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04.04.2013, 12:04 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [119]: Wie man mit Kleidern therapiert

Als Satiriker kommt Dr. Fenk auf die Kleider- und Putzsucht der Weiber zu sprechen: eine Satire im Geist des späten 18. Jahrhunderts, in dem man und frau, zumal in Frankreich, die übersteigertsten Kostüme und Perücken trug. „Jedes Gift“, sagt er, „kann ein Gegengift werden; und da gewiss ist, dass Kleider Krankheiten geben könne, z.B. die Hektik, Pest etc: so müssen“, sagt er, „sie unter Anleitung eines vernünftigen Arztes auch Krankheiten heben können“. Der Arzt aber bedient sich für diese Therapie jener Mittel, die er aus der Apotheke des Auerbachischen Hofs bezieht – womit er nicht den Keller mit seinen köstlichen Sächsischen Braten und dem Köstritzer Schwarzbier als Magen-, Schlaf- und Heiltrunk (Jean Pauls „letzte Ölung“) meint, sondern, natürlich, Kleiderläden.

Die Krankheit der Frau, eine Kleiderkrankheit. Die Frau eine kränkliche, die sich aufgrund ihrer Kränklichkeit immerzu mausern muss: man würde lügen, würde man in dieser rigide männlichen Sicht – gut: aus der Sicht eines welterfahrenen Therapeuten – nur die Perspektive einer kleidersüchtigen, alten Zeit erkennen. Es ist mehr als ein Topos: dass die Kerle einen Anzug haben und vor allem brauchen, wenn die Weiber deren 20 besitzen und brauchen und kaufen (von den Schuhen ganz zu schweigen). Was ist daran historisch, was frauenfeindlich, was übertrieben? Nur die Verwendung der Metaphern? „Ein weiblicher Krebs, der auf eine neue Schale wartet, hockt erbärmlich in seinem Loche.“ Es gibt auch eine Sucht, die Kaufsucht heißt – und gute Witze bleiben selbst dann gute Witze, wenn sie drastisch sind.

Apropos Drastik: als ich diesen Satz las, musste ich auch an Leipzig denken: „Stahlarzneien sind Stahlrosetten und Stahlketten. Der Stahl- und Magenschild des atlassenen Gürtels erwärmt den Magen und andre intestina sehr.“ Stahlrosette? Liebe(r) Leser(in), fahr einmal an einem bestimmten Sommerwochenende nach Leipzig und schau dich um. Du wirst dich wundern – und vielleicht, wenn Du nicht erotisch abgestorben bist, an den Stahlrosetten und -gürteln und der und dem, die's und der's trägt, erbaulich freuen.

Stahlarzneien sind Stahlrosetten und Stahlketten. Wer denkt da nicht an das Wave-Gothic-Treffen, das in Jean Pauls Universitätsstadt tagt, in der sich allsommerlich die Gothics treffen? (Fotos: Frank Piontek, 2011).

Ansonsten ist es wirklich witzig, wie der Doktor die Kleidungsteile medikamentös einsetzt: die Blumenbouquets, Schals, den Taft und die „Röcke à la peruvienne“, die Visitenfächer und den Kamm, dieser „Trepan“[1] gegen Kopfübel.
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[1] Wer denkt da nicht gleich ans drastische, lochprovozierende Trepanieren?



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