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21.01.2013, 12:46 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [75]: Der Misanthrop als Menschenfreund

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Ein wahrer Menschenfreund (wie manche meinen): Jean Paul, verewigt in einer Büste Willi Krämers, einem nicht realisierten Entwurf für die Walhalla, zu besichtigen im Vorraum des Bayreuther Jean-Paul-Museums (Foto: Frank Piontek).

War Jean Paul, wie gelegentlich bei Idealisten zu lesen ist, ein „Menschenfreund“? Darauf könnte es zwei Antworten geben: ja – auch wenn er Typen wie den Herrn Hoppediezel in ihrer Garstigkeit beschreibt, weil erst im Kontrast das Ideal des Autors zum Vorschein kommt. Jean Paul, mag man argumentieren, liebt die Menschen, die leiden; daher muss er auch jene beschreiben, an denen die Anderen leiden. Würde er nur „gute“ Menschen in seine Romane und Erzählungen aufnehmen, müsste er sich der Unwahrhaftigkeit bezichtigen lassen. Dass er das Böse dieser Welt einfängt: gerade dies wiese darauf hin, dass er ein Menschenfreund ist, dem eben nichts Menschliches entginge.

Der Leser könnte es auch anders sehen: Jean Paul mag viele Menschen nicht, die ihm begegnet sind. Deshalb zieht er sie kompromisslos in seine „Essigfabrik“ hinein, um sie dort fast zu ertränken. Er verachtet die Kleingeistigen, die Spießbürger, die Hartherzigen und sieht nicht ein, wieso er sie literarisch schonen soll. Außerdem ist er viel zu geistreich, um eines guten Witzes und einer brillanten Formulierung zuliebe so zu tun, als sei er ein Menschenfreund – denn seine Literatur besteht vor allem aus Literatur, und die hat, wenn sie gut, also treffend, kurzweilig und scharf sein soll, nun wirklich nichts mit Idealismus, sondern mit Realismus zu tun.

Wie also? Hoppediezel bleibt ein Ekel, der nächste Streich zeigt es, der Leser lacht. Vorher aber scheint „Jean Paul“ seinem streitenden Pärchen noch Absolution zu erteilen – als sei er jener Menschenfreund, von dem man gelegentlich redet: „Übrigens wünsch' ich dieses geschilderte schlagfertige Ehepaar mit seinen Ehe- und Schlagringen nicht zu sehr von der feinern Ehewelt, die sich nie ausprügelt, verachtet zu sehen“, schreibt der Erzähler. Die Begründung aber fällt seltsam schwach aus: „Denn wahrlich die ätzenden Giftworte, die das raffinierte Ehepaar einander zutröpfelt, das verhaltene, wie ein Blasenpflaster ziehende Kränken, womit sie einander wund und heil machen wollen, reißet die Wunde bloß tiefer unter der Haut und macht zwar nicht den Chirurgus, aber wohl den Doktor nötig.“ Das klingt nun so, als seien die beiden armen Kampfhähne zu bedauern, da sie eines (Seelen-)Doktors bedürftig sind, aber ich glaube dem Erzähler nicht, dass er reales Mitleid mit seinen Figuren empfindet: es wiegt einfach zu wenig gegenüber dem kolossalen Spaß der Wortgewichte, die er an die groteske Situation gehängt hat.



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