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08.01.2013, 15:06 Uhr
Dagmar Leupold
Text & Debatte
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Ende November reisten die SchriftstellerInnen Dagmar Leupold, Georg M. Oswald, Norbert Niemann, Nina Jäckle und Hans Pleschinski nach Moskau. Aus Russland kommen Alexander Skidan, Alisa Ganieva, Natalja Kljutscharjowa, Andrej Gelassimow und Alexander Ilichewskij im Mai 2013 nach Bayern, wo sie unter anderem zu Gast in den Literaturhäusern München und Oberpfalz sein werden.

[Moskau-Blog]: Erste und zweite Eindrücke

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Abendliche Runde, von links im Uhrzeigersinn: Dagmar Leupold, Nina Jäckle, Sergej Simonow vom Goethe-Institut Moskau, Georg M. Oswald, Alexander Skidan, Kuratorin Christine Hamel, Hans Pleschinski und Norbert Niemann

Erste Eindrücke: Diese Stadt vergibt an ihre Bewohner und Besucher lediglich Nebenrollen und hat einen entsprechend gewaltigen Verschleiß an Statisten. (Die nur im Plural etwas hermachen.) Die Hauptrollen dagegen gehen an die Verkehrsströme – rasend, stockend – die Achsen, Kreuzungen, Monumente und Bauwerke. Hinter dem  putzwasserfarbenen  Einheitston von Himmel, Fassaden und Luft steckt ein einziger mächtiger Regisseur. Für Halbdunkel sorgt er auch durch die getönten Scheiben der Busse und Marschrutkas sowie – von außen – durch hoch spritzenden Schneematsch im selben Farbton. Der optischen Undurchdringlichkeit entspricht eine Unfassbarkeit der morphologischen Gestalt und Ausdehnung dieser Stadt, die in unserer Gruppe hartnäckig „Moloch“ genannt wurde – dabei bezeichnet Moloch in der Mythologie nicht etwa den grausamen, alles verschlingenden Machthaber, sondern das dargebrachte Opfer selbst. Aber vielleicht ist ja diese irrtümliche Überlieferung mitsamt ihrer Gleichsetzung von Opferer und Geopfertem kein schlechtes Bild für das Zehrende, Selbstverzehrende dieser Stadt.

Als meine Kinder klein waren, verkürzten sie sich bei Autofahrten die Zeit mit dem Zählen von Pick-ups. Wenn sie sich in Moskau Geländewagen – SUVs – vorgenommen hätten, wären sie mit dem Zählen gar nicht mehr nachgekommen. Alles was Rang und Namen (zumeist deutsche) und Pferdestärken zu bieten hat ist auf 6- und 8-spurigen Trassen unterwegs, während die Fußgänger in unterirdischen Tunneln die Straßen unterqueren. In den Tunneln duckt sich ein Kiosk am nächsten (verkauft wird alles), darin kauern sich dick gegen die Kälte und die Zumutungen der Lichtarmut vermummte Verkäufer, zu denen sich wiederum die Käufer durch winzige Luken hinabbeugen. Aufrecht dagegen steht man auf den Treppen zur Metro, die einen acht lange Minuten hinab befördern in die kronleuchtergeschmückten Hallen, deren Pracht erst verwirrt, dann einleuchtet: Hier wird Mobilität gefeiert, hier zelebrieren sich die energetischen Ströme, die die kollektive Arbeitskraft unterirdisch dirigieren und ihren Zielen zuführen.

 

Autorentreffen: 27.11.

Erste Eindrücke: Sehr formell, alle russischen Autoren siezen sich untereinander. Kein Mißtrauen ist zu spüren, aber ein gewisser Mangel an Neugier. Die Sitzordnung spiegelt das wider; russisch einerseits, deutsch andererseits, dazwischen die Dolmetscher, die bravourös noch die krausesten Gedanken in fließendes Russisch bzw. Deutsch übertragen. Das Vorglühen dauert, ein, zwei Fehlzündungen gibt es auch. Die Russen antworten gern in Geschichten, in Anekdoten oder Sentenzen, die Deutschen fragen sehr konkret. Letztere legen die russische Strategie als Ausweichmanöver aus, erstere finden die deutsche Art grob und phantasielos. Scheint mir. Genau weiß ich es nicht, ich schließe zu keinem Zeitpunkt aus, dass ich mit meinen Einschätzungen hoffnungslos falsch liege. Das ist ein gutes Gefühl. Nichts steht fest, nur so kann etwas losgehen.

 

Die Stadt

Zweite Eindrücke: Meine Reiselektüre ist – rein zufällig – Marlen Haushofers Die Wand. Erst denke ich: Dystopien hier wie dort, im Buch und, sobald ich das Hotelzimmer verlasse, befinde ich mich inmitten einer weiteren. Aber so einfach ist es nicht; beim ersten ausführlicheren Spaziergang – sofern man einen bei Eisregen und Nordostwind unternommenen anderthalbstündigen Fußmarsch auf verschneiten und abenteuerlich glatten Untergrund so nennen kann – zeigt sich die Stadt anders. Die Häuser niedriger, die Straßen überquerbar, immer wieder festlich herausgeputzte Kirchen und Kirchlein, ein Markt, Fußgänger, die weder rempeln noch, bei Nachfragen, mit den Achseln zucken. Nur in die Irre schicken die hilfreichen Auskunftgeber uns, aus Übereifer, aus einem plötzlich erwachten Wunsch heraus, den Ort, den wir suchen, im eigenen Redestrom selbst zu finden. Immerhin sind wir bei unserer Ankunft im georgischen Restaurant hungrig und sehen mit den kleinen gefrorenen Eiszäpfchen an Augenbrauen und Haarsträhnen angemessen vorweihnachtlich aus.

 

Autorentreffen: 28.11.

Zweite Eindrücke:  Wir sind fahrbereit. Aufbruch in die Texte. Es entstehen großartige Gespräche, Selbstauskünfte, ästhetische Modelle werden diskutiert, verglichen, gute Kontroversen. Die Unterschiede sind groß, in den Stoffen, Inhalten und formalen Herangehensweisen, auch in der Bereitschaft zu theoretisieren. Aber es gibt eine Übereinstimmung in der Widmung an die Sache der Literatur und in der geteilten Überzeugung,  dass die durch sie errichteten Erfahrungsräume begehbar sind, ohne Visum.

 

Wir haben gehobelt, und es fielen Späne, gottlob. Bis München.