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06.02.2013, 17:54 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [84]: Über mit Ameisen gefüllte Adern

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Was hätte Jean Paul wohl zu diesen skeptischen Sätzen gesagt? - aber auch sie wurden in Schwarzenbach an der Saale geschrieben, wo Erika Fuchs jahrzehntelang lebte und den Entenhausener Kosmos ins Deutsche übersetzte. (c) Disney

Es hilft nichts, man muss Jean Paul ausführlich zitieren, um ihm gerecht zu werden; Übertragungen nützen da gar nichts:

Wir Erwachsene ständen den abscheulichen Schulzwang unserer Abkommenschaft keine Woche aus, so vernünftig wir sind; gleichwohl muten wir es ihren mit Ameisen gefüllten Adern zu. Überhaupt: ist denn die Kindheit nur der mühselige Rüsttag zum genießenden Sonntag des spätern Alters, oder ist sie nicht vielmehr selber eine Vigilie dazu, die ihre eigne Freuden bringt? Ach, wenn wir in diesem leeren niederregnenden Leben nicht jedes Mittel für den nähern Zweck (wie jeden Zweck für ein entferntes Mittel) ansehen: was finden wir denn hienieden?

Spielender Unterricht heißt nicht, dem Kinde Anstrengungen ersparen und abnehmen, sondern eine Leidenschaft in ihm erwecken, welche ihm die stärksten aufnötigt und erleichtert. Nun taugen dazu durchaus keine unlustigen Leidenschaften – z. B. Furcht vor Tadel, vor Strafe etc. –, sondern freudige; spielend würden alle Mädchen von Scheerau das Arabische erlernen, wenn ihre Liebhaber in keiner andern Sprache an sie schrieben als in dieser synonymischen. Hoffnung des Lobs ist es, das Kindern (das Lob äußerer Vorzüge ausgenommen) weit weniger schadet als Tadel und gegen welches sich keines, am wenigsten das beste, verstecken kann.

Reden Sie mit meinen Lieben nie kurz, nie allgemein, sondern sinnlich, und erzählen Sie so ausführlich wie Voß seine Idyllen.

Mädchen könnten mit Knaben ebensogut Schlafzimmer als Schulstube teilen – und in gar keine. Ein Hofmeister, der Mädchen zu erziehen wüßte, müßte so viel Welt, so viel Weiberkenntnis, so viel Witz, so viel launige Gewandtheit bei ebenso vieler Festigkeit besitzen.



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