara stürzt jetzt die Pascha, hieß es feierlich, und alle kamen zum Tisch, und dann wurde der Wodka und das Puffreithosenfoto geholt, meist vom Onkelchen.

 

Der Riesenrussenring
Während Tamara diese hübschen Piroggen machte, ein diffiziles Blätterteig-Origami mit verschmitzter Füllung, setzte sie ihren Ring ab, ein rotgoldener Ring mit einem übergroßen, grünen Stein. Das war der Riesenrussenring. Das Steinchen ist nicht etwa maßlos groß und unfein, es braucht diese Größe, wegen der Giftkapsel, die es zu verbergen gilt, aber das ist nichts für Kinder, es ist ein Geheimnis, sagte Tamara, und einmal, sie brachte mich zu Bett, da sagte sie mir, sie habe am Ende nichts zu befürchten, hätte am Ende nie etwas zu befürchten gehabt, und Tamara spielte, während sie das sagte, selbstvergessen mit dem Ring an ihrem Finger. Sehr oft gab es mehrere Kuchenbleche voll Piroggen, eigentlich hießen sie Piröggchen und ich hieß Ninotschka. Ich liebte dieses Tamara-Otschka, eine Liebes-Endung, das konnte ich hören, da gab es keinen Zweifel, Tamaras kleine Ninotschka, das war ich, nur ich allein.

 

Das Individuumchen
Kleiner als in Moskau fühlte ich mich nie. An keinem Ort kam mir mein Otschka so treffend vor, hier kann man das Otschka gut gebrauchen, sagte ich zu der Piroggen-Verkäuferin in einem der langen Gänge unter einer der achtspurigsten Straßen der Welt. Die Verkäuferin machte mich nicht darauf aufmerksam, dass sie mich nicht verstand, wohl, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass wir vergeblich nach Verständigung ringen würden. Sie ließ mich reden, während sie Besteck sortierte. Zwölf Millionen Otschkas und Otschkos, ein Individuumchen wird man hier, Individunotschkachen, sagte ich und zeigte mit dem Finger auf Teig, die Verkäuferin reichte mir stumm den Teller. Und dann lachte ich, als ich die erste Moskauer Pirogge aß, ein unverschnörkelter, kleiner Hefeteigsack, wenig verschmitzt, deftig die Füllung, ich wusste nicht woraus, auch die Farbe der Füllung war mir unbekannt. Sie wissen hier ja gar nicht, wie Piröggchen geht, lachte ich, und während ich nach kurzer Zeit bereits die vierte Unvergessliche gegessen hatte, war ich selbst der Gegenstand meines Lachens.

 

Der Kartengruß
Es ist hier wirklich so: der Russe hält in Puffreithosen Damenpferde, überall erstarrter Zufallszaren-Quark, und der letzte Schrei sind Giftkapseln, aber dies alles ist geheim, nastrovje, schrieb ich auf die Postkarte, rückseitig war Rusts roter Platz zu sehen, und ja, ich weiß, nur aus meiner Sicht ist's der vom Flieger Rust.