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18.06.2013, 11:14 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [176]: Wie stürmisch sind Gustav und der Erzähler?

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Können wir uns Gustav und den Erzähler in dieser berühmten historischen Szene vorstellen? Hätten auch sie die Bastille gestürmt und die Gefangenen befreit?

Das Fest ist aus, der Sektor geht nun schnell zu Ende. Schade – denn „Jean Paul“ wollte „nach Mondaufgang etwas sentimentalisch sein in Beisein von Beaten“. Der Erzähler drückt das wirklich sehr zurückhaltend aus: dieses gar nicht so leichte Herzdrücken, denn immerhin wollte er ja eben sein Herz „hervornehmen“ und ihr, Beata, das Wort „Prenez“ sagen. Seine Sprache der Empfindsamkeit ist wirklich eine sehr zarte – auch Gustav ist ein Empfindsamer.

Ich habe noch einmal über das Verhältnis des Romans zur gleichzeitig abrollenden Französischen Revolution nachgedacht. Der Roman ist vielleicht in dem Sinne typisch, als dass die Revolution in ihm enthalten ist: als Kehrbild. Geht man woanders auf die Barrikaden oder genauer: in die Bastille, um sie zu knacken, so entscheidet sich Gustav dafür, ganz innerlich zu sein (sehen wir einmal von seiner Attacke gegen Röper ab). Ist das typisch deutsch? Ist dieses sentimental Eingeschlossene nicht das pure Gegenteil von Revolte, die es verständlich macht, wieso seinerzeit in den deutschen Ländern ein Revolutionär eine Ausnahme war und die Revolution von 1848/49 gescheitert ist? Gewiss, es gab die Mainzer Republik, aber sie blieb ein Experiment. Das, was man im Allgemeinen für das „deutsche Wesen“ hielt: ist es nicht in Gustav und im Erzähler wirklich geworden? Ist nicht das Private, das höchstens einmal in zarten Andeutungen nach außen tritt, genau jene Form der Innerlichkeit, die ausgesprochen gegenrevolutionär wirkt? Und ist nicht Die Unsichtbare Loge in dem Sinne ein Zeitroman, als dass er eine genaue Position bezieht: zwischen den Stühlen von Adelskritik und Genügsamkeitsphilosophie?

Noch aber sind wir ja nicht am Ende angelangt. Noch sitzen der Erzähler und Röper wie zwei Hähne gegenüber: wie ein europäischer und ein indianischer (ein schönes, deutliches Bild), weil sich „Jean Paul“ weigert, auf Seiten Röpers zu agieren. „Es half uns beiden wenig, dass uns meine Schülerin mit den silberhaltigsten Stellen aus Bendas Romeo anspielte.“ Und am Ende kommt dem Amtmann noch der alte Wutz entgegen, der nach „hübschen Ehebrüchen, Hurenfällen, Raufereien, Injurien“ fragt.

Wie man sieht, gibt es bei Jean Paul sehr diffizile interne – und externe Verweise.



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