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23.03.2013, 20:24 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [112]: Über Systeme und angebliche Systemlosigkeiten

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Der große Maler Anton Graff hat Professor Platner kurz vor jenem Jahr gemalt, in dem Jean Paul mit der Niederschrift seines ersten Romans begann. 1781 war er ihm in der Leipziger Universität begegnet, 1797 sollte er ihn, nun merklich gereift, wiedertreffen.

Ob Ernst Platner in der Hain- oder Heustraße wohnt, in der der berühmte Herr von Kempele im Beisein „Jean Pauls“ einen Brief schrieb, weiß ich nicht – aber vorstellbar ist es.

Ich kehre noch einmal kurz nach Leipzig zurück, um einen Professor zu besuchen. Die unsichtbare Loge scheint weit entfernt zu sein – doch weit gefehlt. Ernst Platner, als Sohn eines Chirurgen in Leipzig geboren und daselbst seit 1770 außerordentlicher Professor der Philosophie; dann, seit 1780, Professor der Physiologie, seit 1801 Professor der Philosophie – dieser Ernst Platner spielte für den Studenten Jean Paul offensichtlich die wichtigste Rolle. 1776 und 1782 hatte er Philosophische Aphorismen herausgegeben: zwei Bücher, die die ästhetische Technik des Dichters beeinflusst haben.

Ich zitiere aus der Verlagsanzeige der Edition von Fichtes Schriften, Abt. Nachgelassene Schriften, Band 4: Fichtes Vorlesungen über Platners Philosophische Aphorismen 1794-1812 [1]: „Dieser Band enthält das gesamte Nachlaßmaterial der Vorlesungen Fichtes über Logik und Metaphysik (1794 bis 1802, einschließlich der Exkurse von 1812). Fichte kommentierte in diesen Vorlesungen Platners Aphorismen, das meistgelesene philosophische Kompendium der damaligen Zeit. Auch Hegel las in Jena nach dem Weggang Fichtes über Logik und Metaphysik. Da Fichte fast jeden der über 1000 Paragraphen des Ersten Teils dieses Werkes kommentiert, stellt Platners Werk (das auch einzeln bezogen werden kann) ein unentbehrliches Instrument zum Verständnis der idealistischen Position um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert dar.“ „Das meistgelesene philosophische Kompendium der damaligen Zeit...“ Und Jean Paul war mitten unter den Lesern und Hörern.

Das Pauliner Kollegium in Leipzig

Dazu genügt ein Blick in seine Schriften, zumal die Levana und die Politischen Schriften, in denen die Systematik zugunsten einer losen, eben deshalb beweglicheren Denkweise und der Notation kurzer, doch ausgesprochen dichter Texte suspendiert wird. Platner lehrte diese seine Denkweise, um jenen Lehrsatz Jean Pauls vorwegzunehmen, der da lautet: Wer ein System hat, denkt nicht mehr. „Warum will uns doch jeder Lehrer der Philosophie das System aufdringen, welches er für's Wahre hält; warum will jeder Professor aus seinen Schülern Anhänger der Sekte machen, welche ihm die beste scheint? […] Jeder verfehlt seines Zwecks, der uns denken will lehren, indem er uns an sein System ankettet – das heißt nicht unsern Verstand, sondern unser Gedächtnis üben“, schrieb er im Tagebuch meiner Arbeiten.

Das sogenannte Chaos seiner Romane und Erzählungen entspringt noch dieser Systemlosigkeit, die sich einer anderen Herrin als der Systemphilosophie andiente: der Wirklichkeit – zumindest einer Wirklichkeit, die sich allein in den Kategorien des Unsystematischen (falls eine Kategorie etwas derart Unscharfes einzufassen vermag) beschreiben lässt. Platner forderte, in diesem Sinne, die Empfindsamkeit und die Beschreibung aktueller politischer Zustände in Form der Satire ein. Jean Paul hat dieses doppelseitige Programm in seinen in Leipzig entstandenen Grönländischen Prozessen – und den späteren Romanen bis zum Exzess verwirklicht, sodass eine gehörige Portion Platner noch in der Loge steckt.

Der große Reisende Nikolai Karamsin, dem Jean Paul (wovon er nichts wusste) später in Moskau begegnen sollte, begegnete bei seiner Deutschland-Tour auch dem Lehrer Jean Pauls, dessen Kolleg er in den Briefen eines reisenden Russen beschrieb: „Heute morgen wohnte ich den ästhetischen Vorlesungen Platners bei. Ein großer Saal war so vollgepfropft mit Zuhörern, dass kein Apfel zur Erde kommen konnte. Ich fand kaum noch Platz unter der Tür. Platner stand schon auf dem Katheder und sprach. Alles war still und aufmerksam. Er sprach vom Genie so freimütig und unbefangen, als wäre er in seinem Kabinette, und eben deswegen gefällt er so. Auch sagt man, dass kein Professor in Leipzig von den Studenten so geliebt und geehrt wird als er. Als er das Katheder verließ, machten sie ihm wie einem König einen geräumigen Weg bis zur Tür frei.“

Man findet diese schöne Stelle in der nach wie vor unverzichtbaren Jean-Paul-Biographie Günter de Bruyns. Hier lese ich freilich auch, dass Jean Paul später den ehemaligen Lehrer zu eitel fand („und die Töchter viel interessanter“). Als Dozent aber muss er den ungewöhnlichen jungen Mann begeistert haben – so begeistert wie alle, von denen der russische Reisende schrieb.

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[1] Hrsg. von Reinhard Lauth, Hans Jacob und Hans Gliwitzky unter Mitwirkung von Erich Fuchs, Kurt Hiller und Peter K. Schneider, 1976.



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