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18.03.2013, 16:31 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [107]: Mit Jean Paul durch Berlin und nach Marktleuthen

Es hilft nichts: selbst als Berliner muss man wieder einmal am Brandenburger Tor gewesen sein, als Nichtberliner sowieso. Auch Jean Paul war hier, denn er wohnte ja nicht so weit entfernt vom „edlen“ Stadteingang, wenn ihn auch damals die Quadriga noch nicht krönte. Von hier aus kann man ausfahren, nach Süden, nach Bayreuth zurück: wieder über Dresden. Der Reisende kann sich von Neuem daran erinnern, dass der Dichter hier einmal sehr sichtbar war: auf der Brühlschen Terrasse und anderswo am Elbufer.

Das edle Brandenburger Tor mit seinen fünf Säulen und seinem Triumphwagen öffnet groß die Kolossen-Reihen der Paläste. Nur die Einwohner, sogar die Einwohnerinnen sind einfach gekleidet[1]. Ich besuchte keinen Gelehrtenklub, so oft ich auch dazu geladen wurde, aber Weíber die Menge. Ich wurde angebetet von den Mädchen, die ich früher angebetet hätte[2]. Noch in keiner Stadt wurd ich mit dieser Latrie aufgenommen als hier und von einem solchen Heer. Ich werde auf den Händen getragen, die sonst andere küssen.[3]

Betrittst du die Dresdner Brücke, so liegen Paläste wie Städte vor dir, und neben dir eine Elbe, die aus einem weiten Reiche in das andre fliesset; ferne Berge, Ebenen, verlorne Schiffchen, die wandelnde Prozession der einen Brückenseite, die entgegengehende der andern, eine lange Allee und das Getümmel des Lebens ergreifen dich[4].

Als wir in Marktleuthen eintrafen, wußt' ich im Finstern, daß die Brücke, worüber wir gingen, auf sechs Bogen liegen mußte – nach Büsching; es freuet aber ungemein, gedruckte Sachen nachher als wirkliche vor sich zu sehen[5].

(Fotos: Frank Piontek, 3.-8.3. 2013)

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[1] Am 14. Juni 1800 an Gleim.

[2] Am 29. Juni 1800 an Christian Otto.

[3] Am 24. Oktober 1800 an Christian Otto.

[4] Am 17. Mai 1798 an Christian Otto.

[5] Des Rektors Florian Fälbel und seiner Primaner Reise nach Fichtelberg.



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