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03.02.2013, 11:47 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [81]: Extrablatt über eine Stelle aus dem Morgenblatt

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Jean Paul in der Münchner Ruhmeshalle: ein 1840 entstandenes Werk des Bildhauers Peter Paul Schoepf, das im Typus dem klassizistischen Modell Ludwigs von Schwanthaler, das in Bayreuth bewundert werden kann, voran geht.

Und wieder so ein Zu-Fall (denn es gibt keine „Zufälle“, sondern nur Zu-Fälle): gestern lese ich im Markgräflichen Morgenblatt, also unserer Bareithischen Oberpostzeitung, dass Guido Knopp seinen Abschied als TV-Historiker nimmt. Ihm wurde von Kritikern immer wieder vorgeworfen, dass er die Geschichte auf Geschichten reduziere, dass er mit seinen Spielszenen die Bedeutung von Persönlichkeiten und ihren Taten (gesta nannte man das im Mittelalter) zu sehr zu Ungunsten einer – wie mir scheint: eher abstrakten – „Geschichte“ überbewertet habe. Heute lese ich im Brief, den „Jean Paul“ an einen imaginären Hofmeister schreibt, dass das Kind „Geschichten aus der Geschichte“ lernen solle: als „Zuckerbrot“.

Ich habe es immer gewusst: Guido Knopp ist ein Jeanpaulianer!

Wer die „Erzieh-Vorlegblätter“ liest, die der Erzähler seinem Roman beiheftet, wird erstaunt wahrnehmen, dass im Werk Jean Pauls eine durchaus unheimliche Kontinuität waltet, die auch durch seine pädagogische Tätigkeit, seine Lehrpraxis verbürgt wird: der Brief an den Hofmeister könnte auch in der Levana stehen, die 15 Jahre später entstand, und dies nicht allein aufgrund des Inhalts. In der großen pädagogischen Grundschrift finden sich etliche fiktive Briefe, die den Gehalt merklich auflockern: so wie die Geschichten aus der Geschichte den Geschichtsunterricht akzentuieren, natürlich auch die Historie selbst erläutern. Nicht, dass Jean Paul, den wir uns als Republikaner vorstellen müssen, die abstrakten Begriffe verkennen würde – im Gegenteil: „Was könnte nicht diese hohe Göttin, deren Tempel auf lauter Gräbern steht, aus uns machen, wenn sie uns zum ersten Male dann anredete, wann unser Kopf und Herz schon offen wären und beide die großen Wörter ihrer Ewigkeitsprache – Vaterland, Volk, Regierform, Gesetze, Rom, Athen – verständen!“ Wer also die Monsterfrau, die Bavaria[1] auf der Theresienwiese und die Ruhmeshalle erblickt, darf daran denken, dass der Patriotismus hier aus einer aristokratischen Blüte gezogen wurde (denn Ludwig I., der auch das Bayreuther Jean-Paul-Denkmal – als „Herzog von Franken“ – initiierte, gab den Bauauftrag), die den Stolz auf Vaterland und Volk in Architektur setzte, um die Begriffe sinnlich zu vermitteln.

Wie ich auf Ruhmeshalle und Bavaria komme? Gestern fiel mir – im vortrefflichen Bamberger Antiquariat Lorang, also in einer Stadt, wo Jean Paul den unverehrten Kollegen E.T.A. Hoffmann und dessen verehrten Verleger und Weinhändler Carl Friedrich Kunz getroffen hatte – ein Führer über Ruhmeshalle und Bavaria in die Hände. Jean Paul auch hier: der König ließ von seinem Skulpteur Peter Paul Schoepf im Jahre 1840 eine Büste des Dichters bildhauern.

Geschichte besteht auch aus Menschen, die Geschichten erleben – auch die Literaturgeschichte. Wir müssen uns Jean Paul als Winkelschulmeister vorstellen, der abends, nachdem er sich mit den Kleinen auseinandergesetzt hat, die Lehren aus seiner Praxis zusammenfasst. Man kann, glaube ich, ohne diese Theorie – die lehrsatzgewordene Schulgeschichte – auch Jean Paul nicht haben, der erst Geschichten erleben musste, bevor er daran ging, eine neue Pädagogik zu formulieren.



[1] Die Bavaria: auch sie ist, wie das kleine Bayreuther Denkmal, ein Werk Ludwigs von Schwanthaler.



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