Info
18.01.2013, 10:30 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
images/lpbblogs/logenlogo_164.jpg
Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [72]: Teuflische Moratorien und liebenswürdige Schelme

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/loge72_esterhazy_500.jpg
Vielleicht gab auch dieser Quinquin Quinquenellen heraus: Graf Ferenc Esterházy de Galántha (1715-1785)

Und der dritte Grund? Jeder Untertan könne sich von seinem Fürsten „Anstandsbriefe oder Moratorien“ verschaffen, dem Fürsten selber könnten sie nicht gegeben werden, wenn er sie sich selbst nicht gebe – aber er könne sich alle fünf Jahre ein Quinquenell bewilligen. Ein Quinquenell: es ist nichts anderes als ein Anstandsbrief oder Moratorium. Um dieses Moratorium einschätzen zu können, muss man nachschlagen: in Karl Friedrich Wilhelm Wanders Deutschem Sprichwörter-Lexikon. „Unsere Vorfahren“, lese ich dort, „hielten dies der Treue und dem guten Glauben zuwiderlaufend, indem dadurch der Gläubiger offenbar verletzt werde. Sie nannten daher diese Anstandsbriefe oder Quinquenellen eine Erfindung des Teufels.“

So also sieht es mit der Ehrlichkeit des Fürsten aus: sie ist geradezu teuflisch.

Denkt man an Quinquenells, so dringt im Synapsen- und Assoziationsgewitter ein Name ins Vorderhirn: Quinquin. Quinquin, so nennt die Feldmarschallin von Werdenberg in Richard Strauss' und Hugo von Hofmannsthals Rosenkavalier mehrmals ihren Liebsten, den jungen Octavian. Der Librettist (gepriesen sei sein Name) dachte vielleicht an den Franz Graf von Esterházy, also Graf Ferenc Esterházy de Galántha[1], ein Mann aus dem unmittelbaren Umkreis der Kaiserin und des Kaisers, in deren Epoche die geniale Oper spielt, dessen Kosename aufgrund seines Charmes „Quinquin“ lautete. „Quinquin“ heißt nämlich französisch „liebenswürdiger Schelm“ – ein Schelm ist der Fürst zweifellos, doch sicher kein liebenswürdiger.



[1] Auch für ihn komponierte Mozart 1785 (als Jean Paul wieder in Hof saß und Satiren schrieb und schrieb und schrieb) seine bedeutende Maurerische Trauermusik: eine Logenmusik ersten Ranges.



Kommentar schreiben