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08.07.2013, 10:52 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [195]: Museum mit Appendices

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Der besondere Raum: unter dieser Überschrift hat Joachim Schultz – der andere Blogger aus Bayreuth, der sich im Literaturportal um Oskar Panizza kümmerte – in seinem Anderen Museum (dem vormaligen Kleinen Plakatmuseum) in der Friedrich-Puchta-Straße (12) einen Gedenkraum „für vergessene Dichter und Denker“ eröffnet. Nein, Jean Paul ist nicht dabei, „das machen wir im nächsten Jahr“, sagt Schultz. Es geht um drei weitere „Bayreuther“: um Panizza, der hier einige Jahre lebte, in der Heilanstalt starb und auf dem Stadtfriedhof begraben wurde, um Max Stirner, der hier geboren wurde und zur Schule ging – und um den unvergleichlichen, wahren Dichter Saint-Pol-Roux, der in Bayreuth übersetzt wurde. Schultz hat acht Bände einer auf 16 Bände angelegten Saint-Pol-Roux-Gesamtausgabe herausgeben können; den Rest erledigen die nicht vorhandenen Finanzen und das komplette Desinteresse der Öffentlichkeit.

Es gibt auch zwei Appendices: Peter Altenberg (der einmal über den Fliegenden Holländer schrieb und seine sonderbare Liebe zu den sehr jungen Mädchen pflegte, was trefflich mit der Figur der Syphilis in Panizzas „Himmelskomödie“ vom Liebeskonzil zusammenpasst. Jean Paul wäre entsetzt gewesen – oder auch nicht: die Idee, die Lustseuche auf die Erde zu schicken, um die Menschen zu strafen, hätte auch einem Teufel einfallen können, der lustige Papiere zum Druck befördert). Schließlich die beiden Herren Marx und Engels: zwei vergessene Dichter[1] und Denker.

Jean Paul aber darf im Anderen Museum, dieser Wunderkammer der Literatur, nicht fehlen. In der Ausstellung „Endlich vereint“ stoßen wir auf die beiden Bayreuther Größen J.P. und R.W.: eine bunte Sammlung aus Collagen und Plakaten, Postkarten, Plattencovern, Prospekten, Püchern, Proschüren, Publicistica, Pamphleten und Papieren aller Art. Es kommt auch zu anderen Begegnungen: Napoleon darf nicht fehlen.

Jean Pauls Beschäftigung mit dem Mann, den wir Shakespeare nennen, machte es, dass auch der englische Dichter, samt Jean-Paul-Spruch, im Anderen Museum vertreten ist.

Zuletzt begegnen wir einer Erinnerung an die Leidenschaften, die Gustav und Amandus, nun ja: beseelen. Der Erzähler weiß es ja.

Du armer Mensch! Wenn der zarte weiße, die ganze Natur überzaubernde Nebel deiner Kinderjahre herunter ist: so bleibst du doch nicht lange in deinem Sonnenlichte, sondern der gefallene Nebel kriecht wieder als dichtere Gewitterwolke unten rings am Blauen herauf, und am Jünglings-Mittage stehest du unter den Blitzen und Schlägen deiner Leidenschaften!

[Fotos: Frank Piontek, 7.7. 2013]

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[1] Denn wer kennt noch Friedrich Engels' Rienzi-Drama? Man kennt ja kaum Richard Wagners Rienzi-Oper, die hier am Ort, am gestrigen Abend, in einer verstümmelten Form auf die Bühne gebracht wurde.



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