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08.03.2016, 16:59 Uhr
Freundeskreis Sophie La Roche
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Sophie La Roche

Ludwig Ganghofer im Stadtmuseum Kaufbeuren

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Neben dem Originalschreibtisch von Ludwig Ganghofer folgen die TeilnehmerInnen den Ausführungen der Salonieren Christa Berge, Wiltrud Fleischmann, Karin Klinger und Helga Ilgenfritz (rechte Seite: teilverdeckt); (c) Freundeskreis Sophie La Roche, e.V.

Die Literaturabteilung des Stadtmuseums Kaufbeuren vereint die drei in Kaufbeuren geborenen Schriftsteller Sophie La Roche (*1730), Ludwig Ganghofer (*1855) und Hans Magnus Enzensberger (*1929). Die drei Literaten berühren vier Jahrhunderte und sind in mehrfacher Hinsicht epocheübergreifend. Die ebenso zeitgemäß wie reizvoll gestaltete Literaturabteilung mit den offenen Zugängen zum jeweils anderen Bereich schafft eine stimmige ortsräumliche „literarische Nachbarschaft“, so ungleich die drei genannten Vertreter auch sein mögen.

Die Salonieren des Freundeskreises Sophie La Roche e. V., Christa Berge, Wiltrud Fleischmann, Helga Ilgenfritz und Karin Klinger haben unlängst den „musealen Nachbarn“, also den auf die  literarische Epoche ihrer Namenspatronin Sophie La Roche folgenden Ludwig Ganghofer neben dessen Original-Schreibtisch wieder aufleben lassen und dabei großes Interesse erfahren. Sie vermittelten viele bisher nicht oder nur wenig bekannte Aspekte, die auch die Kehrseite von Ludwig Ganghofers Heimat- und „Heile-Welt“-Klischees aufzeigten.

Lebenslauf eines Optimisten

Zunächst bildete eine Art Rollenspiel den Auftakt, in dem Christa Berge und Karin Klinger aus dem dreibändigen Lebenslauf eines Optimisten (1909 – 1911) mit seinem Buch der Kindheit, dem Buch der Jugend und dem Buch der Freiheit berichteten – über Erlebnisse des kleinen und jugendlichen Ludwig Ganghofer. Wechselweise referierten sie über den Lebenslauf und lasen entsprechende Originaltexte aus dem Werk.

Am Anfang stehen Ludwig Ganghofers Erinnerungen in und an Kaufbeuren bis zu einem Alter von knapp fünf Jahren. So berichtet Ganghofer beispielsweise über seine unbekleidete „Flucht“ aus seinem Geburtshaus über den Kirchplatz bis hin zum Forstamt (der Großvater von Ludwig Thoma war zu jener Zeit Leiter des Forstamts Kaufbeuren), und das ebenso bildhaft wie über seine Eindrücke vom „Tänzelfest Kaufbeuren“. Mit diesen und anderen Schilderungen seiner Kaufbeuren-Erlebnisse und vor allem mit seinen vielen kindlichen, stillen Beobachtungen setzte Ludwig Ganghofer seiner „freundlichen“ Stadt Kaufbeuren und ihren Einwohnern ein durchweg positives literarisches Denkmal.

Der Umzug der Familie nach Welden Ende 1859, bedingt durch der Beförderung des Vaters zum Revierförster, ließ den dortigen „Schwäbischen Holzwinkel“ für rund 14 Jahre zum prägenden Mittelpunkt von Ludwig Ganghofers Jugend- und Schulzeit werden. In diese Zeit fiel auch der wenig geliebte Besuch der geistlichen Lateinschule mit Internat in Neuburg/Donau. Mit mäßigem Schulerfolg ging es von dort dann an jenes Realgymnasium nach Augsburg, an dem einige Jahrzehnte später auch Bertolt Brecht sein Abitur ablegen sollte. Ludwig Ganghofers Augsburger Schulkarriere endete allerdings abrupt nach dem Besuch eines für Schüler verbotenen Theaters. Die Zeit war bereits geprägt von einem regen allgemeinen Interesse Ludwig Ganghofers für das Theater und die Literatur. Er begann während seiner Schulzeit auch mit ersten Schreibversuchen.

Vater August meldete Ludwig nach dessen Augsburger Schulverweis beim Realgymnasium in Regensburg an. Hier legte Ludwig Ganghofer 1873 mit einer guten Note das Abitur ab. Diesem schloss sich noch im gleichen Jahr eine Maschinenbaulehre in Augsburg an, ehe Ludwig seiner Familie, die inzwischen von Welden nach Würzburg umgezogen war, folgte, um dort einen Teil seines Militärdienstes zu absolvieren. Nach dem erneuten Umzug der Familie nach München begann Ludwig Ganghofer am Polytechnikum ein technisches Studium. Zwei Jahre später wechselte er die Fachrichtung. Das neue Studium der Literaturgeschichte und Philosophie setzte er in Berlin und Halle fort; 1879 legte er in Leipzig sein Doktorexamen ab.

Ausgerechnet in Berlin traf er auf die Theatergruppe „Die Münchner“, die ihn bat, ein Theaterstück für sie zu verfassen. Daraus entwickelte sich der Hergottschnitzer von Ammergau, das nach der Uraufführung im Münchener Gärtnerplatztheater über die Station Berlin ein sehr großer Theatererfolg wurde. Ludwig Ganghofer, der so in Deutschland innerhalb kurzer Zeit berühmt wurde, ereilte sodann der Ruf, als Dramaturg und Autor an das Ringtheater (unter Franz Jauner) nach Wien zu gehen. Als dieses kurze Zeit später abbrannte, begann in Wien – nachdem er dort 1882 geheiratet und eine Familie gegründet hatte – Ludwig Ganghofers eigentliche literarische Laufbahn; zunächst noch als Theaterschriftsteller: Der Jäger von Fall, ein Stück mit nachfolgender Romanfassung, bildete den Auftakt.

Der dreibändige Lebenslauf eines Optimisten endet an dieser Stelle. Der geplante vierte Band, das Buch der Berge, wurde posthum als Fragment herausgegeben.

Berchtesgadener Weltgeschichte

Im zweiten Teil der Salon-Veranstaltung befasste sich Wiltrud Fleischmann mit den 'historischen' Romanen Ludwig Ganghofers, die dieser als seine „Watzmannkinder“ bezeichnet hat: Das Berchtesgadener Land ist darin, über Jahrhunderte hinweg, einheitlicher Handlungsort. Der in der deutschen Literaturgeschichte einmalige Ansatz, anhand der Geschichte des Berchtesgadener Landes mikrokosmisch oder 'stellvertretend' die gesamte Entwicklungsgeschichte der staatlichen 'Ordnung' im Reich darzustellen, führte insgesamt zu sieben Werken Ganghofers (geplant waren neun). Ludwig Ganghofer beschreibt in ihnen die Zeit des Feudalstaates von seiner hochmittelalterlich strukturierten Ausprägung des 12. Jahrhunderts (in Die Martinsklause) bis zu dessen Untergang (18. Jahrhundert) im Roman Das große Jagen samt Vertreibung der Salzburger Exulanten, also der protestantischen und jüdischen Minderheiten. Geistliche und weltliche Macht fielen in jener Zeit vielerorts zusammen. Der letzte der sieben Romane stellt daher beinahe eine Art Parabel auch für spätere Zeiträume dar, denn: Die jüdischen Minderheiten wurden ziemlich exakt 200 Jahre später erneut verfolgt.

Alle weiteren Werke des Berchtesgadener Romanzyklus' sind gleichermaßen geprägt von einer zwar romanhaften Geschichtsdarstellung, aber durchgängig aus der Sicht und im Interesse der verfolgten und unterdrückten Menschen und Minderheiten geschrieben. Neben Ganghofers Reformations-Roman Das Neue Wesen (16. Jahrhundert) gelingt mit Der Ochsenkrieg (14. Jahrhundert) ein echter Anti-Kriegs-Roman: Nichtigste Anlässe, die den örtlichen Streit um ein profanes Weiderecht in der Ramsau im Berchtesgadener Land betreffen, führen darin zu einem großen, durchaus realitätsnahen Regionalkrieg zwischen nahe verwandten Fürstenhäusern im süddeutschen Raum. In dem Roman Der Mann im Salz (17. Jahrhundert)  befasst sich Ganghofer dann vor allem mit den Hexenverfolgungen, bei denen die Obrigkeit das Volk aufhetzte und zur Denunziation aufrief; den heraufziehenden 30-jährigen Krieg deutet Ganghofer am Ende des Romans an.

Einsatz und Engagement

Im dritten Teil des literarischen Nachmittags ging Helga Ilgenfritz zunächst auf die Herkunfts- und Familiengeschichte Ludwig Ganghofers ein, der mütterlicherseits von der protestantischen Hugenotten-Familie Carl und Charlotte Louis' abstammte. Ludwig Ganghofer wurde schon 1889 als 34-jähriger vom österreichischen Journalisten- und Schriftstellerverband Concordia beauftragt, die Grabrede für den verstorbenen Ludwig Anzengruber zu halten. Ludwig Ganghofer wendete sich darin gegen den vor allem in Wien weit verbreiteten Antisemitismus. Daraufhin stellte die klerikale (Rechts-)Partei im Wiener Parlament einen – allerdings erfolglosen – Ausweisungsantrag für Ganghofer. Im gleichen Jahr begann er zusammen mit Vincenz Chiavacci mit der Erstherausgabe der gesamten Hinterlassenschaft Johann Nepomuk Nestroys. Dieser war zu Lebzeiten stets von der Zensur bedroht gewesen, und für sein Werk hatte sich seit seinem Tod 1862 kaum jemand interessiert.

Ludwig Ganghofer wurde – wieder nach München zurückgekehrt – 1897 Gründungsvorsitzender der fortschrittlichen Münchner Literarischen Gesellschaft und förderte viele junge Schriftsteller. So führte er mit der Übernahme der Regie bei der Uraufführung von Der Tor und der Tod (1898) Hugo von Hofmannsthal erfolgreich in München ein. Rainer Maria Rilke, der noch junge Thomas Mann und viele andere der damaligen Avantgarde gehörten zum Kreis der von der Gesellschaft geförderten Autoren. Auch Karl Valentin und Adele Sandrock gelten als  Entdeckungen. Ludwig Ganghofer war 1909 zudem Mit-Erstunterzeichner des von Theodor Wolff – einem Freund Ganghofers – initiierten „Aufrufs für die preußische Wahlreform“, der gegen die „Junker“-Strukturen und das Klassen-Wahlrecht im Kaiserreich gerichtet war.

Mit besonderem Einsatz engagierte sich Ludwig Ganghofer auch als Gutachter für viele in Bayern von der Zensur bedrohte Künstler aus allen Fachrichtungen. Ludwig Ganghofer und sein kongenialer Freund, der (Fach-)Anwalt für Zensurfragen, Dr. Max Bernstein, konnten etliche der großen Zensurstreitfälle zugunsten der Künstler lösen. Ludwig Ganghofer gehörte zum Beispiel im weltbekannten Zensurstreit um Frank Wedekinds Lulu (1911) zur Speerspitze der Antizensur-Kampagne. Als Wedekind im März 1918 in München zu Grabe getragen wurde, beauftragte der Verband der deutschen Bühnenkünstler ausdrücklich Ludwig Ganghofer, die Grabrede zu halten. Im Rahmen der Rede verteidigte Ludwig Ganghofer wenige Monate vor Kriegsende seinen Freund Wedekind entschlossen gegen seine Kritiker aus Staat und Gesellschaft.

Kritisches

Demgegenüber wurde im weiteren Verlauf des Salons Ludwig Ganghofers Einsatz als Kriegsberichterstatter im Ersten Weltkrieg einer äußerst negativen Beurteilung unterzogen. Während noch weitaus prominentere Zeitgenossen (darunter Nobelpreisträger und viele Professoren deutscher Hochschulen) die Ziele des deutschen Angriffskrieges mit Aufrufen und Stellungnahmen ebenfalls aktiv unterstützten, ergab sich im Rahmen einer notwendigen vergleichenden Betrachtung, dass beispielweise im k. u. k.-Kriegspressequartier in Wien zur Steigerung der „künstlerischen Qualität“ der Kriegspropaganda eine große Anzahl namhafter Künstler und berühmter Schriftsteller direkt für die Kriegspropaganda tätig wurden: darunter auch Ludwig Ganghofer sowie viele große Namen, sogar die „größten“ der damaligen Zeit.

Dieser „vergleichende“ Aspekt verändert zwar die durchweg negative Beurteilung von Ganghofers Kriegspropaganda nicht, sie ist jedoch geeignet, die Situation um 1914ff ein wenig zu objektivieren. Auf die ganz wenigen eindeutigen Kriegsgegner von 1914, von denen Albert Einstein der wohl bekannteste gewesen sein dürfte, wurde ebenfalls hingewiesen.

Wiltrud Fleischmann wagte zum Schluss eine zusammenfassende Kritik, die sich auch auf das attributreiche und für heutige Verhältnisse mitunter kitschige Sprachverständnis Ludwig Ganghofers bezog. Sie nannte dazu einige Beispiele. Das inhaltliche Fazit war allerdings, dass die Ganghofer-Literatur überwiegend zeitkritisch und schon früh ökologisch geprägt war. Die Ganghofer-Filmproduktionen (bis in die 1960er Jahre hinein) haben sich dagegen schwerpunktmäßig mit den wie ein roter Faden durch die Bücher führenden Liebesgeschichten vor dem Hintergrund einer bezaubernden Bergwald-Landschaft orientiert und die sozialkritischen Elemente weitgehend ignoriert. Die neueren Filmproduktionen (ab den 1980er Jahren) unter den Regisseuren Sigi Rothemund, Rainer Wolffhardt, Xaver Schwarzenberger, Hartmut Griesmayr hoben diese Inhalte weitaus stärker hervor und haben damit einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Darstellung der 'Kehrseite des Ganghofer-Klischees' geliefert.


Externe Links:

Sophie La Roche-Tour

Sophie La Roche-Realschule Kaufbeuren

Stadtmuseum Kaufbeuren

Literaturlandschaften e. V.

ZEIT-Artikel zum 200. Todestag von Sophie La Roche

Rezension zu Bild einer Freundin - Annäherungen an Sophie von La Roche


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