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20.02.2013, 12:23 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [91]: Lob der Langsamkeit

Dass Jean Paul in Paris war: diese Behauptung wäre ein dummer Wortwitz, würden wir dem kleinen Trennstrich zwischen „Jean“ und „Paul“ keine Bedeutung schenken. Jean Paul war in diesem Sinne nicht nur in Paris – er ist in Paris, er ist sozusagen angekommen. Hier ist der Beweis:

Natürlich muss man schon näher an das Schaufenster der Librairie Allemande treten (die sich gleich neben dem Centre Pompidou befindet), um dieses Buch zu entdecken:

Tatsächlich: im Jubiläumsjahr hat man die Flegeljahre ausgestellt. Das freut den Jeanpaulianer, dem die Jeanpauliana ansonsten reichlich ins Auge fallen: in einer Stadt, die der Dichter oft erwähnte, die er aber nie besuchte (zumindest nicht körperlich). Gebe ich im (scheinbar) allwissenden Netz die Begriff „Jean Paul“ und „Siebenkäs“ ein, so stoße ich sofort auf einen schönen Text des guten Germanisten Leo Kreutzer[1], der am 22. Juni 1979 in der Zeit publiziert wurde – und genau für das plädiert, worum dieses Blog sich kümmert: die Langsamkeit. Der Artikel – nur Siebenkäs übertitelt – beginnt folgendermaßen:

Um 1840 habe es in Paris, so steht’s im Kapitel über den Flaneur von Walter Benjamins Baudelaire-Studien, „vorübergehend“ zum guten Ton gehört, Schildkröten in den Passagen spazieren zu führen. „Der Flaneur ließ sich gern sein Tempo von ihnen vorschreiben.“ Zum Bild unserer Straßen und Städte gehört die Schildkröte weiß Gott nicht mehr. Aber deren Schritt und Tempo hat sich aufbewahrt in der Bewegung des Lesens, im - gefährdeten – „guten Ton“, alte große und das heißt in aller Regel auch dicke, mit Wahrnehmungen reich ausgestattete Romane zu durchstreifen. Wenn Benjamin meinte, das Warenhaus im 19. Jahrhundert, als Verfallsform der Passage, sei der „letzte Strich“ des Flaneurs gewesen, so ist vielleicht sein allerletzter das Lesen solcher Romane. Aber während sich in ihm noch einmal das selten werdende Wissen realisiert, dass man nicht langsam genug lesen könne, haben Kurse Zulauf, in denen auf Höchstgeschwindigkeiten auch beim Lesen trainiert wird, selbst das Lese-Tempo möchte man sich nicht mehr von der Schildkröte vorschreiben lassen. Das wird dann natürlich zu einer Frage der Willfährigkeit der Texte und räumt, wie die alten Städte, auch die alten Bücher gründlich beiseite. Mit Sicherheit auch die „Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs“, überhaupt diese ganze mit genauen Wahrnehmungen und vertrackten Bildern so überaus reich ausgestattete Prosa Jean Pauls.

Das Lesen an sich aber, so Kreutzer, gleiche überhaupt nicht einem „verlangsamten Schlendern“. Im Gegenteil:

Diese Prosa zerrt ihren Leser vielmehr hin und her, sie vollführt, auf der Stelle, tolle Sprünge, sie verlangt von ihm Beweglichkeit und Geduld zugleich. Geduld, was seine Fixierung auf den Fortgang der Geschichte, Beweglichkeit, was seine Bereitschaft betrifft, unermüdlich dies und jenes und auch noch das beobachtend und bedenkend mitzunehmen.

Es gilt haargenau für die Lektüre der Loge: dieses scheinbare Paradoxon von langsamem Lesen und blitzesschnellen, erzählerischen Wendungen.

Im Übrigen war „Jean Paul“ tatsächlich in Paris. Er schreibt's ja selbst:

In Paris war ich auch, hätte auch da ein geschickter Parlamentsadvokat werden können; ich wollt' aber nicht und nahm nichts daraus mit als die schwarze juristische Kleidung.

„Jean Paul“ weiß auch, dass der Schachmeister Knör „noch vor zwei Jahren nach Paris abfuhr, um ins Palais royal und in die Société du Salon des Echecs zu gehen und sich darin als Schachgegner niederzusetzen und als Schachsieger wieder aufzuspringen, wiewohl er nachher in einer demokratischen Gasse viel zu sehr geprügelt wurde, da er im Schlafe schrie: gardez la Reine.“ Später wird der Erzähler eine Stube mit einer Stube voller Spinnen vergleichen, „die ein gewisser Pariser hielt und die bei seinem Eintritt allemal auf seine ausgezognen blutigen Taubenfedern zum Saugen von der Decke niederfuhren und aus deren Fabrikaten er mit Mühe jährlich einen seidnen Strumpf erzielte“. Er kennt den Begriff boue de Paris (Pariser Schmutz) , er ist darüber informiert, dass „man in der Pariser Oper für wichtige Rollen die Spieler doppelt und dreifach in Bereitschaft hält“. Er hat den „Schulz von Paris“ gelesen und muss im Wutz bekennen, „dass die Verschwendung im Palais royal und an allen Höfen offenbar größer ist“. Und er schreibt über die „Puppen“: „Diese Hölzer haben bekanntlich die gesetzgebende Macht über den schönern Teil der weiblichen Welt in Händen; denn sie sind die Legaten und Vizeköniginnen, welche aus Paris von der im Putz regierenden Linie abgeschickt werden, damit sie die weiblichen deutschen Kreise regieren“. Auch kennt er den Louvre („aus einer Dorfburg war er [Gustav] in ein Louvre geworfen“); der Erzähler spricht von seinem „biographisches Eskurial und Louvre“. Im Quintus Fixlein wird Jean Paul dann, sehr entzückend, vom Mücken-Louvre sprechen, das der Held dort einrichtet.

Alles in allem ist diese Paris-Kenntnis nicht wenig für einen Erzieher, der sein Metier in der deutschen Provinz betreibt.

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[1] Als der Autor dieses Blogs kürzlich viele Dutzend separat veröffentlichte Artikel des überragenden Literatur- und Kulturwissenschaftlers Hans Mayer zusammensuchte, um sie irgendwann einmal in einer riesigen Kompilation aller Verstreuten Schriften herauszugeben (auch so ein Lebensplan, der als „geborne Ruine“ enden dürfte...), stieß er auch auf Mayers spätesten einzelnen Text: eine Würdigung des Hannoveraner Kollegen Kreutzer, die 1998 veröffentlicht wurde. „Leo Kreutzer vermied alle Säkularisierung der Kunst und Literatur, mithin auch ihren Mißbrauch als Religionsersatz“, schrieb Mayer. Das gefällt mir: zugleich das Weltliche wie das Religiöse für und in der Kunst abzuwehren.



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