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29.11.2012, 12:29 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [40]: Über den Kleinadel und die Bilokation

Die Satire geht weiter, allein sie ist bitter.

Bei der Charakterisierung der Einpackenden hält sich der Erzähler nicht zurück. Was ist aus der intelligenten, gewitzten Ernestine, was ist aus dem etwas drögen, doch liebenswürdigen Rittmeister geworden? Scheint es nicht so, als beschreibe der Dichter nun zwei Typen, die mit den beiden bekannten Figuren nur noch wenig gemein haben? Dient Jean Paul die Szene, in der die beiden Eheleute zur Abreise in die Stadt rüsten, nicht als Vorwand, um eine Satire über den Abreisestress zu schreiben? Ich bin mir nicht sicher.

Natürlich können sich Menschen ändern; in Stresssituationen ist man ein anderer, als man ist – und wer man „wirklich“ ist: das ist nicht immer zu sagen. „Eigentlich“ ist „man“ ja meist „ganz anders“. Wenn die „keifende“ Ernestine vor lauter „komplettem“ und „vernünftigem“ Handeln „mit nichts fertig wird“ und ihr Mann vor unsinniger Ungeduld Schläge austeilt, dann bestätigt sich meine letzte Beobachtung: diese Herrschaften muss man sehr distanziert betrachten – so distanziert wie der Autor selbst, der diese Art von moralisch niedrigem Kleinadel nicht karikiert, sondern darstellt. Ernestine und der Rittmeister sind keine Zerrfiguren, sondern mit spitzer Feder festgehaltene Typen, die ihren Widerschein in der sozialen und psychologischen Wirklichkeit finden. Dass unsere einstige milde Sympathie für Ernestine und ihren Mann sich hier verflüchtigt: dafür kann der Autor, genau genommen, nichts; jeder kennt Umständlichkeitskrämer(innen), jeder kennt Männer wie den Rittmeister, die „die Zurückbleibenden im Schloss recht gut beschenken“: mit (körperlichen und seelischen) Auswichsereien. Herr und Knecht, was soll sich geändert haben?

Die Gabe der Bilokation oder So wäre Ernestine gern: an zwei Orten gleichzeitig.

Nebenbei erfahren wir einiges über das Konzept der Bilokation. Der Heilige Franz, las ich vor vielen Jahren, habe diese Fähigkeit besessen: sich gleichzeitig an zwei Orten aufzuhalten[1]. Ernestine möchte gleichfalls diese Gabe besitzen, „in und außer dem Hause“, denn sie will einerseits drinnen werkeln und werkeln und draußen den Rittmeister beobachten, der aus Versehen eine Dame erwähnte, die bei auswärtigen Besuchen anwesend gewesen sei. Auch diese Eifersucht macht Ernestine nicht sympathischer.

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[1] Als Beleg gibt Jean Paul eine Stelle von Gisbert Voetius, auch erwähnt er kombrische Philosophen: Ariaga und Bekanus. Martin Bekanus – der behauptete, dass ein Körper, also eine Frau, nicht an diesem Ort fromm und an jenem gottlos sein könne („dieses leuchtet mir auch ein“, schreibt Jean Paul im Seitenblick auf „die Weiber“) - war ein belgischer Jesuit, er war auch der Beichtvater Kaiser Ferdinands II, seine Schriften wurden, lese ich, nur teilweise veröffentlicht; Jean Paul hat sie natürlich gekannt. Rodericus Araga war gleichfalls Jesuit, ein Spanier im Umkreis desselben Kaisers – aber was ist „kombrisch“? Wenn man googelt, findet man Hinweise auf geologische, kombrische Gebilde in Frankreich, auch eine Promotion des Titels „Die Klima- und Umweltgeschichte der südchinesischen Yangtze-Plattform in Neoproterozoikum und frühem Kambrium: Hydrothermalaktive, dichtestratifizierte Epikontinentalbecken, der Schlüssel zum Verständnis der „kombrischen Explosion'“. Man findet auch einen historischen Reisebericht, in dem 1832 die Gebräuche der Kombrier beschrieben werden, die wir uns am Niger vorstellen müssen. Die Sache wird dadurch nicht klarer: meint Jean Paul, daß es sich bei den zitierten Theologen um sehr altertümliche Denker handelt? Oder daß die Theorien dieser Herren schwarz wie die Nacht sind?



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