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30.01.2013, 13:14 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [78]: Wie Tränen dem Verdauen helfen

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Es war gerade einmal zwei Jahre her, dass Kants „Critik der practischen Vernunft“ erschienen war, als Jean Paul über einen nur theoretisch moralischen, also unmoralischen Professor der „practischen Vernunft“ nachdachte. Es ist unwahrscheinlich, dass er damit den großen Kant karikieren wollte – aber die Anwendung der theoretischen Moral auf das „practische“ Leben bleibt eine Aufgabe, die niemals endet – ob es Leuten wie Hoppedizel nun gefällt oder nicht.

Die Herzenskälte des Moralprofessors ist so offensichtlich, dass ich auf den Gedanken komme, dass Jean Paul mit diesem Moralisten alle Moralisten charakterisieren könnte. Hoppedizel zieht „reine Moral“ der angewandten vor, ist gleichsam ein Mathematiker, dessen moralisch verwertbare Handlungen jedoch nicht einmal im – doppeldeutig verstanden – „reinen“ Denken bestehen. Am Ende des Kapitels frage ich mich, ob Hoppedizels Moraltheorie überhaupt existiert, wenn sie derart „rein“ ist, dass sie niemals zutage tritt – denn Worte bedeuten dort nichts, wo ihnen keine Taten folgen, auch wenn sie gelegentlich tiefe Wunden verursachen können: auch darauf versteht sich der Morallinguist. Er selbst könnte diese „reine Moral“ als „schöne Selbständigkeit in Grundsätzen“ bezeichnen; in Wahrheit ist es jene Herzenskälte, die der Pathetiker Jean Paul lebenslang – in den Worten seiner Werke – bekämpft hat. Spricht Hoppedizel über die Tränen, so sind sie ihm nur physiologische Hilfsmittel: das Weinen „wasche die Augäpfel ab und breche zu heftiges Licht; die übrigen Tränen müssten ohnehin durch die Nasenhöhle in den Schlund und Magen sickern und dem Verdauen helfen“. Auch das Erfrieren sei nicht so schlimm (er meint den ausgebliebenen Rittmeister und spricht zu einer Frau, die dessen zukünftige Witwe sein könnte): „er kenne aber halb aus Erfahrung kein sanfteres Sterben als das aus Kälte – denn es sei im Grunde so viel, als werde man gehenkt oder ersäuft; denn man sterbe am Schlagfluss“.

Warum ihn der Rittmeister liebt? Über die Liebe, auch nicht über die Liebe zwischen zwei moralisch unempfindsamen Menschen, lässt sich nicht richten – aber der Mann verlässt ihn dann doch, weil ihm der – neudeutsch gesprochen – Stress im Hause Hoppedizel gewaltig auf die Nerven geht.



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