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25.02.2013, 11:54 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [95]: Was und wen man vergisst

Eine interessante Dichterin und Salonière und ihr fast vergessener, doch unsterblicher Komponist: Constance und Jean Paul.

Ich kehre noch einmal in das Deutsche Historische Institut im Hôtel Duret-de-Chevry am Parc-Royal zurück. Ein Plakat, in einer Vitrine gleich neben der Eingangstür, fällt sofort ins Auge. Es zeigt, digital verfremdet, die 30jährige Constance von Salm, gebürtige Pipelet, gemalt von Jean-Baptiste François Desoria; man wirbt für ein Erschließungsprojekt. Im Netz lese ich die Anzeige der verantwortlichen Wissenschaftlerin Florence de Peyronnet-Dryden:

Constance de Salm (1767–1845) teilt das Schicksal vieler ihrer Schriftstellerkollegen: Im Paris ihrer Zeit war ihr Name in aller Munde, ihre Texte wurden gedruckt, gelesen und besprochen, sie beteiligte sich an den in Akademien und Journalen geführten Diskussionen, und auf ihren Abendgesellschaften trafen sich Literaten, Wissenschaftler, Politiker, Musiker und bildende Künstler. Nach ihrem Tod geriet die Fürstin in Vergessenheit. Erst 2007 wurde ihr Briefroman „Vingt-quatre heures d'une femme sensible“ zum ersten Mal seit seiner Veröffentlichung 1824 neu aufgelegt, ein Jahr später erschien eine deutsche Übersetzung. Heute ist es weniger ihr literarisches oder essayistisches Werk, das eine Beschäftigung mit Constance de Salm interessant macht, als vielmehr ihre umfangreiche und weitgefächerte Korrespondenz.

Constance zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, wie ihr gesamter Name lautet, muss eine interessante Frau gewesen sein. Emanzipatorisch tätig, brachte sie 1797 den Épître aux femmes und 1801 die Épîtres à Sophie heraus. Rapport sur un ouvrage du Citoyen Théremin, intitulé: De la condition des femmes dans une république, so heißt dann etwa im Jahre 1800 ein Titel. Für Marie-Joseph Chénier war die Salonière, die Leute wie den in Paris lebenden Alexander Huboldt und den älteren Dumas kannte, die „Muse der Vernunft“; Jean Paul mochte solche Frauen, die zuweilen ihre Pensées publizierten, nicht wirklich, so sehr er auch mit gebildeten Damen Umgang pflegte. Ihre Gedichte scheinen fast vergessen zu sein, aber am Roman Vingt-quatre heures de la vie d'une femme sensible, der ein Jahr vor Jean Pauls Tod erschien, kann man immer noch ihren Ruhm überprüfen. 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau kann man nun auch in deutscher Sprache studieren. Worum geht’s? Eine junge Dame muss feststellen, dass ihr Geliebter nach einem Konzert eine Kutsche besteigt, in der eine andere Frau sitzt. „Voll brennender Eifersucht schreibt sie ihm einen Brief nach dem anderen, ohne Antwort zu erhalten“, wie es in der deutschen Verlagsanzeige heißt „Mein Lieb, mein Engel, mein Leben, nichts als Aufruhr ist meine Seele, nichts als Verwirrung!“...

Sehen so die Plaisir d'amour aus, die Jean Paul komponierte? Eine uralte Frage: Was ist die Liebe? Constance de Salm hat sie beantwortet: L’amour!... Qu’est-ce que l’amour?... Un caprice, une fantaisie, une surprise du cœur, peut-être des sens; un charme qui se répand sur les yeux, qui les fascine, qui s’attache aux traits, aux formes, aux vêtements même d’un être que le hasard seul nous fait rencontrer. Ne le rencontrons-nous pas? Rien ne nous en avertit, ne nous trouble… nous continuons de vivre, d’exister, de chercher des plaisirs, d’en trouver, de poursuivre notre carrière comme si rien ne nous manquait!... L’amour n’est donc pas une condition inévitable de la vie, il n’en est qu’une circonstance, un désordre, une époque… que dis-je? Un malheur! Une crise… une crise terrible… elle passe, et voilà tout.

Und sonst? Camille, ou Amitié et imprudence, ein Versdrama, kam im Théâtre Français heraus, als Jean Paul sich gerade in Berlin eine Ehefrau suchte. Er war schon unter der Erde, als das Buch Fragment d'un ouvrage sur l'Allemagne geschrieben wurde. Neun Jahre vor ihrem Tod kamen ihre Œuvres, heraus, 1842 dann ihre Œuvres complètes in vier Bänden. In Deutschland kümmerte man sich 1838 um sie, als die Gedanken der Fürstin Constantia von Salm den hiesigen Leser erreichten.

Und es gibt ihre Briefe. Bei dem im DHI bearbeiteten Corpus handelt es sich um 7000, die das intellektuelle Leben der zwischen dem Rheinland und Paris agierenden Constance de Salm aufschließen. Christiane Coester sprach vom „virtuellen Salon“ der Frau, die auch mit ihrer Korrespondenz berühmte Persönlichkeiten an sich band. Nicht nur nebenbei geht es auch um den Klatsch über Privates und Öffentliches. Es hat sich ja nichts geändert – und wer weiß: vielleicht finden sich hier ja auch Anmerkungen zu Jean Paul – womit ich nicht den Komponisten von Constance de Salms Sappho meine. Genau: Jean Paul schrieb die Oper Sappho, die am 14. Dezember 1794 im Théâtre Louvois uraufgeführt wurde.

Jean Paul Egide Martini, nie gehört? Dabei kennt jeder seinen Schlager. Immerhin war der Mann, der 1741 geboren wurde und 1816 starb, bis 1789 der Intendant der wichtigsten Pariser Bühnen. Seine 13 Opern und Comédies sind freilich völlig von den Bühnen verschwunden[1]. Auch er, ein gebürtiger, aus Freystadt stammender Oberpfälzer, hieß zunächst so wie der Dichter, nämlich Johann Paul (Ägidius Martin). Er schrieb Musik, die man damals und heute als „charmant“ bezeichnete; ich entdecke „sein“ Stück – das allerdings weltbekannt ist: Plaisir d'amour.

Und jetzt bitte alle mitsingen:

Plaisir d'amour ne dure qu'un moment.
chagrin d'amour dure toute la vie.

Die Freude der Liebe dauert kaum einen Moment,
Liebeskummer besteht ein Leben lang.

Mit diesem Stück hat sich Jean Paul in die Musikgeschichte und die Herzen aller unglücklich Liebenden eingeschrieben. Der Text zu diesem Chanson hat übrigens ein gewisser Jean-Pierre Claris de Florian geschrieben. Nein, auch ihn muss man nicht kennen, aber er schrieb jene sehr hübsche Novelle, auf deren Grundlage die Librettisten von Franz Liszts erster und einziger Oper Don Sanche ihr Textbuch schrieben – also die Oper eines Mannes, der nur 180 Meter von Jean Paul entfernt begraben wurde.

So winzig klein ist die große, große Welt.



[1] Wer kennt noch L'Amant Sylphe ou La Féerie de l'amour? Oder Annette et Lubin? Oder gar Sophie de Pierrefeu ou Le Sésastre de Messine?



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