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Die rosafarbene Hülle des Krieges

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Der „Ostexport“ am Start – vor dem Siegestor in der Münchner Leopoldstraße. Bild: Lorenz Kloska

Im Arena Kino in München fand die Auftaktveranstaltung der zweiten „Brücke aus Papier“ statt. Uraufgeführt wurde der Film Ostexport – unterwegs mit dem Exportweltmeister von München nach Kiew, mit dem der Künstler Christian Schnurer auf die Ikonographie des Krieges in Europa hinweisen will.

Der Trabant war noch ein Auto mit menschlichem Maßstab. Nicht nur von seiner Größe her, die wahrscheinlich exakt darauf abgestimmt war, eine sozialistische Kleinfamilie in sich aufnehmen zu können – nein, auch von seinem Fahrverhalten her war der Trabi wie ein organisches Wesen. Sein Zweitaktmotorherz schlug deutlich kräftiger, wenn es bergauf ging, und gab dabei unter heftigem Ausstoß von Kohlenmonoxiddunst durch den Hinterausgang ein kräftiges „nääää-nä-nä-nä“ von sich, das auf ganz wunderbare Weise noch aus dem mechanischen Zeitalter zu stammen schien.

Diese nostalgische Liebe zum fast-noch-organisch Mechanischen muss – neben dem sozialistischen Charakter des Kleinfahrzeugs – den bildenden Künstler Christian Schnurer veranlasst haben, im Herbst 2015 seine Reise zur „Mutter-Heimat“-Statue nach Kiew in einem papierblassen Trabant zurückzulegen, in dem ein sicher längst ernüchterter Fan der deutschen Einheit sein Deutschlandfähnchen hat liegen lassen. Ein weiteres „objet trouvé“ ist auch der alte raketenförmige Abwurftank eines sowjetischen Militärflugzeugs, den Schnurer in bonbonrosa Folie verpackt und auf dem Dach seines Trabants vertäut hat, bevor er über Österreich, die Slowakei und Ungarn in die Ukraine fuhr und sich bei der grenzüberschreitenden Kunstaktion von Regisseur Lorenz Kloska filmen ließ. Die rosa Verpackung sieht nicht nur niedlich aus und soll auch Frauen angesprochen haben, die sich Schnurers Werken, die oft mit der ironischen Konstruktion und Dekonstruktion von Waffen zu tun haben, sonst nur selten nähern. Sie steht auch für den rhetorischen Schmuck, mit dem stets über Krieg und Waffen gesprochen werde, sagt Schnurer.

Ungarischer Grenzbeamter, sich fragend, ob da eine Kamera versteckt ist. Bild: Lorenz Kloska

Ostexport heißt der Film, der dabei herausgekommen ist, und er weckt viele Assoziationen: An den Exportweltmeister Deutschland, der auch bei Rüstungsverkäufen führend ist und sein Produktionsvolumen in den letzten beiden Jahren verdoppelt hat oder an die Märkte im Osten, die heute von Westmarken in „lokal angepasster“, sprich: minderer Qualität dominiert werden. Ganz schlicht gesprochen handelte es sich um den Transport eines Kunstwerks quer durch Europa, mit dem Schnurer auch testen wollte, wie es um die Freiheit der Kunst steht. Gestartet ist das Team von München aus, wo es einschlägige Denkmäler wie das Siegestor oder der Friedensengel abfuhr, die „dem bayerischen Heere“ bzw. dem Gedenken an den deutsch-französischen Krieg gewidmet sind. (Die Feldherrenhalle, auf die 1923 Hitlers berühmter Marsch stattgefunden hatte, kommt überraschenderweise nicht vor.) Über Salzburg ging es nach Wien, gegen dessen altgediegene Bürgerlichkeit München geradezu strizzihaft wirkt. Dort befindet sich das erste der vielen sowjetischen Ehrenmale, die im Film vorkommen. Und als hätte das Fin-de-Siècle der k.u.k.-Architektur 1945 auch die Rote Armee infiziert, trägt der sowjetische Soldat auf dem hohen Sockel tatsächlich einen goldenen Helm und ein riesiges goldenes Schild an seiner Seite.

 

Vienna Calling, Kiew Responding: Goldene Ehrenmale in Wien und Kiew. Bild: Lorenz Kloska

Immer wieder hat Schnurer Beifahrer – Künstler, Fotografen, andere Ortskundige – mit denen er diskutiert und philosophiert: über die bürokratisch geregelten Gepflogenheiten Salzburger Stammtische, die Besorgnisbewegungen der Achtziger Jahre, das eigene No-Future-Gefühl in der Jugend und die patriotischen Märsche, die er bei der Bundeswehr singen musste. Während die Reise des „Exportweltmeisters“ in der EU reibungslos verläuft, gibt es an der ukrainischen Grenze Probleme: Ein „Flugzeugersatzteil“ will man nicht ins Land lassen, obwohl Schnurer vorher alle notwendigen Grenzüberschreitungskontrollgenehmigungen eingeholt hatte. Die vielen Telefonate der äußerst gelassenen Grenzbeamten filmte das Team mit einer versteckten Kamera. Immerhin mangelte es den Grenzern nicht an Humor. Die Rakete sei wohl ein Geschenk Merkels an Putin, meinte einer unter allgemeinem Gelächter. Um endlich weiter zu kommen, lässt Schnurer die Rakete von ein paar Handwerkern auseinandersägen und hinter der Grenze von anderen Handwerkern wieder zusammenlöten.

Nun geht die Reise ins Finale, vorbei an gelb-blau gestrichenen Panzern auf hohen Sockeln und Denkmälern aus angeschossenen Kampfflugzeugen, viele davon Mahnmale aus der Sowjetzeit, die nach dem Angriff Russlands mit Farbe „ukrainisiert“ worden sind. Auf dem Gelände der „Mutter Heimat“ in Kiew ist der Ostexport am Ziel. Der Trabant mit der rosa Fracht darf direkt vor der gigantischen Statue parken; dafür bedarf es nur eines Parkscheins. Die kerzengerade Figur der „Mutter“ mit Schwert und Schild in den emporgereckten Händen ist eines der größten Kriegsdenkmäler der Welt; es misst mit Sockel über 100 Meter. Im Inneren kann man nach oben klettern und unter dem Sockel befindet sich ein Museum über den Zweiten Weltkrieg – ähnlich, wie bei der Freiheitsstatue in New York. Eingeweiht wurde das monumentale Ensemble mit Panzern und Raketen erst 1981. Das ist nicht untypisch für diese Denkmäler, die lang nach dem Krieg den Sieg verherrlichten. Denn längst war absehbar, dass der Sieg einer der wenigen positiven Mythen der sowjetischen Zeit bleiben würde – weshalb er bis heute nicht nur von Russland kräftig instrumentalisiert wird.

Nachträglich via Farbe ukrainisierter Sockel eines alten sowjetischen Panzers. Bild: Lorenz Kloska

Schnurers und Kloskas Film trifft mit seiner Fragestellung auf eine verwandte Debatte in der Ukraine. 2015 wurde in Kiew das „Dekommunisierungsgesetz“ verabschiedet, dem zufolge alle Straßennamen und Symbole der sowjetischen Epoche aus dem Straßenbild entfernt werden müssen. Lenin-Denkmälern begegnet man heute nicht mehr in der Ukraine; nur noch auf der besetzten Krim und im Donbass gibt es sie. Auch Städte können nach dem neuen Gesetz via Referendum umbenannt werden, wie es im Falle von Dnipro, dem früheren Dnjepropetrowsk, geschah. Hier wollte man den Namen von Hryhorij Petrovsky, der in führender Position mitverantwortlich war für den Holodomor, die Hungerkatastrophe von 1932/33, nicht länger dulden. Insgesamt sind über 1.000 Ortschaften und Städte von den Umbenennungen betroffen. Ein bezeichnende Ausnahme bilden jedoch Denkmäler mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg, wie Schnurers Film eindrucksvoll belegt. Eine ganz wesentliche Frage berührt der Film jedoch nicht:  Die Ukraine ist seit der russischen Annexion der Krim und dem Angriff auf die Ostukraine ein Land im Krieg. Wie anders kann es sich verteidigen als mit Waffen?

Der Film Ostexport wird im Rahmen der zweiten „Brücke aus Papier“ am 11. November in Dnipro und am 15. November in Lemberg gezeigt. Der Künstler Christian Schnurer wird anwesend sein.

Der Ostexport am Ziel: vor der 100 Meter hohen „Mutter-Heimat“-Statue in Kiew. Bild: Lorenz Kloska

 

Judith Leister lebt in München. Die Slawistin und Literaturwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Osteuropa ist als freie Kulturjournalistin für NZZ, F.A.Z., Deutschlandfunk, SWR2 und SR2 tätig.


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Ostexport

Christian Schnurer


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